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„Wir müssen für Eutin an einem Strang ziehen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein „gedeihliches Miteinander“ statt kräftezehrender Hausaufgaben: Im Fokus des Handelns soll aus Behnks Sicht das Wohl der Stadt stehen

shz.de von
erstellt am 31.Jul.2017 | 00:05 Uhr

Carsten Behnk (50) hat das erste Jahr als Eutins Bürgermeister hinter sich. Der Ostholsteiner Anzeiger interviewte ihn in seinem umgebauten Büro. Dabei ging es unter anderem um die oft beschriebene „Multi-Projektlage“, bezahlbaren Wohnraum, den Gesundheitscampus und die Eutiner Kommunikation, die manches langwieriger macht als andernorts.

Herr Behnk, macht das Bürgermeister sein noch Spaß oder haben Sie es schon bereut?
Natürlich macht es noch Spaß Ich habe mit allem gerechnet. Aber bei der Schlagzahl, mit der ich gleich zu Amtsbeginn begonnen habe, ist es sehr fordernd und kräftezehrend. Es wäre gelogen, das nicht zu sagen. Das Schwierigste jedoch sind gar nicht mal die Projekte, sondern zahlreiche Meinungen, wie so ein Amt zu erfüllen ist, dabei muss da jeder seinen eigenen Weg finden.

Und: Haben Sie ihn gefunden?
Ich bin noch dabei aber auf einem guten Weg. (lacht)

Sie sprachen die hohe Schlagzahl an. Was war eigentlich ihr größtes Problem im ersten Jahr: Die Bürgerinitiative zum Haus des Gastes? Ein drohender Baustopp in der Peterstraße oder etwas ganz anderes?
Es fing schon vor der ersten Minute mit einem Krisenmanagement an, wie an den Zahlen der Landesgartenschau noch etwas zu drehen ist. Da war für mich gleich Nachsteuerungsbedarf erkennbar, deswegen habe ich mit sehr viel Druck versucht, im Marketing etwas zu bewegen, was mir dann gelungen ist. Hätten wir das nicht gemacht, wäre das Ergebnis noch viel schlechter ausgefallen, so ist es erträglich. Insgesamt ist es ein Riesengewinn, denn wir haben vieles dadurch anschieben können.

Läuft die Zusammenarbeit mit der Selbstverwaltung so, wie Sie sich das vorstellen?
Da stelle ich bisher nur das fest, was ich vor Amtsantritt auch schon beobachtet habe. Die Kommunikation hatte ich zum Thema gemacht, innerhalb der Verwaltung läuft sie sehr gut, ich habe viele Kommunikationsformate eingeschoben. Das läuft. Die Mitarbeiter haben sich im ersten Jahr auf mich eingestellt und andersherum. Da gibt es ein gutes Miteinander. Gegenüber den Bürgern habe ich auch das Gefühl, dass die Kommunikation nach außen gut läuft. Auf die Selbstverwaltung bezogen, sind wir hier auf einem guten Weg. Am Anfang war das zuweilen schwierig, weil Fraktionen auch immer aus vielen Einzelpersönlichkeiten zusammengesetzt sind und die müssen gewürdigt und eingebunden werden. Gerade die Dynamik der vielen Ereignisse ist gelegentlich schwierig zu vermitteln in kurzen Besprechungen. Die gleichen Wissensstände sind aber wichtig, um Entscheidungen zu treffen und Dinge auch nachvollziehen zu können.

Sind Sie ein impulsiver Mensch? Ihr deutliches Wort über Aufgaben aus der Politik hallte noch nach. Knarzt es gerade zwischen ihnen und der Selbstverwaltung?
Nein. Ich bin kein Mensch ohne Emotionen, versuche aber oft Ruhe reinzubringen und auszugleichen. Aber manchmal fühle ich auch, dass ein deutliches Wort angebracht ist.

