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Ostholsteiner Anzeiger

23. August 2017 | 21:39 Uhr

Wenn die Hautfarbe zum Nachteil wird

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die beliebteste und teuerste Stadt an der kolumbianischen Karibikküste, Cartagena, lockt mit ihrem historischen Zentrum, den Gebäuden im Kolonialstil, der Nähe zu traumhaften Karibikstränden und -inseln zahlreiche Touristen aus aller Welt an. Aber wie so vieles hat auch diese Stadt zwei Gesichter. Vor allem hat sie eine dunkle Vergangenheit, wenn man auf die Zeit der Kolonialisierung zurückblickt, in der die Stadt der größte Umschlagsplatz für den Sklavenhandel in ganz Südamerika war.

Geschichten wie die des Heiligen Pedro Claver, einem spanischen Priester, der post mortem zum „Patron der Menschenrechte“ ernannt wurde, gibt es leider selten. Er sorgte sich um die Afrikaner, die in Booten zu menschenunwürdigen Bedingungen aus ihrer Heimat verschleppt und hierzulande als Sklaven verkauft wurden. Eine ganze Bevölkerungsgruppe hat aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft viel Leid und Ungerechtigkeit erfahren, da müsste man doch eigentlich davon ausgehen, dass man daraus bis heute ins 21. Jahrhundert gelernt hätte.

Aber: Rassismus ist hier mittlerweile salonfähig. Er fällt mir manchmal nur durch kleine Bemerkungen auf, etwa wenn eine Mutter mit abfälligem Blick über ihren ältesten Sohn sagt: „Der ist nicht so schön wie mein Jüngster. Der ist viel zu dunkel geraten“.

Deutlicher wird es hingegen, wenn meine Chefin und andere Mitarbeiter mir während meiner Arbeit in der NGO eindringlich raten, mich nicht mit Kolumbianern mit Afro-Frisur abzugeben. Sie seien schmutzig – und überhaupt...

Heute machen Kolumbianer mit afrikanischen Wurzeln etwa 21 Prozent der Gesamtbevölkerung Kolumbiens aus. Die Mehrheit bevölkert die Küstenregion des Landes. Ihre Haarstruktur ist natürlich eher lockig als glatt. Durch ihre Musik, allen voran Champeta, zelebrieren sie nach wie vor die Kultur ihrer entwurzelten Vorfahren. Überall in den Straßen klingt, – wenn es nicht die lateinamerikanische Musikrichtungen Reggaeton, Salsa oder Vallenato sind – Champeta aus den Lautsprechern. Champeta ist eine afro-kolumbianische Musikrichtung, die von der dominierenden weißen Bevölkerung oft mit Vulgarität, Armut und dunkler Hautfarbe assoziiert wird.

Meine Chefin pflegt es zu betonen, wie sehr sie diese Musikrichtung verabscheut. Die Chefin des Kindergartens, in dem ich arbeite, vertritt die Meinung, dass Champeta frühe Schwangerschaften begünstige. Doch es ist nicht die Musik, sondern die Machismo-Kultur, fehlende Chancengleichheit, Perspektivlosigkeit und mangelnde Aufklärung, die dazu führen, dass aus Frauen in den Armenvierteln oftmals viel zu früh Mütter werden. Bis heute werden Führungspositionen lieber mit Hellhäutigen besetzt, da sie ein höheres Ansehen in der Gesellschaft genießen.

Als ich neulich mit ein paar Freunden aus Deutschland für eine Fernsehserie als Statistin gearbeitet habe, stellte sich im Nachhinein heraus, dass wir als Europäer doch tatsächlich fast das Doppelte der Gage für die gleiche Arbeit bekommen haben. Auch das Schönheitsideal hierzulande ist nach wie vor: blond und hellhäutig. Dies fällt besonders bei der Betrachtung der kolumbianischen Schönheitsköniginnen auf, die jährlich gekürt werden. Überwiegend hellhäutige Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten immer den Schönheitswettbewerb gewonnen. Viele Kolumbianerinnen glätten sich ihre lockigen Haare, um dem Ideal zu entsprechen, das ihnen auf Werbeplakaten, im Fernsehen und in Filmen vorgeführt wird.

Ein wenig kann ich die Mutter, die sich über die helle Hautfarbe ihres Kindes freut, verstehen. Sie weiß, dass ihr jüngster Sohn es so vielleicht einmal leichter haben wird in einer Gesellschaft, in der einer farbigen Frau neben ihrer weißen Freundin hinterhergerufen wird: „Negrita, warum trägst du denn die Einkaufstüten nicht?!“

Es geht eigentlich auch nicht um die Hautfarbe an sich. Vielmehr wurde physischen Merkmalen im Laufe der Geschichte ganz bewusst eine bestimmte Bedeutung zugeteilt, um das eine als das „auserwählte“, „privilegierte“ vom „unterentwickelten“, „primitiven“ anderen abzugrenzen.

Wir sind nicht alle gleich, aber wir haben alle die gleichen Rechte auf ein Leben in Würde, mit Chancengleichheit und Gestaltungsfreiheit. Die wahre Schönheit liegt in der Vielfalt.

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von
erstellt am 14.Apr.2017 | 17:34 Uhr

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