zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

13. Dezember 2017 | 09:07 Uhr

Weihnachten zu Großmutters Zeiten

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Frauen erinnern sich im DRK-Pflegezentrum an der Eutiner Waldstraße an Weihnachten in ihren Kindertagen / Der bunte Teller hatte mehr Bedeutung als heute

shz.de von
erstellt am 23.Dez.2015 | 17:58 Uhr

„Ich bin anböstig“, sagt Waltraud Krause. Was sei das denn für ein Wort, wollen die anderen Damen der Runde wissen. „Dann ist man aufgeregt“, erklärt Krause, die auf der Insel Rügen aufgewachsen ist. Das sei Plattdeutsch.

Die Vorsitzende des Wohnbeirats sitzt mit vier Frauen am weihnachtlich geschmückten Tisch im Pflegezentrum Waldstraße. Platten mit Schnittchen stehen darauf, daneben Thermoskannen mit Kaffee und eine Karaffe mit Saft.

An diesem Vormittag ist es Gudrun Kruse, die Kaffee einschenkt und zum Verzehr belegter Brote einlädt. Kruse hilft ehrenamtlich in dem DRK-Haus und hat zur Erinnerung an Weihnachten eingeladen. „Das machen wir seit mindestens sieben Jahren so. Ach, schon länger“, sagt die rührige 80-Jährige.

Eine Erinnerung klingt bei allen ähnlich. Während ihrer Kindheit gab es nicht viel. Ob auf Rügen, in Nordhessen, Ostholstein oder Lübeck, der Weihnachtsteller hatte für die Kinder damals wohl wesentlich mehr Bedeutung als heute.

„Wir haben braune Plätzchen gebacken. Meine Mutter hat weiße, schwarze und braune gemacht“, sagt Magdalene Bendrich. Die 83-Jährige wuchs in Kreuzfeld auf. Ihre Eltern hatte eine Gastwirtschaft. „Zu Essen hatten wir. Was wir nicht hatten, war Geld“, sagt Sylva Meier (91).

Magerer war die Kindheit von Waltraud Krause (83). Sie erinnert sich an Pfeffernüsse, die mit einem Apfel auf dem Weihnachtsteller lagen, eine Besonderheit für sie und ihre Geschwister. Als sie einmal einen Kohlkopf vom Feld geholt hatte, rügte sie ihr Lehrer vor anderen Schülern. „Ich war frech und gottesfürchtig. Und ich sagte: Wir haben nichts, Herr Freiberg. Den Kohlkopf soll es zu Weihnachten geben.“ Die Familie, der Vater war Zimmermann, hätte unter lauter Bauern im Dorf einen schweren Stand gehabt. Dank der Magd eines Bauern, die ihr heimlich Fleisch zusteckte und der Großeltern, die Zutaten für einen Pudding gaben, wurde eine Mahlzeit zum Weihnachtsessen.

Hannelore Traube aus Großalmerode in Hessen erinnert sich hingegen nicht nur an Stollen, den ihre Mutter machte. „Heiligabend gab es Gans mit Rotkraut und Klößen. Die Klöße wurden aus einem Viertel gekochter und drei Vierteln roher Kartoffeln gemacht“, erzählt Traube. Sie zog vor drei Jahren ihrer Tochter zuliebe nach Eutin.

Rita Flohr (71) erlebte in Lübeck, wie ihr schlimmstes Weihnachtsfest zum schönsten wurde. Die Geschenke lagen, wie in jedem Jahr, auf dem Küchenfußboden mit einer Decke abgedeckt, als ihr Vater betrunken nach Hause kam. Wütend schickte ihn ihre Mutter raus, er solle seinen Rausch ausschlafen. Das tat ihr Vater – allerdings im Hühnerhagen.

Zwei Stunden später, wieder leidlich nüchtern, holte er seine Frau, die sich aus Wut hingelegt hatte, aus dem Bett: „So Mutti, jetzt feiern wir Weihnachten.“ Das sei ihr schönstes Fest geworden.

Die schlechten Zeiten im und nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sie damals gar nicht bemerkt, sagt Bendrich. Ihr Onkel machte ihr für die Puppenstube Möbel. Das schönste Geschenk aber war für sie wie auch für Rita Flohr eine Puppe. Während Flohr in Lübeck ihre Spielgefährtin Maria nannte, gab Bendrich in Kreuzfeld ihrer den Namen Anna.

Diese Anna begleitet sie noch heute. In mittelbraunem Kleid und mit Hut sitzt die Gefährtin in Bendrichs Zimmer auf der Heizung und begrüßt sie bei jeder Rückkehr freundlich stumm.

Keine der fünf Frauen besuchte als Kind den Weihnachtsgottesdienst. Die Kirche sei zu weit weg gewesen, sagen sie. Nur Gudrun Kruse spannte in Fissau ihr Pony vor die Kutsche und ließ sich bei Schnee zur Schule und zum Gottesdienst ziehen. „Wir hatten ja noch andere Winter“, sagt sie und denkt an kalte Tage mit Schnee und Eis.

Doch aufgeregt, anböstig, wie Waltraud Krause sagt, waren wohl alle damals, bevor die Kerzen am Baum leuchteten, die Glocke zart klingelte, wie bei Sylva Meier, und endlich die Tür zur guten Stube aufging.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen