„Wettbewerb ruiniert die Schulstandorte“

Experte: Abwerbung ist brisant / Elternvertreter: Sozialer Mix gefährdet Foto: 

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10. Mai 2015, 19:59 Uhr

Gremersdorf in Ostholstein ist nur ein Beispiel: Um die Kinderzahl ihrer Grundschule zu stabilisieren, bietet die Gemeinde einen kostenlosen Fahrdienst auch für Schüler aus Heiligenhafen an. Jörg Bülow, Geschäftsführer des Gemeindetags Schleswig-Holstein, warnt deswegen vor einem „zunehmend ruinösen Wettbewerb“ zwischen Schulträgern. Er will, dass die freie Schulwahl abgeschafft wird.

„So prima der Modernisierungsschub der letzten Jahre für die Schüler ist – mittel- und langfristig werden sich viele Ausgaben als Fehlinvestition erweisen müssen“, meint Professor Holger Jahnke von der Universität Flensburg. Die Schüler seien einfach nicht da. Der Forscher hat die Grundschullandschaft durchleuchtet. Abwerbemittel wie Gratis-Fahrdienste hält er für „brisant“. Nicht zuletzt, weil die Gemeinde, der Schüler abspenstig gemacht werden, verpflichtet ist, der Konkurrenten-Gemeinde Kosten für den Unterricht der Betroffenen zu erstatten. Jahnke beobachtet, dass der Wettbewerb „das Gefälle zwischen starken und schwachen Anbietern verschärft“ und Schließungen beschleunigt.

Anne Dube, Schulrätin im Kreis Rendsburg-Eckernförde, sagt: „Nicht jeder Standort kann aufgrund der Geburtenzahl durch ein auch noch so attraktives Profil gegen die Konkurrenz anarbeiten.“

Selbst beim Landeselternbeirat der Grundschulen, grundsätzlich Verfechter der Wahlfreiheit, erkennt die Vorsitzende Katrin Engeln an: „Elternwille und Planbarkeit stehen in einem Dilemma.“ Unvorhersehbare Schülerströme „machen das System instabil. Das beeinträchtigt auch die Qualität“. Außerdem hemme die Wahlfreiheit den sozialen Mix, da sie bildungsnäheren Eltern die Möglichkeit eröffne, Schulen in vermeintlichen Problemstadtteilen zu umgehen.

Beate Hinsem Sprecherin des Bildungsministeriums, appelliert an die Schulträger: „An einem Wettbewerb der Standorte um Schüler haben wir kein Interesse. Auch die Schulen sollen sich daran nicht beteiligen.“ Aber: „Wieder feste Schuleinzugsbereiche einzuführen, steht nicht zur Debatte.“ Standpunkt Seite 13

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