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Ostholsteiner Anzeiger

19. August 2017 | 09:46 Uhr

Eutin : Werkstatt-Gründer durch Zufall

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Horst Ewerlin wurde als Flüchtlingshelfer zum Motor einer Fahrradwerkstatt, die Spendenräder an Bedürftige wie Flüchtlinge vermittelt

Das ganze erinnert an die Redensart von der Jungfrau, die zum Kinde kam: Horst Ewerlin hat früher im Katasteramt gearbeitet. Eigentlich genießt der 65-Jährige den Ruhestand und arbeitet sehr ambitioniert mit der Fotokamera. Seit Oktober ist er unverhofft zum Manager einer Fahrradwerkstatt geworden. Von der profitieren in erster Linie Flüchtlinge, aber auch deutsche Bedürftige wie Hartz-IV-Empfänger. Es werden gespendete Fahrräder an Menschen abgegeben, die sie brauchen, und Fahrräder bei Bedarf auch repariert.

„Es ist nicht so, dass ich keinen technischen Verstand habe. Aber Fahrräder waren nicht mein Metier. Da musste ich mir vieles aneignen, und ich lerne immer noch dazu“, sagt Ewerlin. „Und ich muss zugeben: Gestern bin ich zum Beispiel an einer Kettenschaltung gescheitert.“

Der Auslöser der privaten Fahrrad-Initiative Ewerlins war sein Engagement in der Gruppe der Flüchtlingsbetreuer: Als er mitbekommen habe, dass zwei Syrer eine Wohnung in Malkwitz bekommen hätten, habe er eigene Fahrräder gespendet. „Dann gab es immer mehr Nachfragen, zum Beispiel auch aus Krummsee.“

Ewerlin begann im eigenen Garten, gespendete Fahrräder auf Vordermann zu bringen. In den Kreisen der Flüchtlingshelfer sprach sich das schnell herum. „Da wurde meine Garage zu klein.“

Auf der Suche nach einem passenden Domizil kam er auf die Idee, bei der Stadt seine ehemalige Arbeitsstätte ins Gespräch zu bringen: das Gebäude des ausgezogenen Katasteramtes in der Vahldiek-Straße. „Nachdem die Stadt das mit der Gebäudemanagement klar gemacht hatte, konnte die Werkstatt im Oktober hier in die Garagen.“

Aus einer Garage sind jetzt vier geworden, in denen Fahrräder aufbewahrt und repariert werden. Neben Horst Ewerlin, der donnerstags von 13 bis 15 in der Werkstatt ist, unterstützen ihn Susanne Klehn und Gerald Heiß, die den Laden freitags von 9 bis 12 Uhr offen halten. „Alex Bauer von der Fahrradinitiative schraubt auch manchmal an Fahrrädern herum“.

Im Lauf der vergangenen Wochen ist der Kreis der Aktiven für die Fahrradhilfe-Werkstatt weiter gewachsen: dazu zählen Asylbewerber, die mit anpacken. Und ganz wichtig ist Thomas Lutz, Inhaber des Geschäftes „Fahr-Rad-Laden“ in der Lübecker Straße, aus dem die Fahrradhilfe-Werkstatt Ersatzteile bezieht – „zu enorm günstigen Konditionen, das ist eine wirklich beachtliche Unterstützung“, lobte gestern Detlev Küfe, der Präsident des Lions-Clubs Eutin. Er hatte gestern gemeinsam mit dem Präsidenten-Kollegen des Rotary-Clubs Eutin, Günter Lührs, die Werkstatt besucht.

Beide Serviceclubs unterstützen die Werkstatt, Lions stellte 1000 Euro zur Verfügung, Rotary hatte erst 300 überwiesen und weitere 500 nachgeschoben. „Hier wird eine so gute Arbeit geleistet, dass wir uns auch eine weitere Hilfe vorstellen können,“ sagte Küfe.

„Mobilität ist sehr wichtig für die Integration“, sagt Horst Ewerlin. Sie ermögliche den Aslysuchenden die Teilhabe am öffentlichen Leben, sie würden in der Stadt angesprochen, wenn sie dort mit dem Rad unterwegs seien.

Auf 40 bis 50 Exemplare aller Größen schätzt Horst Ewerlin die Fahrräder, die mittlerweile neue Besitzer gefunden haben. Und durch seine Hände gehen nicht nur Zweiräder: Mustafa Shabib ist ein Syrer, der durch eine Bombe in Aleppo seine rechte Hand und einen Teil des Unterarmes verloren hat und der durch eine Verletzung am linken Bein gehbehindert ist, weshalb er kein Fahrrad fahren kann. „Für ihn haben wir zufällig tatsächlich ein Dreirad gefunden,“ freut sich Ewerlin.

 

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erstellt am 18.Dez.2015 | 00:32 Uhr

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