Wichtige Lektion der Entschleunigung

jana1
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10. Juli 2015, 17:40 Uhr

Ich sitze im Zug. Er bringt mich von Narvik in Norwegen nach Stockholm. Dei schwedische Hauptstadt ist die letzte Etappe meiner Reise.

Heute Nacht wird für mich das erste Mal seit fast einem Monat die Sonne untergehen. Die letzten drei Wochen habe ich auf einer kleinen Farm in Nordnorwegen auf der Insel Andøya verbracht, die nördlich der Lofoten liegt. Den Bauernhof habe ich über ein Netzwerk namens Worldwide Organisation for Organic Farming (WWOOF) gefunden. Das Konzept ist einfach: Fünf bis sechs Stunden am Tag an fünf Tagen die Woche arbeitet man auf dem Bauernhof mit. Im Austausch dafür bekommt man eine Unterkunft und Verpflegung.

In Norwegen, wo die Lebenshaltungskosten ziemlich hoch sind, ist das ein besonders guter Deal. Also habe ich mich direkt nach Ende meines Studiums in Helsinki auf die Reise begeben: Mit dem Bus nach Vaasa, der Fähre nach Umeå (Schweden), dem Zug nach Narvik (Norwegen) und wieder mit Bussen nach Andøya.

Die Insel ist wunderschön, aber kaum bekannt. Der Hof, auf dem ich gearbeitet habe, heißt Nupen Gård und wird von einer deutschen Auswandererfamilie betrieben. Als einzige auf Andøya züchten sie eine alte Rasse von Norwegischen Wildschafen. Gemeinsam mit einer zweiten Freiwilligen, einem Mädchen aus Tirol, haben wir uns um die Tiere gekümmert, außerdem im Garten beim Pflanzen und Unkrautjäten geholfen. Außer den Schafen, die wir bis auf drei Flaschenlämmer in meiner zweiten Woche für den Sommer an den Berg gebracht haben, gibt es auf dem Hof noch Schweine, Hühner und Enten. Eine der Sauen hat während meiner Zeit Ferkel bekommen. Es war besonders spannend, mit anzusehen, wie schnell Ferkel und Lämmer gewachsen sind.

In meinen Wochen auf dem Hof habe ich einiges über Tierhaltung und Nahrungsmittelproduktion gelernt, aber am wichtigsten war vielleicht die Lektion der Entschleunigung. In meiner Alltagswelt sorgen mobiles Internet und permanente Ablenkung dafür, dass Zeiten des Leerlaufs immer gefüllt sind. Auf dem Hof gab es eine Internetverbindung nur im Haupthaus, wo wir nur zum essen waren. So habe ich das erste Mal seit langer Zeit einfach nur aus dem Fenster geschaut und nichts gemacht. Manchmal, wenn es geregnet hat, habe ich mich sogar gelangweilt. Das war eigentlich eine schöne Erfahrung.

An unseren freien Tagen sind Maria und ich wandern gegangen oder nach Andenes, dem größten Ort auf Andøya gefahren. Von Andenes aus kann man Wal-Safaris oder Exkursionen zur Vogelbeobachtung machen. Direkt vor der Küste ist das Wasser besonders tief, und Wale halten sich dort das ganze Jahr auf. Leider war an dem Tag, an dem ich die Wal-Safari machen wollte, so schlechte Sicht, dass die Tour abgebrochen wurde. Zwischenzeitlich war mir auf dem großen Schlauchboot, mit dem die Touren gemacht werden, aber auch schon so übel geworden, dass ich nicht mal mehr meine Kamera hätte zücken können, wenn sich ein Wal gezeigt hätte.

Beim Fahren hat man das Gefühl, in der Achterbahn zu sitzen, so durchgeschaukelt wird man. Vielleicht hätte ich mich früher daran erinnern müssen, dass mir damals schon im „Rasenden Roland“ im Hansa-Park schlecht geworden ist...

Statt der Wal-Tour sind
wir dann auf Vogelbeobachtungstour gefahren, die auch sehr spannend war. Wir haben Basstölpel, Kormorane, Seeadler und Papageientaucher gesehen. Die Papageientaucher sind besonders niedlich und sehen aus wie kleine, fliegende Pinguine.

Aber auch einfach beim Spazierengehen oder nur aus dem Fenster schauen lassen sich Wildtiere beobachten. Ich habe Hermelin, Schneehühner, Seehunde und Elche gesehen. In den Bergen laufen überall Schafe und Kühe der Bauern von Andøya.

Eine weitere Besonderheit so weit im Norden ist die Mitternachtssonne. Dunkel wird es dort seit Ende April nicht mehr. Ob es zwei Uhr am Nachmittag oder zwei Uhr in der Nacht ist, macht von der Helligkeit her fast keinen Unterschied.

Trotzdem sind das Licht in den Nachtstunden und die Stimmung besonders und fast ein bisschen magisch. Zum Glück kann ich eigentlich immer und überall schlafen, die andere Freiwillige hat sich zusätzlich zu ihren Vorhängen eine dicke Wolldecke vor ihr Fenster gehängt, um die Illusion von Nacht zu erzeugen. Trotz 24 Stunden Helligkeit waren die letzten drei Wochen mein kältester Juni. Die Temperaturen lagen zwischen 5 und 15 Grad. Die meiste Zeit umfasste meine Kleidung Skiunterwäsche, Gummistiefel, Regenjacke und -hose, Wollpullover und Mütze.

Während des Schreibens schaue ich immer wieder aus dem Zugfenster. Die Aussicht ist atemberaubend schön. Tief unter den Gleisen glitzert der Fjord in der Sonne, später fahren wir an verschneiten Bergen und glasklaren Seen vorbei, eine Herde Rentiere nimmt den langsam fahrenden Zug eher desinteressiert wahr.

Der Zug mit dem blumigen Namen Arctic Circle Train rattert entlang des Ofotfjords, hinein ins schwedische Lappland, durch den Nationalpark Abisko und vorbei an der Bergbaustadt Kiruna. Fast alle anderen Passagiere lassen sich anhand ihrer Allwetterjacken und Wanderstiefel als Touristen identifizieren. Narvik ist Start- und Endstation des Zuges, da es weiter nördlich gar keine Gleise mehr gibt.

Südlich von Kiruna ist die Landschaft nicht mehr ganz so dramatisch und verwandelt sich langsam in die Wald- und Seenlandschaft, die ich aus Schwedenurlauben kenne. Bis nach Stockholm dauert die Zugfahrt fast 20 Stunden, ist aber meiner Meinung nach sehr empfehlenswert und für unter 26-jährige auch sehr preiswert, da die schwedische Bahngesellschaft einen Jugendrabatt gewährt. Ich habe umgerechnet etwas mehr als 50 Euro für die Fahrt von Narvik nach Stockholm bezahlt.

In Stockholm treffe ich eine Freundin, die in Schweden auf einem Biobauernhof arbeitet. Und danach fahre ich mit dem Zug über Kopenhagen nach Eutin. Im Herbst geht mein Studium in Potsdam weiter. Vorher werde ich mich ein bisschen von elterlicher Liebe verwöhnen lassen.

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