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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 00:18 Uhr

Eutin : Wenn Fehler keine Leben kosten

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Neun Mannschaften des Aufklärungsbataillons kämpften um den Hilgendorff-Pokal. Tauziehen feiert Premiere als neuer Wettkampf

von
erstellt am 20.Jul.2017 | 11:00 Uhr

Für die jungen Soldaten ist es fast ein Spiel: Auf einem Pfad im Wald Sprengfallen und Minen finden. Für Stephan Starck, „Spieß“ der 2. Kompanie, verbinden sich mit tödlichen Sprengfallen teilweise tragische Erinnerungen. Der Oberstabsfeldwebel, „Urgestein“ des Aufklärungsbataillons 6, war auf dem Balkan, in Afghanistan und in Afrika im Einsatz. Vor allem der Einsatz im Kosovo 1999 lieferte vielfache Erfahrungen mit heimtückischen Fallen: Die zum Abzug aus dem Kosovo gezwungenen serbischen Kräfte hätten beim Anlegen von Sprengfallen enorme Fantasie entwickelt, erinnert sich Starck, das Aufheben jeder Art von Gegenständen sei mit tödlichem Risiko verbunden gewesen. Sogar Plüschtiere seien zu Sprengfallen umgebaut worden, sie sollten Kinder von zurückkehrenden Kosovaren töten.

Oder in den Häusern seien in Sicherungskästen Sprengsätze angebracht worden, die wie Sicherungen ausgesehen hätten: „Wenn Heimkehrer Strom einschalten wollten, gingen die hoch.“

Und Starck erinnert sich an eine vierköpfige Familie, die auf ihren Bauernhof zurückgekehrt war und trotz eindringlicher Warnungen die Arbeit eines Minenräumkommandos nicht abgewartet hatte: Bei dem Versuch, seinen Trecker zu starten, sei der Vater getötet worden. Starck: „Mutter und zwei Töchter, 14 und 16 Jahre alt, blieben zurück. Den Krieg überlebt, aber nach der Heimkehr den Vater verloren.“

Die Soldaten, die unterdes mit größter Vorsicht einen Pfad nach Sprengfallen absuchen, wissen dagegen, dass sie hier nur Punkte und nicht ihr Leben verlieren können, wenn sie einen haarfeinen Auslöserdraht oder eine Bodenmine übersehen. Es sind Punkte im Wettkampf um den Hubertus-Hilgendorff-Pokal, der gestern in der Rettberg-Kaserne, auf dem Standortübungsplatz und in der Bundeswehrbadeanstalt am Großen Eutiner See ausgetragen wurde.

Es ist ein Wettkampf für Offiziere und Unteroffiziere, jede der vier Kompanien stellt zwei jeweils achtköpfige Mannschaften, eine weitere der Stab. Dieses Jahr hatte die 2. Kompanie neun Stationen mit unterschiedlichen Aufgaben aufgebaut und betreut. Der Minenpfad war eine, die Verladung von Munition von einem zu einem anderen Lkw eine andere.

Sehr beliebt ist stets eine Schwimm-Aufgabe: Die Soldaten müssen ihre persönliche Ausrüstung mit Zeltbahnen wasserdicht verpacken und ein vorgegebenes Stück schwimmen. Wer die Päckchen schlecht packt, hat hinterher nasse Sachen. Wassertemperatur und Sonnenschein kamen den Teams, die aus Frauen und Männern bestanden, gestern entgegen, die Aufgabe hätte auch bei 15 Grad Wasser- und Lufttemperatur absolviert werden müssen. Körperlich sehr herausfordernd war die Überwindung von rund 30 Metern an einem gespannten Seil samt Gepäck sowie eine Hindernisbahn. Ein bisschen Lagerleben war dabei (Feuer machen und Wasser zum Kochen bringen) und zwei echte Aufklärer-Aufgaben hielt der Wettkampf auch bereit: Das Schätzen von Entfernungen und – sehr aufwändig vorbereitet – das Ermitteln von Informationen.

Dazu hatte Hauptfeldwebel Jan Specht seine private Sammlung von Fahrzeug- und Panzermodellen (Maßstab 1:72) in einer Modelllandschaft verteilt, die in einer abgedunkelten Halle „ausgespäht“ werden sollte. Da den Spähern zwei verschiedenen Posten und damit auch verschiedene Perspektiven zur Verfügung standen, waren bei den Meldungen an eine imaginäre Gefechtsleitstelle auch gegenseitige Absprachen gefragt.

Insgesamt 49 Fahrzeuge standen in der gut 25 Quadratmeter großen Landschaft, extra Punkte gab es, wenn die Fahrzeugtypen auch noch richtig bestimmt wurden – was bei einigen Exoten aus russischer Produktion nicht ganz einfach war.

Erstmals wurde der Hilgendorff-Wettbewerb auf Anregung des Kommandeurs Alexander Radü durch einen neuen Wettbewerb ergänzt: Der Oberstleutnant ließ achtköpfige Mannschaften der vier Kompanien und des Stabes im Tauziehen gegeneinander antreten. Das von 1900 bis 1920 bei den Olympischen Spielen zugelassene Kräftemessen beförderte sichtlich nicht nur den Ehrgeiz der Teilnehmer, sondern ließ auch den Schweiß in Strömen fließen.

Traditionell klang der Tag mit einem Feldgottesdienst aus, der letzte mit Militärpastor Jan Weihmann, der sich nach neun Jahren verabschiedet. Und mit einem Husaren-Biwak auf dem Appellplatz wurde die Urlaubs- und Sommerzeit eingeläutet.

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