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Ostholsteiner Anzeiger

19. August 2017 | 11:42 Uhr

Malente : Wer beherbergt Tschernobyl-Kinder?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Hilfsaktion des Kinderschutzbunds Malente leidet unter nachlassendem Interesse / Harry Lohrke: „Aufenthalte immer noch sinnvoll“.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist nun schon fast 28 Jahre her. Die Erinnerung daran verblasst und damit wohl auch das Bewusstsein für die Folgen der massiven radioaktiven Verseuchung der Region um den Unglücksreaktor. Der Malenter Harry Lohrke ist mit den Folgen des Vergessens direkt konfrontiert.

Der 64-Jährige ist schon viele Jahre für den Malenter Kindeschutzbund tätig, der seit 1997 Kinder aus Weißrussland nach Ostholstein holt, damit sie sich hier vom Leben in ihrer stark belasteten Heimat erholen können. Insgesamt 327 einzelne Aufenthalte in Familien in und um Malente habe es seitdem Jahr für Jahr gegeben. „Noch um 2005 herum kamen 25 Kinder“, erinnert sich Lohrke.

Für dieses Jahr plant der Malenter erneut einen Aufenthalt. Doch das Interesse in der Bevölkerung, die Kinder hier bei sich unterzubringen, habe stark nachgelassen, bedauert er. Im vergangenen Jahr fand er nur noch sechs Plätze, derzeit hat er ganze drei. Lohrke führt das auf wachsende Zweifel am Nutzen der Aktion zurück, die gemeinsam mit der 1991 ins Leben gerufenen „Initiative für Kinder von Tschernobyl“ umgesetzt wird. „Sind Kindererholungen noch nötig?“ Diese Frage werde ihm oft gestellt.

Doch Lohrke ist überzeugt, dass die Aufenthalte auch heute noch etwas bringen. Er verweist auf ein Papier der Initiative für die Tschernobyl-Kinder. „Die enorme Menge radioaktiver Stoffe, die in Tschernobyl unkontrolliert freigesetzt worden sind, werden die belarussische Bevölkerung noch Jahrhunderte verfolgen“, heißt es da. Die Zerfallsprodukte seien zum Teil noch gefährlicher für den menschlichen Organismus als die Ausgangsstoffe.

Verschärft werde das Problem durch die Ernährungsgrundlage weiter Bevölkerungsteile. „Viele ernähren sich von Früchten und Gemüse aus ihren Schrebergärten“, berichtet Lohrke aus eigener Anschauung. Er war bereits sechs Mal im weißrussischen Gomel, das etwa 130 Kilometer nordöstlich von Tschernobyl liegt. Aus der 500 000-Einwohner-Stadt und ihrer Umgebung stammen die Kinder, die nach Ostholstein kommen.

Die Tschernobyl-Initiative verweist auf Aussagen „führender Nuklearbiologen und -mediziner in Weißrussland und Deutschland“. Demnach bringt ein Erholungsaufenthalt von drei bis vier Wochen einen Regenerationseffekt von bis zu neun Monaten. Was nicht gemessen werden könne, seien die menschlichen Begegnungen, Erfahrungen und Erlebnisse, die die Kinder mit nach Hause nähmen und sie beeinflussten.

Eine Auswahl der Kinder zwischen 10 und 17 Jahren, die für eine Fahrt nach Deutschland in Frage kämen, träfen Sergej Astrachancev und seine Frau Oksana, zu denen sich durch seine Weißrussland-Aufenthalte mittlerweile ein freundschaftlicher Kontakt entwickelt habe. Er arbeite als Lehrer an der Universität, sie als Erzieherin. Die Kinder würden aber auch von einem weißrussischen Arzt untersucht, der mit der Tschernobyl-Initiative zusammenarbeite. So solle sichergestellt werden, dass Kinder ausgewählt würden, die es gesundheitlich nötig hätten. In der Vergangenheit sei es vorgekommen, dass Funktionäre ihre Kinder nach Deutschland geschickt hätten, die ihren Kindern auch andere Erholungsmöglichkeiten bieten könnten, räumt Harry Lohrke ein.

Der nächste Genesungsaufenthalt in Ostholstein ist für die Zeit vom 16. Juni bis zum 9. Juli geplant. Vormittags halten sich die Kinder mit ihrem weißrussischen, deutschsprachigen Betreuern im Awo-Bürgerhaus in Malente auf. Neben Deutschunterricht stehen dabei Spiele und sportliche Aktivitäten auf dem Programm. Den Rest des Tages sollen die Kinder in den Gastfamilien verbringen und am Familienleben teilnehmen.

„Die Kinder sind während des gesamten Aufenthalts kranken-, haftpflicht-, transport- und unfallversichert“, betont Lohrke. Die Kosten für den Erholungsaufenthalt betrügen 185 Euro pro Kind und würden vom Kinderschutzbund über Spenden finanziert.


> Wer Platz und Zeit hat, ein oder mehrere Kinder aufzunehmen, sollte sich noch im Februar unter Telefon 0163/1432974 mit Harry Lohrke in Verbindung setzen. Er freut sich auch über Angebote für Aktivitäten (Sealife-Center, Hansa-Park, Bootsfahrten). Wer die Aktion finanziell unterstützen will, kann auf das Konto 3 014 123 bei der Sparkasse Holstein (BLZ 213 522 40) unter dem Stichwort Tschernobyl-Hilfe spenden. Auf Wunsch können Spenden-Quittungen ausgestellt werden, wobei der Kinderschutzbund bittet, unter dem Verwendungszweck die Adresse einzugeben.

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erstellt am 09.Feb.2014 | 18:28 Uhr

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