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Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2017 | 20:14 Uhr

Wenn die Schulen abgeriegelt werden

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der chinesische Schulabschluss ist mit dem Abitur vergleichbar. Die Bedingungen, unter denen die Prüfungen stattfinden, sind es nicht, berichtet Sascha Sacknieß

von
erstellt am 18.Jul.2017 | 17:03 Uhr

Die Schulklingel ertönt. Der Lehrer fordert die Schüler auf, die Stifte wegzulegen und aufzustehen. An einem Tag im Juni um 16.40 Uhr Peking-Zeit war es geschafft. Das, worauf 2301 Schüler im Abschlussjahrgang (auf Chinesisch Gao-San, 3. Jahr der Oberstufe) in Pu'er zwölf Jahre lang von Lehrern, Eltern und Verwandten vorbereitet worden waren. Das Gaokao war vorbei.

Diese Prüfung ist die Zulassungsprüfung zur Hochschule in China und lässt sich mit dem deutschen Abitur gleichsetzen. Man wird meistens in vier Fächern schriftlich geprüft, Mathe, Chinesisch und eine weitere Fremdsprache (fast immer Englisch) sind Pflicht, dann darf man sich noch aussuchen, ob man in Naturwissenschaften oder Gesellschaftswissenschaften geprüft werden möchte.

Im Prinzip unterscheidet sich dies nicht allzu stark von der deutschen Vorstellung einer Abschlussprüfung. Aber auch nur „im Prinzip“: In China geht die Grundschule sechs Jahre. Und schon da setzt sich eine bemerkenswerte Eigenschaft des chinesischen Schulsystems durch, die bis zur Absolvierung des Masters konsequent bleiben wird: Das Yin und Yang von Konkurrenz (Leistungsdruck) und unglaublicher Harmonie: Bereits in den ersten Jahren werden Abschlussarbeiten geschrieben, deren Noten mit entscheiden, auf welche Mittelschule der Schüler nach der sechsten Klasse gehen darf. Und dadurch entsteht natürlich auch in gewisser Weise ein Teufelskreislauf: Die besseren Lehrer und Schüler gehen an die besseren Schulen, die schlechteren an die schlechteren Schulen.

In der Grundschule steigert sich die tägliche Stundenzahl (die Schüler wohnen auch eigentlich immer noch zu Hause) Klasse für Klasse, die Mittelschule (7.-9. Klasse) erfordert es, dass nicht mehr alle Schjüler zu Hause wohnen können, weil nun auch Abendunterricht stattfindet. Mit dem „Zhongkao“ (mittlere Abschlussprüfungen) endet die Mittelschulzeit und für manch einen auch die gesamte Schulkarriere: Denn nun kann man eine Lehre anfangen oder an die Berufsschule wechseln, aber viele streben auch weiter das Gaokao an. Die Karten werden noch einmal neu gemischt: Die besten haben die Chance, in eine größere Stadt (wo die Schulen meistens besser sind) wechseln zu können, während die schlechteren bleiben müssen, wo sie sind.

In manchen Provinzen ist es Pflicht, dass alle Schüler in den Schulen leben müssen. In Yunnan gilt das nicht. Trotz alledem schlafen viele (erst recht diejenigen, die von weiter weg kommen) in den Schlafräumen der Schule, in vielen Fällen zusammen mit sieben anderen Schülern des gleichen Geschlechts. Aber lange halten sie sich ja sowieso nicht in den Räumen auf.

Die Schüler in Gao-San werden auch als „Gao-San-Gou“ („die müden Hunde aus Gao-San“) bezeichnet, was bei weitem keine Untertreibung ist: Die meisten Schüler haben nur fünfeinhalb Stunden Schlaf pro Nacht. Am Tag haben sie morgens fünf Unterrichtsstunden, nach zwei Stunden Mittagspause gibt es dann fünf Nachmittagsstunden und nach der Abendpause (die manchmal nur eine Stunde lang ist) nochmal vier Stunden, von Montag bis Sonnabend, Sonntag meistens noch abends. Das schwankt aber von Schule zu Schule, aber im Grundprinzip ist dies in Pu’er normal. Wenn aber um 22.30 Uhr die Schule endet, sind die Hausaufgaben noch nicht gemacht, gelernt werden muss der Stoff auch. Denn meistens besteht der Unterricht in chinesischen Schulen aus Frontalunterricht, pro Klasse sind Schülerzahlen von 40 bis 60 (im Extremfalle können es auch 120 sein) normal. Aber die Größe der Klassenräume unterscheidet sich von den deutschen nur marginal.

Nicht nur für Schüler, auch für die Lehrer bedeutet das Unterrichten der Gao-San viel Arbeit: Als Klassenlehrer ist man verantwortlich für die Ergebnisse der wöchentlichen Examen, die während des gesamten letzten Schuljahres geschrieben werden, man muss mindestens einmal die Woche den gesamten Schultag an der Schule sein, falls etwas vorfällt, nebenbei will die eigene Familie noch organisiert werden.

Ferien hat man in Gao-San nur die staatlich verordneten zwei bis drei Wochen im Jahr, auch so manch andere traditionellen Feiertage wie das Drachenbootfest bilden da keine Ausnahme. Der Abschluss ist eben doch wichtiger. Manchmal sogar so wichtig, dass extra Nachhilfestunden (auf privater Basis) in der Abendpause stattfinden, weshalb dann das Abendessen wegfällt. Und dann ist es nach circa neun Monaten Gao-San geschafft: Das Gaokao erfolgt. Gleichzeitig werden in ganz China die Schulen hermetisch abgeriegelt, Straßen gesperrt, Bauarbeiten eingestellt, alle anderen Schüler nach Hause geschickt, Polizisten mit Maschinenpistolen auf dem Schulgelände postiert.

In Pu’er passierte genau das an den beiden Schulen, wo das Gaokao geschrieben wurde. Die Prüflinge wurden mit Metalldetektoren durchleuchtet, sollte doch jemand bei dem Versuch, zu betrügen, erwischt werden, kann das mit bis zu sieben Jahren Haft bestraft werden. Erst vergangenes Jahr wurde das Gesetz nochmal verschärft.

Über zwei Tage hintereinander wurden dann morgens ab 9 Uhr und nachmittags ab 15 Uhr für jeweils zwei Stunden die Prüfungen geschrieben. Mathe komplett ohne Taschenrechner, jedoch ist vieles Multiple Choice (Ankreuzen) in den Fächern. In China kommt es eben auch offiziell auf Fleiß und Lernen an, so sehr, dass Liebe in chinesischen Schulen verboten ist (zumindest offiziell).

Und dann?

Dann war es vorbei, noch ein paar Tage wurde das begossen und mit den Klassenkameraden und Lehrern gefeiert. Und dann ging es zurück in die Heimat, falls man von weiter weg kam. Die einen fangen an, sich einen Job zu suchen (das bedeutet zum Beispiel, für 1500 Yuan etwa 215 Euro im Monat, zehn Stunden täglich in einem Restaurant zu arbeiten. Andere haben auf einmal das erste Mal in ihrem Leben nichts mehr zu tun. Und so kann es passieren, dass dann so menschliche Dinge wie die Pubertät eine Chance haben, auszubrechen. Und so wirkten doch viele sehr erfreut, als die Ergebnisse des Gaokao über das Internet abgerufen werden konnten und sich alle ein paar Tage darauf an ihrer Schule wiedersahen, um über das Ergebnis mit ihren Lehrern zu diskutieren. Denn nahezu einzig und allein die Punktzahl, die beim Gaokao erreicht wurde, entscheidet, an welche Universität man gehen kann – außer man hat einen musikalischen oder künstlerischen Schwerpunkt, dann gibt es noch weitere Prüfungen.

Und da haben wir wieder das erwähnte Yin und Yang. Denn in China gibt es nicht nur Universitäten, die international gut aufgestellt sind. An so manch anderer in kleineren Städten ist das Niveau auf deutscher Mittelstufe. Was bedeutet, dass man mit einem Abschluss von solch einer Uni (da es in China auch viel mehr Uniabsolventen als Arbeitsplätze für diese gibt) es schwieriger werden kann, einen passenden Beruf zu finden, als mit einem Abschluss an einer Berufsschule.

Aber was ist genau das Yang? Die Harmonie? Die findet sich in dem Wunder, dass in den Klassen, in denen alle einen ganzen und fast jeden Tag aufeinander hocken, ein unglaublicher Zusammenhalt besteht: Denn die Klassenkameraden werden zur Familie, die Lehrer zu Eltern (obwohl schon Mitfreiwillige Zeugen von Schlägen gegenüber den Schülern geworden sind). Klar kommt auch Mobbing vor, aber es wirkt meiner Erfahrung nach nicht so weittragend, wie es in Deutschland wirkt. Und das, obwohl das chinesische Schönheitsideal vor allem bei Frauen extrem ist: Man kann eigentlich nicht dünn und weiß genug sein, was für große Selbstzweifel sorgt, besonders Angehörige von Minderheiten können es hier schwer haben, weil deren Teint meistens etwas dunkler ist und auch deren Körperbau ist bisweilen etwas stämmiger als bei den Hanchinesen.

Trotz alledem scheint vor allem das Yang zu überwiegen: Fragt man einen Ex-Gao-San-Gou, sagt er meistens, dass er seine Zeit in der Schule gemocht hat und er seine Freunde von damals vermisst.



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