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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 08:28 Uhr

„Wo es lustig ist, bin ich dabei“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Erika Miermeister feiert heute mit Tochter, Enkeln und Urenkeln in der Senioren-Residenz Auetalblick ihren 100. Geburtstag

shz.de von
erstellt am 09.Dez.2015 | 00:34 Uhr

Der Mädchenname Frischmuth ist bei Erika Miermeister Programm. Sie hat stets einen fröhlichen Spruch auf den Lippen. Dass die rüstige Rentnerin heute 100 Jahre alt wird, kann die gebürtige Ostpreußin selbst gar nicht fassen. „Mein Kopf arbeitet noch ganz gut“, ist Erika Miermeister stolz. „Wo es lustig ist, da bin ich dabei“, verrät sie. Um auch körperlich fit zu bleiben, nimmt sie einmal wöchentlich an der Gymnastikstunde teil und trainiert die Übungen täglich in ihrem Zimmer.

Und eitel ist Erika Miermeister nach eigenem Bekunden noch immer. Denn: „Wenn eine Frau sich nicht pflegt, dann mieft sie“, bringt sie es mit Berliner Schnauze auf den Punkt. Auch einen Tipp für wach aussehende Augen hat sie parat: „Sie müssen die Augenbrauen und die Haut ums Auge herum mit den Fingern etwas kneifen.“ Das Geheimnis ihres Alters mag auch am Knoblauch liegen. „Früher habe ich den gern in Scheiben geschnitten auf einem Brot mit dick Butter drauf gegessen. Das reinigt die Gedärme“, verrät die Jubilarin und setzt ein verschmitztes Lächeln auf.

Seit ihrer Geburt als neuntes Kind hat Erika Miermeister viele Höhen und Tiefen erlebt. Schon mit 17 verließ sie den elterlichen Bauernhof im Kreis Insterburg und zog zu ihrer älteren Schwester nach Berlin, um eine Ausbildung als Fleischerei-Fachverkäuferin anzutreten. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann Erwin kennen. „Er war meine große Liebe.“ 1937 feierte das Paar Hochzeit und machte sich in Berlin mit einer Fleischerei selbstständig. Im selben Jahr wurde Tochter Toni geboren „Du bist eine gute und starke Frau. Pass auf, dass dir nichts geschieht“, zitiert Erika Miermeister die Liebesworte ihres Mannes.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Erika Miermeisters Stärke auf eine erste harte Probe gestellt. Ihr Mann wurde einberufen und die Fleischerei geschlossen. Mehr noch: Aufgrund des Bombenhagels auf Berlin wurde sie mit ihrer Tochter in die Schorfheide im Kreis Templin (Brandenburg) gebracht. Ihr Sohn Arno erblickte 1940 das Licht der Welt. Fünf Jahre später ging es für die Familie zu Fuß zurück nach Berlin. Doch Geschäft und Wohnung waren ausgebombt. „Wir waren völlig mittel- und obdachlos, so dass wir in Zwischenunterkünften Unterschlupf fanden. Nur trocken Brot gab es“, erinnert sich Erika Miermeister. Gott sei
Dank sei ihr Mann unversehrt aus
der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Doch ihr Zwillingsbruder Eugen kam nicht zurück, er fiel in
Stalingrad. „Ich habe ihn noch vor Augen – groß und stattlich. Diese Erinnerung ist mir sehr wichtig.“

Einen Neuanfang startete das Paar 1948 mit der zoologischen Tierhandlung „Tierbörse Ostkreuz“. Über die Jahre wurde es immer schwieriger, die Waren in den Ostteil der Stadt zu bekommen. Zehn Jahre später wagte das Ehepaar Miermeister, das in den Westteil Berlins gezogen war, einen weiteren Neustart und eröffnete in Neukölln wieder eine Fleischerei. „Das lief sehr gut, auch durch die Hilfe der Kinder“, erinnert sich die Jubilarin. Doch durch den Mauerbau im August 1961 wurde die Familie von Tochter Toni getrennt. „Das war furchtbar. Doch mit viel Kummer hätten sie auch das geschafft.“

Ihren Lebensabend wollten Erika und Erwin Miermeister in ihrem Häuschen in Niederkleveez verbringen und zogen dort 1968 ein. Sechs Jahre später nutzte Tochter Toni, mittlerweile verwitwet, einen Besuch in Westdeutschland und kehrte nicht wieder in die DDR zurück. Erwin Miermeister erlebte das freudige Erlebnis nicht mehr. Er war ein Jahr zuvor verstorben.

Das Haus übernahm Erika Miermeisters Sohn Arno, der seiner Mutter dort ein Zimmer einrichtete. Diese Gemeinsamkeit endete mit dem frühen Tod ihres Sohnes, der 68 Jahre alt wurde, im März 2009. Erika Miermeister zog nach Malente, erst in die Luisenstraße, dann in den Magnushof. Seit August 2012 lebt sie in der Senioren-Residenz Auetalblick und ist zufrieden: „Ich habe hier alles, was ich brauche. Was will ich mehr?“ Allerdings gehe es ihr nahe, alte und kranke Menschen zu erleben. „Ich bin ein weichherziges Mädchen, deshalb habe ich alle ‚adoptiert‘.“

Im Laufe ihres Lebens habe es viel Arbeit gegeben, aber auch Freude und Feste. „Ich habe immer Leben in unseren Freundes- und Lebenskreis gebracht.“ Dabei habe sie stets ein Spruch begleitet: „Frischmuth, so ist die Erika mit heiterem Sinn – futsch ist futsch und hin ist hin“.

Mit einem großen Fest feiert die Familie den 100. Geburtstag. „Na, das wird ja was“, ist das Geburtstagskind freudig gespannt. Zu den Gratulanten werden neben ihrer Tochter und den Enkelkindern auch ihre Urenkel aus Kropp (Kreis Schleswig-Flensburg) zählen, die sie so sehr liebt. Und vielleicht legt Erika Miermeister eine flotte Sohle aufs Parkett. Denn: „Musik höre ich sehr gern. Sie darf nur nicht so kreischig sein.“

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