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Ostholsteiner Anzeiger

18. November 2017 | 17:06 Uhr

Watt und Wiese sind ein Schlaraffenland

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der stundenweise während der Ebbe trocken fallende Meeresboden und die Wiesen im Deichland sind voller Leben und damit für Vögel ein reich gedeckter Tisch

von
erstellt am 18.Okt.2017 | 10:49 Uhr

Bei dem Versuch, sich dem Wort „Watt“ sprachlich zu nähern, stoßen wir im Niederdeutschen auf „Stelle, die sich durchwaten lässt“. Schleswig-Holsteiner als Bewohner eines Landes zwischen den Meeren kennen diese flache Gezeitenküste sehr gut, die täglich zweimal überflutet wird und dann wieder „trocken“ fällt.

Was produziert eigentlich das Außendeichgebiet unserer mitteleuropäischen Westküste, dass dieser Naturraum so interessant und erhaltensnotwendig für unsere Vogelwelt ist – für jährlich 500 000 Brutvögel mit 25 Arten und zehn bis zwölf Millionen rastender und ziehender Geflügelter mit 75 Arten auf der Strecke zwischen den Niederlanden über Schleswig-Holstein bis an die Nordspitze Dänemarks?

Unsere Vorstellungswelt vom „Leben im Watt“ kann erst richtig deutlich gemacht werden, wenn wir Vergleiche heranziehen: Wissenschaftler haben festgestellt, dass in einem Quadratmeter Wattenmeerboden 0,5 Kilogramm Biomasse lebt, die einer Menge von 80 Doppelzentnern Weizen je Hektar entsprechen würden. Nicht nur Landwirte können diese vergleichende Größenordnung bewerten.

Diese Menge setzt sich zusammen aus zwei Millionen Organismen, diese wieder aus 4000 Pflanzen- und Tierarten, darunter 300 000 Kleintiere wie 1000 Fadenwürmer (zehn Zentimeter lang), 20 000 Schlickkrebse (ein Zentimeter lang) und 20 000 Wattschnecken (fünf Millimeter lang).

Tiere und Pflanzen sind im Watt ja selbst auch nicht inaktiv. So verarbeiten die fingerdicken, gut 30 Zentimeter langen Pierwürmer, die von den Wattführern gerne bei ihren Vorlandwanderungen ausgegraben und präsentiert werden, pro Jahr und Hektar 3000 Tonnen Mischwatt. Das schaffen 40 Tiere dieser Art, die in einem Quadratmeter Meeresboden leben.

In der Zugzeit des Frühjahres und im Herbst eines jeden Jahres treffen sich 120 000 Enten der unterschiedlichsten Arten an der schleswig-holsteinischen Westküste. Man geht zur gleichen Zeit von 300 000 Alpenstrandläufern aus, die bei uns als Brutvogel in den letzten Jahren als quasi ausgestorben galten und erst in 2016 als erneute Ansiedler beobachtet und dokumentiert wurden.

Als weitere Durchzügler gelten 400 000 Knutts, 15 000 Große Brachvögel, 30 000 Goldregenpfeifer sowie 60 000 Austernfischer, deren schleswig-holsteinischen Brutvögel in den letzten Jahren um die Hälfte abgenommen haben. Prädatoren wie Großmöwen, Fuchs und Co. stehen sind auch als Verursacher nachgewiesen worden.

Und was lebt in den vor- und außendeichs liegenden Salzwiesen, die entscheidende Brut- und Nahrungshabitate für unsere Vögel darstellen? Man recherchiert, dass in einem Quadratmeter dieser Grünflächen, die aus Gräsern und Kräutern bestehen, 1600 wirbellose Kleintiere leben. Zählt man das Insekt und seine Entwicklungsstadien zusammen, ergibt das Ergebnis zwei Kilogramm Biomasse. Um die ganze Breite der von uns meist überhaupt nicht wahrgenommenen Insekten einmal kennen zu lernen: Es handelt sich um 40 Spinnenarten mit bis zu 1000 Tieren, um Springschwänze, Milben, Zweiflügler, Zikaden, Blattläuse mit bis zu 100 Arten, um Zuckmücken, Lauf- und Marienkäfer. Man geht davon aus, dass im „Schlaraffenland Watt und Salzwiese“ 1600 unterschiedliche Tierarten leben, von denen bisher nur jeder Zehnte neben seinem wissenschaftlichen überhaupt auch einen deutschen Namen erhalten hat.

Die Zahlen entnahm der Autor seinem Vortrag „Kuh und Kiebitz auf dem Dauergrünland“ vom 17. April 2003 in der Akademie am Meer, Klappholttal, Sylt

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