Zwischen Volksfest und Schautag : Wieviel Mittelalter verträgt Ostholstein?

Nur Show oder authentisch? Bei vielen Mittelalter-Märkten können Besucher oft nicht zwischen Fiktion und Fundiertem unterscheiden.
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Nur Show oder authentisch? Bei vielen Mittelalter-Märkten können Besucher oft nicht zwischen Fiktion und Fundiertem unterscheiden.

Viele Veranstaltungen haben oft nichts mit einer authentischen Rekonstruktion eines mittelalterlichen Marktes zu tun. Veranstalter suchen einen Mittelweg zwischen Volksfest und historisch-fundierten Schautagen.

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28. Juli 2014, 15:43 Uhr

Lütjenburg | Sie heißen „Vielerley Feierey“, Wikingerlager oder einfach nur Mittelaltermarkt: Mehr als 800 Veranstaltungen gibt es in diesem Jahr rund um Minnegesang, Schaukämpfe und Glasperlen in Deutschland – 2004 waren es noch rund 300. Etwa 30 mittelalterliche Veranstaltungen finden davon in Schleswig-Holstein statt, darunter auch regelmäßig einige in den Kreisen Plön und Ostholstein – wie in Lütjenburg erst vor kurzem die „Mittelalterey“ rund um die Turmhügelburg.

Alle Märkte stehen in Konkurrenz mit einander und zu anderen Aktionstagen. „Vieles sind Großveranstaltungen, die aussehen wie zurzeit das Musik-Festival in Wacken“, sagt Bernd Oldewurtel, 2. Vorsitzende des Vereins „Gesellschaft der Freunde der mittelalterlichen Burg in Lütjenburg“. Oldewurtel warnt vor zu viel Hollywood bei Mittelalter-Veranstaltungen: „Wir sind kein Rummel, sondern ein Museum.“

Oldewurtel legt damit die Finger in eine offene Wunde der Mittelalter-Szene. Trotz des Begriffes „Mittelalter“ im Namen wird auf Mittelaltermärkten meist eine Anmutung vom Mittelalter gezeigt. Viele Veranstaltungen haben oft nichts mit einer authentischen, also einer geschichtlich genauen Rekonstruktion eines mittelalterlichen Marktes zu tun. Und gerade letzteres hat sich der Verein auf die Fahnen geschrieben.

Zwischen Volksfest und historisch-fundierten Schautag scheint es keinen Mittelweg zu geben. Oldewurtel rief jetzt in einem Brief die 430 Mitglieder des Lütjenburger Vereins dazu auf, mit Veranstaltungen rund um die Hügelburg insbesondere Besucher anzusprechen, die „das authentische und familiäre Ambiente“ zu schätzen wissen – um langfristig auch „die Besucherzahlen zu halten und zu steigern“.

Problematisch sei zudem ein gewisser Gewöhnungseffekt auf Seiten des Publikums. Oldewurtel konstatiert: „Wenn Mehrfachbesucher unserer Feste glauben, immer nur Wiederholungen zu sehen, werden sie unsere Feste nicht kontinuierlich, sondern nur in größeren Zeitabständen besuchen.“

Auch in der Nachbarschaft – beim Wallmuseum Oldenburg – sieht man das ähnlich. „Es reicht nicht mehr nur, dass Mittelaltermarkt draufsteht“, sagt Stephan Meinhardt, Geschäftsführer der gemeinnützigen Betreibergesellschaft. Seine Beobachtung: „Die Besucher werden anspruchsvoller.“

Auch wenn die Zahl der Mittelaltermärkte bundesweit zurückgeht: Wallmuseum wie Turmhügelburg sind mit den Besucherzahlen zufrieden – ohne jedoch konkrete Zahlen nennen zu wollen. Dennoch spricht Bernd Oldewurtel in seinem Brief an die Vereinsmitglieder von einer Finanzierungslücke, sofern Besucher ausbleiben. Denn darüber werde nicht nur das Mittelalterspektakel, sondern auch die Burg und ein zukünftiges Ausbauprojekt finanziert.

Josephine Jadzejewski, Betreiberin des Freilichtmuseums Katharinenhof auf Fehmarn, wo regelmäßig große Mittelalter-Sommerspektakel stattfinden, sieht sich mit stagnierenden Besucherzahlen konfrontiert. „Mittelaltermärkte gibt es überall, das ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr.“ Bei den Besuchern versuche sie, die Fantasie anzuregen, sie zu beteiligen. So können Gäste beispielsweise historische Spiele spielen. Im Wallmuseum wiederum setzt man auf den Humor der Händler, die die Besucher in den
Bann ziehen sollen. Rund um die Turmhügelburg möchte man mit Qualität punkten – ohne Party- und Fressmeile: „Bei uns muss alles archäologisch nachgewiesen sein“, sagt Bernd Oldewurtel. Angebotene Waren, Kostüme wie Schaukämpfe müssen folglich das wahre Mittelalter widerspiegeln – und nicht bloß Hollywood.

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