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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 21:15 Uhr

Eutin : „Wir sind erst am Anfang“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Kritik: Beim Spaziergang mit Betroffenen zeigen sich Schwachstellen in Sachen Barrierefreiheit. Ein Maßnahmenplan soll folgen.

shz.de von
erstellt am 24.Jun.2016 | 16:30 Uhr

Axel Kreutzfeldt ist bekannt für seine scharfe Kritik in Sachen Barrierefreiheit – auch beim Erlebnisspaziergang durch Eutin hielt der Kieler Architekt für barrierefreies Bauen damit nicht hinterm Berg.

Gut 20 Personen, darunter auch Vertreter des Senioren- und Behindertenbeauftragten der Stadt und des Kreises Ostholstein sowie Menschen mit verschiedensten Einschränkungen trafen sich Mittwochabend am Eutiner Bahnhof und erreichten erst nach eineinhalb Stunden den Marktplatz. Der Grund: Kreutzfeldt machte auf – aus seiner Sicht – zahlreiche Missstände aufmerksam. Das begann beim schon sanierten Teil des Bahnhofsvorplatzes und endete beim noch zu sanierenden Marktplatz.

„Was bisher passiert ist, hilft den meisten Menschen relativ wenig“, sagte Kreutzfeldt. „Die Rampe zum Gleis ist zu steil und hat nur auf einer Seite einen Handlauf, der Handlauf an der Treppe ist zu kurz, das Aufmerksamkeitsfeld für Seheingeschränkte vor den Stufen fehlt, das Behinderten-WC ist zu klein, die Armstützen darin zu hoch angebracht und eine optische Orientierung fehlt auf dem großen Platz“, nannte Kreutzfeldt Beispiele. Weiter ging es beim Überqueren der Bahnhofstraße: „Hier fehlt das Signal, Rollstuhlfahrer bleiben am Bordstein hängen, Seheingeschränkte werden gar nicht gewarnt, dass vor ihnen die Straße beginnt.“ Auch die Entwässerungsmulden in der Peterstraße böten keinerlei Orientierung, kleineres Pflaster sei die Lösung. Mobilitätsbeiratsmitglieder wie Alexander Bauer machten mit einer besonderen Brille, die eine Sehstärke von 25 Prozent simuliert, den Selbstversuch und waren überrascht, ob der mangelnden Orientierung.

Einer, der es gar nicht mehr anders gewohnt ist, und trotzdem damit zurecht kommt, ist Thomas Ulbrich (50). Vor 16 Jahren bekam er die Diagnose Multiple Sklerose (MS), seit sechs Jahren sitzt er im Rolli, auch die Sehstärke geht zurück. Wobei hatte er wirkliche Probleme? „Das einzige, das wirklich gestört hat, war das WC. Wer nicht mehr so fit ist wie ich, hat da echt ein Problem.“ Er habe schon mehrerer solcher Spaziergänge in anderen Gemeinden gemacht – unter anderem in Ratekau, der ersten Gemeinde, die sich einem Aktionsplan für Barrierefreiheit verpflichtet hat. „Das hat wirklich etwas gebracht, den Menschen mal zu zeigen, was Betroffene brauchen und wo es hakt“, sagt Thomas Ulbrich. Das Problem in Eutin: Keine Verwaltung, kein Bürgermeister, kein politisch gewählter Vertreter aus den entscheidenden Ausschüssen – nur Grünen-Nachrücker Johann Wischerath.

Ulbrich: „Das Problem solcher Veranstaltungen ist doch immer das gleiche: Letztlich schimpfen die, die gar nicht betroffen sind, am meisten.“ Barrierefreiheit sei ein wichtiges Thema – „ohne Frage“, aber die andauernde Kritik auf dem Spaziergang war selbst Senioren- und Behindertenbeauftragten zu heftig: „Wir sind in Eutin am Anfang und es hätte bestimmt einiges besser laufen können, aber es ist nicht nur so negativ, wie es hier dargestellt wird.“

Alexander Bauer will die Ergebnisse des Spazierganges in einen Maßnahmenkatalog für den Bau- und den Stadtentwicklungsausschuss umformen. Bauer: „Schon vor der Wahl zeigten sich beide Bürgermeisterkandidaten offen der Problematik gegenüber und wagten den Selbstversuch. Ich wage zu hoffen, dass Gremien wie der Mobilitätsbeirat künftig mehr Gehör finden werden.“


Reaktion des Planers


Planer Philipp Haggeney sagte gestern auf Nachfrage: „Die Planung erfolgte immer in Absprache mit der Stadt. Ich als Planer habe vorgeschlagen für die bessere Orientierung an Stelle der Entwässerungsmulden eine dreizeilige Rinne als taktilen Streifen zu setzen.“ Dies funktioniere in Hamburg auch. Die fehlenden Aufmerksamkeitsfelder am Bahnhof sollen nach seiner Kenntnis im Zuge der Sanierung des Bahnhofes (2017) insgesamt gefräst werden.

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