zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 23:55 Uhr

Eutin : Wenn aus Hilfe Freundschaft wird

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Familie Klütz engagiert sich für drei junge Afghanen, lehrte Deutsch, half beim Schulabschluss bis zur Ausbildung. Heute gehören sie zur Familie

shz.de von
erstellt am 13.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Mohammad Hadji-Sadeh liest den Wirtschaftsteil des Abendblattes, Ali Ismaili büffelt Begriffe für seine Klausur und Ghambar Gorbani organisiert sich noch schnell eine Mitfahrgelegenheit zum Punktspiel in Süsel – eine normale Szene im Hause Klütz, wenn die Jungs zu Besuch sind.

Die Jungs, das sind drei junge Afghanen, die vor dem Krieg aus ihrer Heimat geflohen sind, als sie noch Kinder waren. 2011 endete ihre Reise in Puttgarden und wie bei allen „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“ kümmerte sich der Kinderschutzbund um sie. „Durch einen Aufruf in der Zeitung wussten wir, dass der Kinderschutzbund dringend Hilfe bei der Betreuung benötigt und da haben wir uns gemeldet“, erinnert sich Hartmut Klütz (75). Gemeinsam mit seiner Frau Anne (75) lebte er von 1972 bis 1974 in Afghanistan, weil er als Wasserbauingenieur und sie als Lehrerin in einem deutschen Hilfsprojekt arbeiteten. „Wir hatten beide so eine tolle Zeit in dem Land erlebt, konnten frei reisen und erfuhren überall Gastfreundschaft. Wir wollten einfach helfen“, sagt Anne Klütz.

Schnell war der Draht zu den drei jungen Männern geknüpft, die damals zwischen 14 und 17 Jahre alt waren. „Etwas altpersischen Dialekt konnte ich noch, das half zu Beginn. Aber sie wollten ja Deutsch lernen. Sie sind so wissbegierig“, sagte Hartmut Klütz. Sie kamen damals zwei bis drei Mal, manchmal auch öfter pro Woche und lernten Deutsch.

Den Sprachkurs machten sie an der Volkshochschule in Lübeck, schlossen mit der Stufe B1 ab und schafften so die Zulassung zur Hauptschule. „Binnen eines Jahres lernten sie den Stoff, den manche nicht in neun Jahren schaffen. Das war großartig, aber auch ein hartes Stück Arbeit“, sagt das Paar. Hartmut Klütz: „Eine besondere Herausforderung war es, sie auf einen Stand zu bekommen. Mohammad konnte schreiben, Ghambar und Ali waren nie in einer Schule.“ Zusammen mit seiner Frau und der Unterstützung durch den Kinderschutzbund und Uwe Wille als Migrationsberater des Kreises begleiteten sie „ihre“ Jungs bis zu Ausbildungsverträgen. Ali ist Bäckerlehrling in Eutin, Ghambar will Tischler werden und ist mittlerweile im zweiten Ausbildungsjahr in Süsel, und Mohammad ist ein begabter Schweißer, der in zwei Monaten seine Abschlussprüfung als Metallbauer in Konstruktionstechnik in Sereetz absolviert.

Er hat allen Grund zur Freude: „Ich werde übernommen“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Gerne würde er sich noch weiter qualifizieren, „aber dafür muss ich noch sehr viel lernen“, weiß der mittlerweile 21-Jährige. „Vielleicht machst du irgendwann deinen Meister“, sagt Hartmut Klütz ermutigend.

„Ohne euch, das muss ich wirklich sagen, hätten wir es nicht so weit geschafft“, sagt Mohammad. Das wichtige bei der Ankunft in einem neuen Land sei die Bereitschaft, nach vorne schauen und Hilfe annehmen zu wollen. „Man muss bereit sein, sich zu integrieren und wenn man es selber will, dann schafft man das auch“, sagt Mohammad. Das Einzige, was ihn ärgert, ist das „schlechte Gerede“ unter Kollegen über Flüchtlinge. „Ich weiß, sie meinen nicht mich, sondern die, die neu sind, aber wie unterscheidet man denn in gute und schlechte Flüchtlinge?“

Hartmut Klütz macht Mut: „Ihr seid gut integriert, habt eine Wohnung, sprecht Deutsch, geht arbeiten und habt Freunde. Wer euch kennenlernt, merkt das.“ Und generell sagt er: „Es ist wichtig, dass beide Seiten aufeinander zu gehen. Der erste Schritt aber muss von den Deutschen kommen, denn die Neuankömmlinge sind allein durch ihre sprachlichen Barrieren zu eingeschüchtert.“

Was Anne und Hartmut Klütz machen und gemacht haben, sagen sie, kann jeder – „es ist anfangs anstrengend und zeitintensiv, wenn man es richtig machen will, aber man bekommt so viel mehr zurück. Die Jungs gehören zu unserer Familie.“ Weihnachten und andere Familienfeste verbringen sie zusammen. „Wir helfen euch, solange wir können und ihr unsere Hilfe braucht“, sagt Hartmut Klütz. Die Jungs nicken und freuen sich. Dann wird weiter gelernt.

 

 

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen