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Ostholsteiner Anzeiger

20. August 2017 | 19:12 Uhr

Warum gibt es nur Zucker aus Frankreich?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Im westafrikanischen Staat Togo hat Sarah Zeller aus Eutin ein Jahr lang gelebt und gearbeitet und darüebr regelmäßig im Ostholsteiner Anzeiger berichtet. Es war ihr ein Bedürfnis, nach ihrer Rückkehr noch einmal ein Resümee zu formulieren.

In einem Jahr kann man viel lernen – vor allem, wenn man es in einem anderen Land verbringt. Es ist schwierig, alle Eindrücke auf eine Seite zu bannen, aber ich werde mein Bestes geben.

Vor allem meine Arbeit in der Bibliothek Balankas hat mich sehr weitergebracht. Dadurch, dass das Anbieten von Freizeit- und Bildungsaktivitäten so unglaublich vielfältig war, habe ich mich in sehr vielen Richtungen ausprobieren können. So war ich nicht nur Lehrerin bei verschiedenen Tastschreibkursen, sondern leitete auch Gruppen in einer Mathematik-AG, sang mit Kindern in einem Sing- und Spielclub, bereitete Jugendliche darauf vor, eigenständig Interviews zu führen und lernte durch die Werbung für unsere verschiedenen Aktivitäten auch ein wenig das Werbe-Wesen kennen. Durch diese verschiedenen Tätigkeitsfelder lernte ich vor allem mich selbst besser kennen, sah neue Stärken und versuchte, Schwächen auszugleichen.

Neben diesem Kennenlernen neuer Seiten an mir bei der Arbeit lernte ich auch im Alltag viel. Mein Alltag in
Balanka sah – im wahrsten Sinne des Wortes – deutlich anders aus als der, den ich aus Eutin gewöhnt war. So gibt es in Balanka keine asphaltierten Straßen, da die Kleinstadt nicht direkt an einer Hauptstraße liegt. Wasser kommt im Normalfall nicht aus dem Wasserhahn, sondern wird eimerweise aus Brunnen geschöpft und nach Hause getragen.

Internet gibt es zwar, ist jedoch deutlich langsamer als ich es aus Eutin gewohnt bin. Erst in Balanka habe ich wertzuschätzen gelernt, welch ein Luxus asphaltierte Straßen, fließendes Wasser und schnelles Internet sind. In Eutin habe ich es zuvor nie schätzen können, da ich es nicht anders kannte.

Was ich als wahre Bereicherung ansah, war die Sprachenvielfalt, die ich in Balanka kennen lernte. Zwar ist die Amtssprache Togos Französisch, doch werden dort auf der Fläche eines Sechstels von Deutschland 44 verschiedene Sprachen gesprochen. So dominiert in Balanka die Sprache Anii wie auch in den umgebenden Orten Koussountou, Aoro und Bassila in sich stark unterscheidenden Dialekten. Währenddessen wird 13 Kilometer weiter in Kaboli die gleichnamige Sprache Kaboli und 30 Kilometer weiter in der Kreisstadt Tchamba die ebenfalls gleichnamige Sprache Tchamba gesprochen.

Wenn eine Person nur Anii verstünde, könnte sie die Menschen in Kaboli und Tchamba nicht verstehen. Das wäre so, als ob in Eutin, Plön und Preetz Deutsch, Polnisch und Portugiesisch gesprochen würde. Man kann sich vielleicht vorstellen, dass die Kommunikation dadurch stark eingeschränkt wäre.

Doch alle Menschen in Balanka, die ich kennen gelernt habe, sprechen dafür einfach mehrere Sprachen. Hamid, ein Freund von mir, spricht zum Beispiel zehn verschiedene lokale Sprachen. Ich finde das sehr beeindruckend, erweitert es doch auch den eigenen Horizont: Das Denken wird so nicht mehr nur durch die Ausdrucksweisen einer Sprache gelenkt, sondern vielmehr den Strukturen mehrerer Sprachen geöffnet. Auch ich habe dieses ein bisschen miterleben können, spreche ich doch nach meinem Aufenthalt in Balanka und einem vorherigen Austauschjahr in den USA neben meiner Muttersprache Deutsch fließend Französisch und Englisch. Ich finde es bewundernswert, dass dieses in Togo vielerorts der Normalzustand ist.

Trotz dieser Unterschiede, die ich zwischen Balanka und Eutin habe feststellen können, sah ich doch auch viele Gemeinsamkeiten. Denn in Eutin wie in Balanka gibt es Familien, die zusammenleben, Kinder, die zur Schule gehen, lernen und spielen, Mütter, die sich um den Haushalt kümmern und nach den Kindern sehen, Erwachsene, die ihrer Arbeit nachgehen.

Mit Freunden habe ich wie in Eutin auch über Sport, Zukunftspläne und Politik geredet. Mit meiner Gastfamilie habe ich wie mit meiner Familie in Eutin zusammen gekocht, gespielt und gelacht. Es sind eben doch genauso Menschen in Balanka wie in Eutin, auch wenn sie krausere Haare haben.

Auch wenn ich so viel habe lernen können, sind doch auch viele Fragen offen geblieben. So habe ich zum Beispiel nie verstanden, warum die togolesische Währung Franc CFA fest an den Euro gekoppelt ist – und dies zu einer Rate, in der ich mit meinen 100 Euro Taschengeld im Monat beinahe doppelt so viel Geld erhielt wie der fest angestellte Bibliothekar. Nicht, dass er nicht davon hätte leben können – nur ist die Wechselrate extrem günstig für den Euro.

Ich habe auch nicht verstanden, warum es beinahe ausschließlich französischen Zucker zu kaufen gibt, während in Togo auch Zuckerrohr angebaut wird und in einer von chinesischen Unternehmern gebauten Fabrik verarbeitet wird. Nach dem, was ich gehört habe, soll dieser Zucker nach China exportiert werden, während riesige Mengen an Zucker aus Frankreich importiert werden.

Dies sind nur zwei Beispiele, wie ich globale Verflechtungen bis nach Balanka hin gespürt habe – und dabei das Gefühl hatte, dass es ein Ungleichgewicht gab zwischen Balanka und Eutin, obgleich doch in beiden Städten für mich gleichwertige Menschen wohnen. Leider verstehe ich zur Zeit die dahinterstehenden Zusammenhänge noch nicht, sind sie doch zu komplex für reines Selbststudium.

Nun, nach meinem spannenden und lehrreichen
Freiwilligenjahr in Balanka möchte ich mich weiter mit diesen globalen Zusammenhängen beschäftigen. Daher werde ich im Oktober in Dresden das Studienfach Internationale Beziehungen aufnehmen, in dem ich Politik, Recht und Wirtschaft studieren werde. Ich hoffe, dort auch Wissen über die Zusammenhänge zwischen diesen in unserer Welt so wichtigen Bereichen zu erlangen – und eines Tages daran mitwirken zu können, eine Welt mit weniger Ungleichgewicht anzusteuern.

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erstellt am 15.Sep.2015 | 11:13 Uhr

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