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Ostholsteiner Anzeiger

19. August 2017 | 06:16 Uhr

Weihnachtsgrüße aus der sonnigen Karibik

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Es ist der Morgen des 24. Dezembers und wenn ich aus dem Fenster auf den Kanal und die Palmen blicke, die in der angenehm leichten Dezemberbrise wehen, fühlt es sich an wie der Beginn eines jeden schönen Tages hier in Cartagena. Lediglich die fertig eingepackten Geschenke auf der Ablage neben meinem Bett erinnern an den besonderen Tag des Jahres, der heute gefeiert werden soll.

Auf der Tagesordnung steht nicht, wie ich es von Zuhause her kenne, das Schmücken des Tannenbaums, da wir in unserer Freiwilligen-Wohngemeinschaft gar keinen haben, sondern Baden im karibischen Meer. Wir sind abends bei einer kolumbianischen Freundin und ihrer Mama zum Essen und Feiern eingeladen. Da es ein sehr internationales Beisammensein wird, soll jeder etwas traditionelles aus seiner Heimat zum Festmahl beisteuern: Korea, Kolumbien, Deutschland und die Schweiz.

Die weihnachtlichen Traditionen, die wir in Deutschland leben, fehlen mir hier schon ein wenig: Nur Plastiktannenbäume, die oft für meinen Geschmack viel zu kitschig dekoriert sind, was mich sehr an die USA erinnert, kein sonntägliches Adventsfrühstück, kein Adventskalender. Den Nikolaus bestellten wir dann allerdings doch kurzfristig für die Kinder der Stiftung Actuar por Bolívar, in der ich arbeite, nach Kolumbien.

Am 6. Dezember sollten alle Kinder vor dem Mittagssschläfchen die Schuhe ausziehen und vor die Tür stellen, damit wir sie mit Süßem füllen konnten. Die Freude in den verschlafenen Augen der Kinder war groß, als sie die Überraschung entdeckten. Wir backten mit den Kindern Tannenbaumanhänger aus Salzteig und schrieben für sie eine kleine Traumreise, damit sie sich anhand von typischen Gegenständen, die wir mitgebracht und gebastelt hatten, vorstellen konnten, wie in Deutschland Weihnachten gefeiert wird.

Kimberly und ich besuchten ein paar Gratis-Weihnachtskonzerte im Zentrum und backten 1500 Plätzchen für die Stiftung: 500 für die Weihnachtsfeier des Kindergartens und die restlichen 1000 für eine Geburtstagsfeier von Actuar por Bolívar: der Trägerverein ist 25 Jahre alt.

Die Kinder führten in den verschiedensten Weihnachtskostümen Tänze auf und die Musikgruppe spielte Weihnachtslieder. Wir studierten für die Abschlussfeier der ältesten Kindergartenkinder, die im nächstem Jahr zur Schule gehen werden, das Lied „We are the world“ von Michael Jackson ein. Dabei hatten wir große Unterstützung von unserer Freundin Sarah. Sie ist von San Andres, eine kolumbianische Karibikinsel, auf der man Creole spricht, eine Mischung aus Spanisch, Englisch und afrikanischen Sprachen. Es war gar nicht so leicht, den fünf- bis 16-Jährigen, die kein Englisch gelernt haben, die Aussprache der englischen Strophen beizubringen.

In der Nacht zum 8. Dezember feierten wir den Día de las Velitas, den Tag der kleinen Kerzen. In der Morgendämmerung wurden überall in der Stadt Kerzen angezündet, um der Jungfrau Maria zu gedenken.

Den Nachmittag des 24. Dezembers verbrachten wir damit, noch schnell die letzten Besorgungen zu erledigen und fuhren nach dem Strandbesuch ins Zentrum. Alle Läden waren geöffnet und es herrschte Hochbetrieb. Die Sonne schien, es war heiß und es fühlte sich einfach nicht an wie Weihnachten. Wieder zu Hause mussten wir für den Kuchen, den wir zum Weihnachtsessen backen wollten, leider ziemlich improvisieren. Eigentlich wollten wir einen Blaubeerkäsekuchen oder einen Frankfurter Kranz mitbringen, aber da es hier weder Creme fraîche noch richtige Sahne zu kaufen gibt, mussten wir spontan auf einen wenig spektakulären Seltakuchen umsteigen.

Bei unserer kolumbianischen Freundin Yuri stand zu Hause ein sehr beladener, aber schöner Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Wir saßen draußen vor der Haustür, tranken Aguila (das hier bekannte Bier) und von überall schallte Reggaeton oder Champeta aus den riesigen Musikboxen der Bewohner des Viertels Daniel Lemaitre. Wir aßen gegen 11 Uhr abends Reis mit Kartoffeln, Auberginenauflauf, koreanischen Glasnudelsalat und es gab verschiedene Fleischbeilagen.

Nach dem Abendessen stimmten Yuri und ihre Mama die „Novena“ an, eine Sammlung von Gebeten, die traditionell von den Katholiken in Ecuador und Kolumbien neun Tage vor Heiligabend gesungen werden. Ansonsten wurde dieser Tag, zumindest aus meiner Sicht und von meinen Erfahrungen her, wenig christlich begangen, in diesem in mancher Hinsicht doch so katholischen Land. Nach den Gebeten dominierten Shakira, Carlos Vives & Co. wieder die Straße und die Bescherung begann.

Wir fuhren nachts noch ins Stadtzentrum, verteilten ein paar übriggebliebene Tüten mit Weihnachtsplätzchen an Leute, die an diesem Tag, wie wahrscheinlich an jedem anderen auch, alleine waren und allgemein wenig zu feiern hatten und saßen noch eine Weile mit Freunden zusammen.

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von
erstellt am 28.Dez.2016 | 11:43 Uhr

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