Und haben Sie den Eindruck, dass das gut ankam? Immerhin ist es Aufgabe der Ausschussmitglieder, die Verwaltung zu überprüfen?
Es gibt Unterschiede in der Qualität der Nachfragen und Arbeitsaufträge und es gibt auch Spielregeln miteinander, die in der Gemeindeordnung, der Kommunalverfassung und der Geschäftsordnung niedergelegt sind. Mir ist es wichtig, dass wir das mal wieder ins Bewusstsein bringen. Ich weiß, dass die ehrenamtliche und hauptamtliche Verwaltung an einem Strang ziehen und das Beste für die Stadt wollen.

Was zählt für Sie noch zu den großen Brocken des ersten Jahres?
Alle Aktivitäten rund um den Bürgerentscheid des Haus des Gastes. Wir hätten den 7. Mai im Einvernehmen sicherlich einfacher hinbekommen. So war es sehr streitbelastet.

Wie wollen Sie, wie will Stadt weiter in Sachen Einigung bei den Rammschäden vorgehen? Wäre nicht auch hier Kommunikation mit den Betroffenen ein erster Schritt?
Es handelt sich um ein laufendes Verfahren. Deshalb können wir (als Stadt, Anmerk. der Red.) leider keine weiteren Angaben dazu machen.


Die Sanierung der Peterstraße läuft gut voran. Ist da alles im Zeitplan?
Ja, da liegen wir im Zeitplan. Dass es ruhiger ablief als befürchtet lag auch daran, dass wir die Kaufleute mit ins Boot geholt haben, viele Infoformate abhielten und letztlich geben uns die Abläufe recht. Es ist im Lebenszentrum einer Stadt eine schwierige Aufgabe für Tiefbauer, eine Belastung für Anlieger und alle drumherum – aber es ist glücklicherweise bis jetzt eine erträgliche.

Es gab zwischenzeitlich Diskussionen darum, den Rosengarten in der Reihenfolge der Stadtsanierung dem Marktplatz vorzuziehen. Was ist aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Wir haben eine gültige Beschlusslage. Wobei die Maßnahmenplanung auch nicht eins zu eins umgesetzt werden muss, man kann auch was umstellen. Ein Stopp geht nicht. Ob es sinnvoll oder möglich ist, die Reihenfolge zu ändern, lassen wir gerade prüfen. Was wir aber als Planungssicherheit für alle sagen können, ist: Der Markt wird nicht vor September 2018 zur Baustelle. Es ist eine wichtige Maßnahme und sie wird genauso intelligent geplant wie in der Peterstraße. Da wird nicht wie in Horrorszenarien geschildert, der ganze Platz auf einmal aufgerissen. Das wird auch in Abschnitten laufen.

Sind Detailplanungen schon fertig? Immerhin wäre bis September 2018 nur noch ein Jahr Zeit.
Die Detailplanung ist noch nicht begonnen. Das wäre jetzt zu früh. Wir warten erst auf die Darstellung, was wann wie möglich wird.

Wann wird dies geklärt sein?
Nach den Ferien, wenn der politische Betrieb wieder beginnt.

Hat Eutin ein Problem mit bezahlbarem Wohnraum?
Wohnungsknappheit haben wir, wir könnten mehr Wohnungen gebrauchen. Aber das liegt auch daran, dass Eutin attraktiv ist. Es sind vor nicht langer Zeit mehrere 100 Wohnungen entstanden.

Aber für besondere Klientel wie Wohnen im Alter.
Die machen dann aber auch Wohnungen frei, die wieder für andere verfügbar sind. Die Wohnraummenge ist gestiegen. Die Wobau ist in der Seestraße aktiv. Dort entstehen 30 neue Wohneinheiten, davon neun öffentlich gefördert. Dafür kann ich der Wobau nur danken. Denn die Finanzierung öffentlich geförderter Wohnungen ist nicht so attraktiv. Die Nachfrage für das Baugebiet Sonnenkoppel ist ebenfalls hoch. Auch da erwarte
ich neben Neuzuzügen auch Wechsel aus hiesigen Mietwohnungen. Dann gibt es an der Stelle wieder eine Entspannung. Wir stehen nicht bei null und haben einiges in Bewegung gebracht. Wir sind Mittelzentrum und haben den Auftrag zu wachsen.

