Wenn jede Sekunde zählt

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In der 9. Folge der Serie „Was tun im Notfall?“ geht es um den Herz-Kreislauf-Stillstand: Bei ihm kommt es auf die Ersthelfer an

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05. Januar 2018, 17:25 Uhr

Ein Mensch bricht zusammen, oder ringt um Atem oder liegt bewusstlos am Boden – was tun? Nicht jeder weiß es dann oder traut sich zu helfen, aus Angst, etwas falsch zu machen. Unsere Zeitung möchte mit einer kleinen Serie eine Hilfe für Laien bieten, die plötzlich zum Ersthelfer werden. Heute: Was tun bei einem Herzstillstand?

Prüfen, rufen, drücken – so lautet die Faustformel für die Wiederbelebung nach einem Kreislaufstillstand. Bei dieser Symptomatik komme es besonders auf die Ersthelfer an, führt Dr. Jan-Thorsten Gräsner (Foto) aus. Der Privatdozent ist Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin (IRuN) des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel und für Erkenntnisse der Notfallmedizin weltweit unterwegs.

Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Pulskontrolle gar nicht so wichtig und auch die Beatmung nachrangig seien, sagt Gräsner. Viel mehr komme es auf das sofortige Wiederbeleben an und das bedeute: zu drücken. Damit das Blut weiter zirkulieren und so der Sauerstoff zu den Organen gelangen könne, stehe die Herzdruckmassage an erster Stelle. „Nur dann haben die professionellen Retter eine Chance zu helfen“, weiß Gräsner.

Der Notarzt erklärt die Wiederbelebung: Wenn ein Mensch bewusstlos ist und blau anläuft, muss er wiederbelebt werden. Ein Helfer ruft den Rettungsdienst an, während der andere sofort mit der Wiederbelebung beginnt. Dazu wird die hilflose Person auf einen festen Untergrund gelegt, von der Brust sind Knöpfe oder Reißverschluss zu entfernen, der Ersthelfer kniet neben dem Oberkörper, legt den Ansatz einer seiner Hände auf das Brustbein der bewusstlosen Person und seine andere Hand über die erste, die Arme werden durchgestreckt und los geht es mit dem Drücken. Etwa sechs Zentimeter tief muss üblicherweise gedrückt werden – und auch wieder losgelassen werden. Zwei Kompressionen und Dekompressionen in der Sekunde ergeben 120 Herzschläge in der Minute. Für einen regelmäßigen Rhythmus hilft es, im Geiste Lieder wie „Staying Alive“ oder „Atemlos durch die Nacht“ zu singen. Die Ersthelfer wechselten sich spätestens alle zwei Minuten ab, rät der Profi. Es werde gedrückt, bis der Rettungsdienst übernimmt.

Damit die Rettungswagenbesatzung schnell da sein kann, ist eine exakte Ortsbeschreibung wichtig. Sind ausreichend Helfer da, positionieren sich die übrigen als Einweiser für den Rettungsdienst im Treppenhaus, vor dem Haus und an der Straße oder Straßenecke.

Die Reanimation stehe vor dem Einsatz eines Defibrillators, macht Gräsner deutlich. Der Defibrillator könne zur hilfreichen Ergänzung werden, aber nur dann. Gräsner erklärt warum: „Wenn es kein Herzflimmern mehr gibt, kann auch der Defibrillator nicht mehr helfen.“ Deshalb komme es bei dem Kreislaufstillstand besonders auf den Ersthelfer an, der den Blutfluss in Gang halte und somit die Sauerstoffzirkulation aufrechterhalte. „Der Ersthelfer kann nichts verkehrt machen, aber ein Leben retten.“

Jan-Thorsten Gräsner (geboren 1971) ist Facharzt für Anästhesie. Der Kieler arbeitet seit 26 Jahren im Rettungsdienst, 17 Jahre davon als Notarzt. Seit 2015 ist er Direktor des IRuN.

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