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Widerstand gegen das Regime verurteilten einige als Vaterlandsverrat

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

shz.de von
erstellt am 24.Apr.2014 | 19:24 Uhr

Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich an damalige Verdrängungen historischer Erfahrungen aus der NS-Zeit. Was uns in den fünfziger Jahren beunruhigte, waren die ersten Politisierungsprozesse im Gefolge des Kalten Krieges. Einer unserer Lehrer (Stilau) stand der Neonazi-Partei SRP nahe und leugnete das Tagebuch der Anne Frank. Von anderen wussten wir wenig oder gar nichts über ihre NS-Vergangenheit.

Dabei saß ich als Fahrschüler häufig in der Schulbücherei, damals geleitet von dem freundlichen und hilfsbereiten Studienrat Albert Henze. Mit den Büchern von Gerhard Ritter und Hans Rothfels in der Hand diskutierte ich als Abiturient mit ihm über den Widerstand gegen das NS-Regime, den einige meiner Lehrer damals als Vaterlandsverrat verurteilten. Seine intimen Kenntnisse verblüfften mich. Aber erst vor wenigen Jahren erfuhr ich, dass er als Leiter der Gauführerschule und als Oberschulrat die Hamburger Swing-Jugend verfolgt hatte und ihre Einlieferung in das KZ Moringen bei Göttingen veranlasste. Gelegentlich überreichte er mir Bücher aus der NS-Zeit, u. a. den Arbeitsplan der „Volksbildungsstätten im Gau Schleswig-Holstein“ für 1942/43 mit dem Plädoyer, die Geschichte der „germanischen Völkergemeinschaft“ in den Mittelpunkt der Erziehungsarbeit zu stellen.

Was wollte Henze damit bei mir erreichen? Das damalige Programmangebot der deutschen Volksbildungsstätten wurde von Leitgedanken geprägt, die von ideologischen Fesseln befreit noch heute aktuell klingen und deshalb zum behutsamem Umgang mit den „Mare-Balticum“-Projekten mahnen: „Schleswig-Holstein - Brücke zum Norden“ (1941/42) oder „Germanische Schicksalsgemeinschaft im Nord-Ostsee-Raum“ (1942/43)“. Prominente deutsche Wissenschaftler kamen zu Wort, die nach 1945 in der Regel ihre Karriere fortsetzen konnten. So u.a. der Mitarbeiter der Dienststelle Rosenberg, Prof. Dr. Erich Maschke aus Jena, Prof. Dr. Karl Thalheim aus Leipzig und der Reichsamtsleiter im Außenpolitischen Amt, Günther Thaer. Der Präsident des deutschen wissenschaftlichen Instituts in Kopenhagen, Prof. Dr. Otto Scheel aus Kiel, gehörte ebenfalls dazu wie der Staatsarchivdirektor in Kiel, Prof. Dr. Hoffmann oder Prof. Dr. Blume, Prof. Dr. Otto Becker und Prof. Dr. R. Sedlmaier.

Auch die Mitglieder des „Eutiner Dichterkreises" waren dabei. In Lübeck, der „Metropole der germanischen Schicksalsgemeinschaft im Nordostseeraum“ (Gauleiter Lohse), kamen u. a. meine Lübecker Lehrer nach 1950 zu Wort: Kreisschulungsleiter Pg. Dr. Schmidt, Studienrat Dr. Max Schurig, Studienrat Dr. Carl Budich, Studienrat Walter Kunze und  Prof. Paul Brockhaus. Wir hätten schon damals mehr wissen können. Aber warum fragte ich nicht nach, wenn mein erster Klassenlehrer Horstmann sich 1950 für meinen Heimatort interessierte? Kam er doch 1934, was ich viel später und nicht von ihm erfuhr, in Ahrensbök als Lehrer an der privaten Realschule unter, nachdem die staatlich Realschule in eine HJ-Führerschule (später LBA) umgewandelt worden war und einige Schulklassen für kurze Zeit von Dezember 1933 bis Ostern 1934 die Räume des KZ-Gebäudes in Ahrensbök als Ausweichquartier beziehen mussten.

Warum widersprach keiner von uns, wenn der zu Sarkasmus neigende, äußerst strenge Deutsch- und Philosophielehrer Wendt die deutschen Dichter und Denker des Exils scharf verurteilte und Karl Jaspers als Jasperle denunzierte? Warum empörte sich keiner von uns, wenn der so hoch geschätzte Direktor der Schule und einstiger ehrenamtlicher Kultursenator Rihn sich so schwer tat, für die Ehrenbürgerschaft von Thomas Manns, einzutreten.

Als ich 1955 meine Schule in dem ersten Europa-Wettbewerb der schleswig-holsteinischen Gymnasien vertrat, überreichte er mir als Siegesprämie ein Buch von Hans-Friedrich Blunck, dem Blut- und Bodendichter und Gründer des Eutiner Dichterkreises. Und das in der Stadt von Heinrich und Thomas Mann, von Gustav Radbruch und Willy Brandt, von Erich Mühsam und Julius
Leber.

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