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Ostholsteiner Anzeiger

20. September 2017 | 18:25 Uhr

Wie Kriegsgegner zu „Verbrechern“ wurden

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Eutiner Wilhelm Dittmann, Cesar Klein und Erich Mühsam zahlten für ihr politisches Engagement einen hohen Preis / Von Prof. Dr. Jörg Wollenberg

von
erstellt am 24.Apr.2014 | 17:47 Uhr

Am 22. und 23. Januar 1926 hielt der in Eutin geborene Reichstagsabgeordnete der SPD, Wilhelm Dittmann (1874-1954), eine sechsstündige Rede vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Reichstages zur Dolchstoß-Legende. Dittmanns Ausführungen über die Marinevorgänge von 1917 und 1918 schlugen ein wie eine Bombe. Der von der USPD im November 1918 in die Revolutionsregierung, den „Rat der Volksbeauftragten“, delegierte einstige Koordinator der „radikalen Mehrheit“ gegen den Krieg hatte die amtlichen Geheimakten von 47 Schiffsprozessen, 13 Aktenbände des Reichsmarineamtes und 14 des Reichsgerichtes sorgfältig und gründlich durchgearbeitet, um zur Aufklärung über das Gewalt- und Willkürregiment in der Reichsflotte während des Krieges beizutragen. Seine dazu zeitgleich vorgelegte Broschüre über die „Marine-Justizmorde von 1917 und die Admirals-Rebellion von 1918“ sicherte die weitreichende Publizität in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit ab. Dazu von den Rechten mit Mordanschlägen bedroht, sah sich Dittmann nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gezwungen, ab Februar 1933 als verfolgter „Novemberverbrecher“ in die Schweiz zu fliehen.

Lange wartete der prominente linke Sozialdemokrat als einstiger Minister und Fraktionsvorsitzender nach 1945 auf einen Rückruf aus den Reihen seiner Partei, die ihn erst 1951 mit einem Posten im Parteiarchiv abspeiste und sich verweigerte, seine umfangreichen Erinnerungen zu veröffentlichen. Allzu deutlich hatte er dort den Anpassungskurs der SPD-Führung von 1933 ebenso kritisiert wie den von 1914, als sich die Organisationen der Arbeiterbewegung auf einen „Burgfrieden“ mit den politisch-militärischen und wirtschaftlichen Eliten einließen.

Der Glaube an den „Verteidigungs“-Charakter der deutschen Kriegsführung und die Erwartung, eine kriegsloyale Sozialdemokratie werde nun endlich allgemeine gesellschaftliche Anerkennung finden, führten zu dieser Fehleinschätzung von 1914, die die Spaltung der Partei zur Folge hatte. Und so konnte Kaiser Wilhelm II. verkünden, er kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. „Bruder Hitler“ (Thomas Mann) sollte diese fiktiven seelischen Verbindungen von Volk und Führer im völkischen Staat, in „Hitlers Volksstaat“ (Götz Aly) noch einmal überhöhen.

Ein ähnliches Schicksal wie der gelernte Tischler aus Eutin erlebte der in Hamburg geborene Künstler Cesar Klein (1876-1954). Der Maler, Grafiker, Bühnenbildner und Architekt beteiligte sich zusammen mit Wilhelm Dittmann in der Novemberrevolution an der Herausgabe des „Revolutionsalmanachs“ für 1919. Mit den Anhängern der USPD plädierte er für „Freiheit und Sozialismus“ und entwarf für die Partei von Dittmann im Januar 1919 ein Wahlplakat, in dem die „Arbeiter, Bürger, Bauern, Soldaten aller Stämme Deutschlands“ aufgefordert werden, sich in der Nationalversammlung zu vereinen.

Mit Max Pechstein und Walter Gropius gehörte Cesar Klein zu den Begründern der revolutionären „Novembergruppe“ und wurde 1919 als Lehrer an der Hochschule der bildenden Künste in Berlin in den Vorstand des „Arbeiterrats für Kunst“ gewählt. Schon vor dem Krieg war er als Begründer der „Neuen Sezession“ in Berlin an der Durchsetzung der Kunst der Moderne in Deutschland beteiligt.

1933 wurde Cesar Klein als „entarteter Künstler“ seine Berliner Professur durch
die NS-Reichskulturkammer aberkannt. Diffamiert und ausgegrenzt überlebte er die NS-Zeit zurückgezogen in der „inneren Emigration“ im ostholsteinischen Pansdorf, wo ich ihn als Nachbar meiner Großeltern ab 1944/45 persönlich kennen lernte und wo er am 13. März 1954 fast vergessen verstarb. Umso erfreulicher und verdienstvoller ist es, dass das Ostholstein-Museum in Eutin Cesar Klein noch bis zum 4. Mai 2014 eine gut dokumentierte, eindrucksvolle Ausstellung widmet, die allerdings den politischen Graphiker Cesar Klein aus den Revolutionsjahren ausklammert.

Besser davon kamen die Anhänger des „Eutiner Almanachs“ im Eutiner Dichterkreis. Mit ihren Mitgliedern – unter anderem der Nachfolger Heinrich Manns als Präsident der gesäuberten Preußischen Akademie der Dichtung, Hans Friedrich Blunck (1888-1961), oder Hermann Claudius (1878-1980), Gustav Frenssen (1863-1945) und Edwin Erich Dwinger (1898-1981). Sie alle engagierten sich für Eutins Weg vom „Weimar des Nordens“ zur „Hochburg des Nationalsozialismus“.

Und sie verherrlichten mit dem Herausgeber des Eutiner Almanachs, Christian Jenssen (1905-1996), die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, die „stürmischen Ereignisse dieses zweiten Völkerringes unseres Jahrhunderts, das Gestalt und Wesen Europas endlich von seiner natürlichen Mitte her für eine weite Zukunft bestimmen wird“ (Almanach 1940, S. 118)

Es erübrigt sich hinzuzufügen, dass diese Anhänger des „Flammenrausches des Vaterlandes“ (Theodor Lessing) in der Regel ohne große Einschränkungen ihre Karriere nach 1945 fortsetzen konnten und mit dazu beitrugen, dass entschiedene Gegner des Nationalsozialismus und Vertreter des Exils wie die aus Lübeck stammenden Brüder Heinrich und Thomas Mann oder Willy Brandt nach 1945 als „Vaterlandsverräter“ diffamiert wurden und Kommunisten ausgegrenzt blieben.

Erich Mühsam, der 1878 geborene Sohn eines jüdischen Apothekers aus Lübeck (Löwen-Apotheke), gehörte mit dem Redakteuren des „Lübecker Volksboten“ Fritz Solmitz und Julius Leber (SPD) zu den gesellschaftskritischen Publizisten, die 1933 in die frühen Konzentrationslager eingeliefert und von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Der als Anarchosyndikalist zeitlebens ausgegrenzte freie Schriftsteller Erich Mühsam war schon wegen „sozialistischer Umtriebe“ in Lübeck von dem Gymnasium verwiesen worden.

Der engagierte Kriegsgegner des Ersten Weltkrieges und Verteidiger der Münchener Räterepublik von 1919 beteiligte sich an allen „Kampfkomitees“ gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, die ihn früh als „meistgehassten Roten“ verfolgten, ihn noch in der Nacht des Reichstagsbrandes (28. Februar 1933) verhafteten und schließlich am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS ermorden ließen.

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