Konfliktpflanze Jakobskreuzkraut : Wie gefährlich ist das gelbe Gift?

Gelb und giftig: Jakobskreuzkraut erregt landesweit die Gemüter.
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Gelb und giftig: Jakobskreuzkraut erregt landesweit die Gemüter.

Eine Pflanze breitet sich immer mehr aus, und das an Wegrändern und auf Naturschutzflächen: Jakobskreuzkraut. Die Furcht, dass sich damit Tier und Mensch vergiften könnten, wächst. In der Gemeinde Süsel gab es eine intensive Diskussion mit Experten.

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02. Juli 2014, 11:51 Uhr

Keiner mag es. Landwirte ebenso wenig wie Naturschützer. Jakobskreuzkraut (JKK). Die Pflanze enthält zu ihrer Verteidigung gegen Fraßfeinde sogenannte Pyrrolizidin-Alkaloide (PA). Das klingt schon giftig. PA sind Stoffe, die sich bei Säugetieren in der Leber anreichern – bis eine zu hohe Dosis zum Tod führt.

In den vergangenen Jahren hat sich das gelb blühende Kraut im ganzen Land massiv und flächendeckend ausgebreitet. Vor allem an Straßenrändern, auf Brachen und nicht zuletzt auf Naturschutzflächen gibt es riesige Vorkommen. Und es wächst die Furcht, dass PA sowohl Tier als auch Mensch vergiften könnten. In einigen Honigproben sind erschreckende Werte aufgetaucht.

Tiere fressen JKK in der Regel nicht, weil es bitter schmeckt. Aber gemähte Pflanzen, die auf der Wiese liegen oder ins Heu wandern, verlieren den bitteren Geschmack, aber nicht ihren giftigen Inhalt.

Die Naturschutzgebiete am Barkauer und am Middelburger See, deren Flächen zum Großteil im Eigentum der landeseigenen Stiftung Naturschutz sind, gehören zu den Arealen mit massenhaftem JKK-Bewuchs. Vor dieser Entwicklung warnen der Gothendorfer Landwirt Hans-Hinrich Hatje und der Zarnekauer Imker Rainer Korten seit längerem.

Das gab den Anstoß für eine Informationsveranstaltung am Dienstagabend, zu der die Gemeinde Süsel in das TSV-Heim geladen hatte. Angesichts des Interesses reichten die Stühle kaum aus: Über 100 Kommunalpolitiker, Landwirte, Imker und Behördenvertreter hörten sechs Referate und diskutierten darüber, wie mit JKK zu verfahren sei.

Das Ergebnis des Abends: Die Kluft bleibt zwischen der radikalen Fraktion, die das JKK massiv bekämpft wissen will, und der liberalen Fraktion, die individuell abgestimmte Maßnahmen bis hin zur Tolerierung des gelben Krautes befürwortet. Die einen sehen im JKK eine Pest, die unnachgiebig bekämpft werden muss. Andere sehen eine heimische Pflanze mit tolerierbarem Gefahrenpotenzial.

Hans Hinrich Hatje sprach zur Eröffnung des Abends von „Irrsinn“, der auf den extensiv beweideten Naturschutzflächen am Barkauer See wachse und der ihn zum Einsatz von chemischen Mitteln auf seinen eigenen, benachbarten Flächen zwinge. Die Gefährlichkeit des JKK sei lange unterschätzt worden.

Das gelte auch für Honig und Pollen, pflichtete Rainer Korten bei. Der Hobby-Imker aus Zarnekau machte klar: Die Gefährlichkeit von PA für den menschlichen Organismus sei unbekannt, die vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR) festgesetzten Grenzwerte seien nur Empfehlungen ohne wissenschaftliche Basis. Er habe Honig weggeworfen, obwohl die PA-Werte zulässig gewesen wären, weil er generell keine Giftstoffe im Honig haben wolle.

Und Korten warnt vor Verharmlosung: Das JKK-Problem sei ein nationales und vor allem auch internationales und nicht auf den deutschen Norden begrenzt. Da er eine Ausrottung des JKK als unrealistisch einschätzt, fordert Korten eine bessere Informationspolitik für Öffentlichkeit und Imker und die Einrichtung von Verbotszonen für Bienenstöcke während der Blütezeit des JKK.

Dr. Helge Neumann vom Deutschen Verband für Landschaftspfleger, Inke Rabe vom Landesamt für Landwirtschaft sowie Thorsten Deinert, Flächenmanager der Stiftung Naturschutz, waren sich in allen wichtigen Punkten einig: Wer JKK bekämpfen will, muss sich auf einen langen Kampf einstellen. Einfach wegmähen lässt sich das Kraut nicht, dessen Samen 20 Jahre im Boden keimfähig bleibt.

Eine Bekämpfung mit Chemie in Naturschutzgebieten ist nach nationalen und europäischen Gesetzen verboten. Die Stiftung empfehle ihren Pächtern, die Ausbreitung der Pflanzen mit regelmäßigen Mähen einzudämmen, sagte Deinert. Es gebe aber auch wie in Gothendorf Flächen, auf denen angesichts des Bewuchses, Teichen und Topografie gar nicht mehr maschinell gemäht werden könne. Die mehrfach erhobene Behauptung, dass JKK den Zielen des Naturschutzes entgegen stehe, wiesen Neumann und Deinert zurück: Auf den extensiven Weiden gebe es einen 30-fach höheren Vogelarten-Besatz als auf konventionell bewirtschafteten Flächen, sagte Neumann. Und Deinert ergänzte mit Blick auf den Barkauer See: „Die Strategie der Stiftung geht auf.“ Es gebe dort viele bedrohte Arten.

Klar sei, dass es kein Patentrezept gegen JKK gebe, so Deinert weiter. Zu individuellen Lösungen zähle der Versuch, den Blutbär zu züchten und in JKK-Beständen auszusetzen. Der Falter ist der einzige ernsthafte Fraßfeind des Krauts. Die Raupe des Blutbärs sei im übrigen mit ihren schwarz-gelben Warnfarben keine Vogelkost.

Alle Bekämpfungsmaßnahmen sind allerdings – mit Ausnahme des Pestizideinsatzes – bislang von zweifelhaftem Erfolg. Das gelte auch für England und die Schweiz, so Neumann, die staatlich die Ausrottung des JKK verordnet hätten.

Es gibt aber auch Beispiele, so Inke Rabe, bei denen JKK-Bestände von einem zum anderen Jahr verschwunden sind. Das Problem ist nur: Niemand weiß, warum. Das Wissen darum wäre aber im Kampf gegen die massenhafte Verbreitung des JKK sehr hilfreich.

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