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Ostholsteiner Anzeiger

18. Oktober 2017 | 19:12 Uhr

Wenn die Angst nicht mehr aufhört

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Journalistin Farida Nekzad schildert das Leben afghanischer Frauen. Sie will trotz katastrophaler Entwicklung in das Land zurückkehren

von
erstellt am 27.Feb.2015 | 14:45 Uhr

Sie war Chefredakteurin der größten afghanischen Nachrichtenagentur „Pajhwok News“: Farida Nekzad. Im Sommer 2014 hat sie den Druck nicht mehr ausgehalten und ihr Land verlassen. Als Stipendiatin der „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“ kann sie ein Jahr unbehelligt in Deutschland leben und Luft holen.

Vergangene Woche schilderte sie auf Vermittlung von Amnesty International Eutin vor zwei 13. Klassen des Beruflichen Gymnasiums Eutin das Leben besonders von Frauen in Afghanistan – sowohl während der russischen Besatzung und der Taliban-Herrschaft als auch unter der heutigen Regierung.

Vor dem Terror der Taliban floh Farida Nekzad nach Pakistan. In Peshawar und anschließend in Delhi (Indien) vollendete sie ihr journalistisches Studium. Nach der Vertreibung der Taliban Ende 2001 kehrte sie nach Afghanistan zurück und widmete ihre Kraft der Verbesserung der Lebens- und Ausbildungssituation von Frauen und Mädchen.

Trotz verbesserter gesetzlicher Regelungen seien Frauen im öffentlichen Leben weiter benachteiligt und gefährdet. So würden trotz gesetzlicher Begrenzung des Heiratsalters auf 16 Jahre nach wie vor Mädchen häufig mit 12 bis 14 Jahren an sehr viel ältere Männer verheiratet, viele Frauen lebten in ständiger Angst vor körperlicher Gewalt bis zu Säureattentaten, sagte Farida Nekzad, deren Schilderung durch Charlotte Sauerbaum und Mortaza Ameri aus dem Englischen oder aus Dari übersetzt wurden.

Farida Nekzad weiter: „Frauen, die in der Öffentlichkeit auftreten, wie Journalistinnen, leben in ständiger Angst. Im Menschengetümmel der Stadt fragt man sich: Was will der Mann hinter mir? Zündet er gleich eine Bombe? Warum fährt mein Taxi in die falsche Richtung? Ich reiße die Tür auf und springe heraus. In nächtlichen Anrufen kündigen männliche Stimmen Vergewaltigungen oder Säureattentate an. Freundinnen werden umgebracht, andere fliehen.“

Ein immer größerer Teil gut ausgebildeter Menschen verlasse Afghanistan. Die große Hoffnung auf Wiederaufbau und Demokratie nach Einzug der Isaf-Truppen sei zerstört: „In den ersten Jahren, da gab es noch Wiederaufbau, und wir waren alle großer Hoffnung.“ Aber die Entwicklung einer ungeheuren Korruption in politischen Zirkeln, darunter wieder zu Einfluss gekommener Warlords, habe große Teile westlichen Geldes in falsche Kanäle fließen lassen.

Um Aufklärung bemühte Journalisten seien unbequem. Allein im vergangenen Jahr seien 47 Journalisten ermordet worden.

Farida Nekzad will trotzdem im Juni wieder nach Afghanistan zurückkehren. „Welche Zukunft hat meine fünfjährige Tochter, wenn ich mich davon mache?“

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