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„Wir müssen uns alle mal an die Nase fassen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Dr. Cebel Küçükkaraca: „Leider haben Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft Wurzeln geschlagen“

von
erstellt am 05.Jan.2016 | 00:32 Uhr

Der OHA sprach mit Dr. Cebel Küçükkaraca, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Schleswig-Holstein, der im August für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde:

Herr Küçükkaraca, seit 20 Jahren stellt die Landespolizei Bewerber mit einem sogenannten Migrationshintergrund, also mit ausländischen Wurzeln, ein. Wie bewerten Sie hierbei die Entwicklung und Situation bei der Landespolizei?
Die Landespolizei ist im Vergleich zu vielen anderen Verwaltungsapparaten vorbildlich, was die Ansprache, Ermutigung und die Einstellung von Menschen mit Migrationshintergrund angeht. Natürlich wünschen wir uns als Interessenvertretung noch einen größeren Anstieg der Zahlen, denn eine repräsentative Abbildung der Bevölkerung ist noch nicht erreicht.

In welcher Form gibt es eine Zusammenarbeit zwischen der Türkischen Gemeinde und der Landespolizei?
Die Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein und die Landespolizei arbeiten schon seit mehreren Jahren zusammen. In erster Linie finden regelmäßig zum Bewerbungszeitraum der Landespolizei Informationsveranstaltungen mit der Ausbildungsstelle der Polizei statt. Wir haben bei verschiedenen Polizeidienststellen Seminare zur interkulturellen Öffnung und Informationsveranstaltungen zum Islam angeboten und Moscheeführungen in Kooperation mit muslimischen Gemeinden durchgeführt.
Auch mit der Abteilung Kriminalitätsprävention steht die TG-SH im engen Kontakt.
Wer sind in der Landespolizei Ihre vorrangigen Ansprech- und Gesprächspartner?
Für verschiedene Ansprachen stehen unterschiedliche Kontakte zur Verfügung. So verkehren wir sowohl mit der Chefetage als auch mit den einzelnen Revieren. Für die Ausbildungsveranstaltungen sind dies Horst Winter und Harun Biner.
Bei der Kriminalitätsprävention ist Herr Fallesen unser erster Ansprechpartner.

Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?
Die Informationsveranstaltungen werden gemeinsam geplant und in den Räumlichkeiten der TGS-H durchgeführt. In der zweiten Jahreshälfte finden mehrere Veranstaltungen statt. Angebote zur interkulturellen Sensibilisierung werden auf Anfrage in den Räumlichkeiten der Polizei ausgerichtet. Mit der Kriminalprävention findet ein regelmäßiger Austausch im Quartal statt.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit?
Die Zusammenarbeit ist vertrauensvoll und zuverlässig. Sie ist wertvoll für die gemeinsame Zielgruppe der Menschen mit Migrationshintergrund.

Wo gibt es nach Ihrer Auffassung möglicherweise noch Verbesserungsmöglichkeiten?
Zum Beispiel, dass für Menschen mit Migrationshintergrund Vorbereitungskurse für die Einstellungstests angeboten werden und die Zahl der Bewerber gesteigert wird. Dennoch sind die Erfolge, die die Landespolizei bislang erzielt hat, vorbildlich. Mittlerweile kann sie Vorbilder wie Herrn Biner vorweisen, die den Weg des Polizei-Berufes erfolgreich beschreiten.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang persönlich bei Begegnungen mit Polizisten gemacht?
Ich erinnere mich nur an reibungslose, freundliche Begegnungen. Allerdings habe ich Polizisten kennengelernt, die selbst einen Migrationshintergrund haben, die überraschenderweise mehr Vorurteile gegen Menschen ihres Herkunftskulturkreises hatten als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Migrationshintergrund. Daran sieht man, dass es nicht genügt, Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen. Vielmehr muss sämtliches Personal bezogen auf Vielfalt geschult werden.
Haben Sie das Gefühl oder den Eindruck, dass es bei der Polizei Ansätze für eine Ausländerfeindlichkeit gibt?
Polizisten sind auch Menschen. Dass Bemerkungen gemacht werden, die aus persönlichen Vorurteilen resultieren können, ist nicht auszuschließen. Ich würde nicht den Begriff Ausländerfeindlichkeit verwenden, weil es die Gruppen, die von Diskriminierung betroffen werden, zu stark einschränkt auf eine Eigenschaft. Leider haben sowohl der Rassismus als auch die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft Wurzeln geschlagen. Sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Davor konnte die Polizei genauso wenig geschützt werden wie Lehrer, Berufsberater oder Journalisten, um nur einige Berufsgruppen zu nennen. Daher ist es wichtig, dass Begegnungen stattfinden, Kurse zur interkulturellen Sensibilisierung zur Stärkung der interkulturellen Kompetenz angeboten und wahrgenommen sowie Möglichkeiten für Reflexion geschaffen werden. Wir müssen uns alle mal an die eigene Nase fassen. Denn einen Migrationshintergrund zu haben, heißt nicht per se, interkulturell kompetent zu sein. Interkulturelle Kompetenz erlangt man nicht mit einem Seminar. Es ist ein unendlicher Prozess, der initiiert wird. Diesem Prozess hat sich in Teilen die Landespolizei geöffnet. Der nicht endende Prozess verlangt aber eine ständige Hinterfragung der eigenen Position. Somit muss der Auftrag auf beiden Seiten weiter verfolgt werden.

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