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Ostholsteiner Anzeiger

22. August 2017 | 15:46 Uhr

„Wir wollen die Wahrheit wissen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Anzeigen gegen zwei Erzieherinnen – Eltern und Vorstand des Waldorfkindergartens erhoffen sich Klarheit nach Ermittlungen

Zwei Erzieherinnen der Krippengruppe (bis drei Jahre) des Waldorf-Kindergartens in Eutin sollen zwei Kinder misshandelt haben. Das berichten Eltern. Ein knapp drei Jahre alter Junge öffnete sich seiner Oma. Er spielte nach, wie ihn die Erzieherin am Tisch am Arm packte und seine Hand in die Flamme der Kerze hielt – mit den Worten: „Du bist böse“.

Auch im zweiten Fall, der dem OHA geschildert wurde, war es die Oma, der sich das Kind anvertraute: Plötzlich schickte das kleine, nicht einmal zwei Jahre alte Mädchen seine Großmutter mit den Worten aus dem Zimmer: „Raus Oma, du bist böse“. Die Mutter des Mädchens: „Meine Tochter fing auf einmal an, sich selbst oder ihr Spielzeug zu schlagen, immer mit den Worten ‚Du bist böse‘.“ Als sie dann in einer Facebookgruppe das Bild der verbrannten Fingerkuppen sah, habe sie genau hingeschaut und nachgefragt.

Auch im Kindergarten schlug das gepostete Foto hohe Wellen. Nach einer außerordentlichen Vorstandssitzung wurde die Mitarbeiterin, die der Junge benannt hatte, suspendiert. „Das haben wir nicht gemacht, weil wir glauben, dass wir die Kinder schützen müssen, sondern weil wir auch die Frau schützen wollen, bis alles geklärt ist“, sagte Christina Henkel aus dem Vorstand auf Nachfrage.

Im Elternbrief ein paar Tage später ist von einer Beurlaubung die Rede. „Die Ermittlungen der Polizei müssen wir jetzt abwarten“, sagte Daniel Binder, erster Vorsitzender am Donnerstag.

Fakt ist: Laut Polizei wird in zwei Fällen gegen zwei Mitarbeiterinnen des Kindergartens wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung und der Misshandlung Schutzbefohlener ermittelt. Fakt ist auch: Beide Kinder gehen nicht mehr in die Krippengruppe. Im Fall des kleinen Mädchens kam der Vorstand des Trägervereins „Zur Förderung der Waldorfpädagogik Eutin“ der Mutter zuvor, sprach ihr diese Woche die fristlose Kündigung aus. Henkel begründet das so: „Die vertrauensvolle Arbeit seitens der Pädagogen zur Mutter ist nicht mehr möglich.“ Die Mutter vermutet: „Ich soll wohl die anderen Eltern nicht mehr beeinflussen.“ Auch sie erstattete Anzeige – gegen die zweite Erzieherin. Diese Mitarbeiterin soll nach der Schilderung ihrer Tochter zugeschlagen haben. Sie ist nicht beurlaubt. Das Ziel der betroffenen Eltern: „Wir wollen die Wahrheit wissen und dass diese Menschen anderen Kindern das nicht mehr antun können.“

Das Problem: Die Eltern sagten, sie wüssten durch die psychologische Begutachtung ihrer Kinder, dass diese keine Fantasie-Geschichten erzählten, doch mit ihrem Anliegen fühlten sie sich vom Kindergarten nicht ernst genommen. Im Fall des Dreijährigen war es nach OHA-Informationen der Gutachter selbst, der die zuständige Aufsichtsbehörde des Kreises informiert hat. Die Mutter schildert: „Nach der ersten Information wurde eine Mitarbeiterin als sofortige Reaktion des Vorstandes suspendiert, in Gesprächen mit anderen Eltern und im Infoschreiben aber alles runtergespielt.“ Auch sei sie darüber verwundert, dass der Vorstand des Waldorf-Kindergartens mit jedem Elternpaar der zehn Kinder aus der Krippengruppe Einzelgespräche geführt und nicht die Ermittlungen der Kriminalpolizei abgewartet habe.

Die vom Vereinsvorstand beauftragte Anwaltskanzlei erklärte in dessen Auftrag dazu: „Wir haben von diesen Vorwürfen erfahren und diese durchaus ernst genommen. Die Erzieherin wurde kurzfristig bis zum Abschluss unserer Ermittlungen beurlaubt. Mit allen Beteiligten haben wir Gespräche geführt. Diese konnten den Verdacht der Kindesmisshandlung in unserer Einrichtung bisher nicht erhärten.“ Im Gegenteil: Auf der spontan einberufenen Elternversammlung am Donnerstagabend wurden Zweifel laut, dass die Verletzungen in der Kita entstanden sind. Andreas Beer, Vater und ehemaliges Vorstandsmitglied, sagt: „Für mich sehen die Wunden eher nach einer glatten Oberfläche wie einer Herdplatte aus, nicht nach einer Kerze.“ Es sei schlimm, dass ein Kind derartige Verletzungen erlitten habe, „aber ich sehe, wie gut die Pädagogen mit den Kindern arbeiten“. Seinerzeit war die maßgeblich beschuldigte Erzieherin noch nicht in der Krippengruppe. Seine Zweifel begründet er wie folgt: „Es hätten alle sehen müssen, so etwas wäre in dem kleinen Raum nicht unbemerkt geblieben.“

Die betroffenen Mütter entgegnen: „So etwas denkt sich ein Kind nicht aus. Das ist ja gerade das Schlimme, das jetzt keiner etwas gesehen haben will.“

In der Regel passen zwei, manchmal drei Erzieher auf zehn Krippenkinder auf. Gegen zwei der drei laufen nun die Ermittlungen. Eine erste Klärung erhofft sich der Vorstand nächste Woche durch das Rechtsmedizinische Gutachten zu den Brandblasen.  

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erstellt am 15.Apr.2017 | 00:54 Uhr

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