Wenn man an die Sozialschwachen denkt, sind Mietwohnungen, die frei werden, weil sich die Bewohner ein Haus bauen, wohl eher nicht finanzierbar.
Wir könnten in Eutin mehr bezahlbaren Wohnraum gebrauchen. Aber das ist ein Problem, das wir bundesweit haben und da muss auch darauf reagiert werden. Als Kommune wären wir damit allein überfordert.

Über die Schulentwicklung wird auch immer wieder diskutiert. Fehlt es in Eutin amKonzept?
Wir haben das Problem, dass das Konzept, was verfolgt wird, aufgrund der langen Laufzeit einigen aus der Erinnerung fällt. Die Sporthalle am Güterbahnhof ist der gefundene Kompromiss nach langer Suche. Auf dem Wisser-Gelände kann dann, nach Fertigstellung der Halle, eine Zusammenführung mit Standort Kleiner See erfolgen. Die Weber-Schule ist ertüchtigt, Voß steht gut da. Und für die Grundschule gibt es einen Beschluss für drei Standorte. Wir stehen nicht ohne Konzept da.

Wie schnell schätzen Sie die Umsetzung ein?
Das steht und fällt mit dem Bau der Turnhalle. Je länger man diskutiert und nicht handelt, desto länger wird es dauern, bis es eine Entspannung gibt.

Warum wird in Eutin so oft über einmal gefasste Beschlüsse diskutiert?
Das ist sicher kein Eutiner Phänomen. Am Ende kriegen wir alles hin. Der Weg dorthin ist manchmal länger als er vielleicht sein müsste.

Sehen Sie eine Möglichkeit, diese Spirale zu durchbrechen? Das macht ja auch ihre Arbeit leichter.
Würde es. Verwaltung könnte sich dann auf die Beschlüsse verlassen. Das brauchen wir. Ich bin ein Freund davon zu sagen: „Das ist jetzt entschieden.“ Das soll nicht heißen, dass man nicht nochmal darüber nachdenken muss, wenn es neue Erkenntnisse gibt. Aber wenn man es zum System erhebt, immer nochmal neu darüber nachzudenken, dann ist das von der Grundhaltung etwas, das schwierig ist.

Was steht auf ihrer Prioritätenliste für ihr zweites Jahr ganz oben?
Alle bekannten Vorhaben wie den Fortgang der Stadtsanierung, die Ansiedlung eines Hotels, Bau des Feuerwehrgerätehauses, Sanierung der Reithalle, Ertüchtigung der Sportstätten, denn auch das Stadion am Waldeck ist dringender Handlungsbedarf und natürlich das Vorantreiben der Ansiedlung einer Jugendherberge.

Gibt es bei der Jugendherberge etwas Neues?
Nein, nichts Neues. Wir sind aber in Gesprächen.

Welche Chancen hat der Gesundheitscampus aus ihrer Sicht am geplanten Standort im Gewerbegebiet?
Es ist ein sehr sensibles Thema. Das Modell ist interessant aber die Herausforderung ist der Standort. Wir haben dort ein funktionierendes Gewerbegebiet. Der Campus beinhaltet auch Wohnen und das ist der natürliche Feind des Gewerbebetriebs. Die Verwaltung ist deshalb sehr sensibilisiert und der Projektentwickler muss die Finanzierung jetzt ohne Wohneigentum darstellen. Das stellt gewisse Anforderungen an die Finanzierbarkeit der ganzen Maßnahme.

Haben Sie einen Wunsch fürs nächste Amtsjahr?
Mein größter Wunsch wäre, dass die Maßnahmen greifen und es gelingt, die Innenstadt zu ertüchtigen, die Kaufkraft zu stärken und Eutin als Wohn- und Erholungsort neu zu etablieren. Da haben wir viel zu machen und es steht und fällt mit der Ansiedlung des Hotels. Wenn das mit der Ostholsteiner Behindertenhilfe klappt, ist das ein Meilenstein.

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