Prozess am Lübecker Landgericht : Warum eine Familie aus Eutin seit drei Jahren um ein Dach kämpft

„Ein Mahnmal für die totale Inkompetenz...“ mit einem Schild möchte die Familie Gerüchten entgegnen, dass sie nicht pleite sind und sich bei Interessierten für den Anblick des unfertigen Daches sowie der Auffahrt entschuldigen.
„Ein Mahnmal für die totale Inkompetenz...“ mit einem Schild möchte die Familie Gerüchten entgegnen, dass sie nicht pleite sind und sich bei Interessierten für den Anblick des unfertigen Daches sowie der Auffahrt entschuldigen.

Vier bis sechs Wochen veranschlagte die Dachdeckerfirma 2015 für die Sanierung des Dachstuhls – doch es kam anders.

shz.de von
02. Januar 2018, 19:13 Uhr

Eutin | Sie wollten sich den Traum von einem schönen Zuhause erfüllen, als das Paar das gut hundert Jahre alte Haus in Eutin kaufte. Die Sanierung schritt voran, der Sohn war unterwegs – bis zur Schuleinführung der Tochter wollten sie fertig sein. Doch jetzt warten sie auf Post vom Gericht, einen Gutachter und ein Urteil, das sie weiter arbeiten lässt. Ihre Tochter ist mittlerweile in der dritten Klasse.

Es fing alles an, als sich Andreas und Sarah Fahs an die Sanierung des maroden Dachstuhls machten. „Wir hatten gut zehn Firmen hier, die üblichen aus Eutin und Umgebung, doch wir haben nur einen Kostenvoranschlag bekommen. Ein Trauerspiel“, sagt Fahs. Über Empfehlungen sind sie an eine Firma aus Bad Schwartau geraten, „die machte einen wirklich seriösen Eindruck, anfangs war alles gut“, sagt der Familienvater.

Andreas und Sarah Fahs hoffen auf eine baldige Lösung – und einen Gutachter.
Constanze Emde
Andreas und Sarah Fahs hoffen auf eine baldige Lösung – und einen Gutachter.
 

Zwischen vier und sechs Wochen sollten die Arbeiten für einen komplett neuen Dachstuhl samt aufgearbeiteten historischem Turm, neuer Gaube und Ziegeln darauf dauern. Baubeginn war im März 2015. „In der ersten Woche ging alles zügig voran, das war klasse“, erinnert sich Fahs. Danach kamen mal zwei statt vier oder sechs Mitarbeiter, verließen die Baustelle unregelmäßig und kehrten auch nicht täglich zurück. „Irgendwann kam gar keiner mehr. Wir waren ständig in Kontakt mit der Firma, hatten Abschlagszahlungen geleistet und Vorschuss für Baumaterial gezahlt.“

Die zweite böse Überraschung: „Es gab damals nicht mal eine Baugenehmigung, weil die Firma versäumt hatte, den Antrag zu stellen. Die kam erst im September 2015 als unsere Tochter eingeschult wurde“, sagt Fahs. Dies sei einer von wenigen Herbsttagen gewesen, an dem die Firma gearbeitet hatte. Die Fahs’ meldeten sich immer schriftlich, suchten sich aber nach mehr als einem halben Jahr Rat beim Anwalt. „Wir haben sieben oder acht Fristen gesetzt, die allesamt verstrichen sind, ohne dass etwas passiert war.“ Schließlich erreicht der Anwalt, dass eine Plane als eine Art Wetterschutz aufs Dach kommt. Die ist bis heute von außen zu sehen „und mittlerweile hängt sie teilweise nur noch in Fetzen und es regnet rein“, sagt Fahs.

Der Blick reicht vom Bad unter das nun abgedichtete Dach.
Constanze Emde
Der Blick reicht vom Bad unter das nun abgedichtete Dach.
 

Den Vertrag mit der Firma hatten die Fahs auf juristischen Rat außerordentlich gekündigt. Als nach gut eineinhalb Jahren Klageeinreichung beim Lübecker Landgericht der erste Termin zu einer Güteverhandlung anberaumt wird, es war im Juni dieses Jahres, legt ihm der Chef der Dachdeckerfirma das negativ aus: „Was soll ich machen, wenn mir der Bauherr kündigt. Dann kann ich nichts machen“, erinnert Fahs die Worte, die der Mann zum Richter sagte. Eine gütliche Einigung sei nicht möglich gewesen. „Da liegen Welten dazwischen. Wir wollen keine Rache, wir wollen nur ein Dach auf unserem Haus“, ist sich das Paar einig. Die Kindheitsjahre der beiden Kleinen rasen an der Familie vorbei. „Uns macht das so mürbe. Wir wollten es längst schön haben und fertig sein. Doch bevor kein Dach drauf ist, können wir weder Fassade noch Auffahrt machen, da hängt einfach so viel dran“, sagt Andreas Fahs.

„Jeder Regen und jeder Wind treibt die Ängste wieder hoch.“

Nicht nur, dass die Lebensqualität für die Familie seitdem enorm leide. „Wir haben bei dem Wind, den wir über die Feiertage hatten, Angst, dass uns das Dach einstürzt, weil ein Gutachter bestätigte, dass die Statik, so wie die Arbeiten ausgeführt wurden, gar nicht gewährleistet ist.“ Bei jedem Regen treibe sie die Sorge um Wasserschäden um – im Erker werden schon welche sichtbar. „Auch von außen sind die Mauern feucht, uns fehlen ja auch die Regenrinnen“, sagt Sarah Fahs. Ihr Wunsch ist klar: „Wir wollen nichts sehnlicher, als endlich ein Dach auf unserem Haus, doch bevor kein vom Gericht bestellter Gutachter gekommen ist, können nicht mal Schäden behoben werden“, sagt Sarah Fahs. Jeder Regen, jeder Wind treibe die Ängste wieder hoch. Nicht nur die Energiekosten schnellten ohne gedämmtes Dach nach oben, auch die Geräuschkulisse – Tag wie Nacht – sei zum Schlafen auch durch das Rascheln der Folie enorm. Vieles habe Andreas Fahs noch selber im Nachgang abgedichtet und isoliert. „Uns sind hier anfangs die Vögel durchs Haus geflogen, das kann sich keiner vorstellen.“

Weil es oben reinregnet, sind Wasserschäden im Erker nun erkennbar.
Constanze Emde
Weil es oben reinregnet, sind Wasserschäden im Erker nun erkennbar.
 

Das Paar weiß mittlerweile von einem eigens engagierten Schadensgutachter, dass eine Reparatur des Daches teurer wäre als Abriss und Neubau. „Alles, was drauf ist, muss wieder runter“, sagt Fahs. Warum die Bestellung des richterlichen Gutachters nun mittlerweile mehr als ein halbes Jahr nach der ersten Verhandlung und zwei Jahre nach Einreichen der Klage andauert, kann sich das Paar nicht erklären. „Wir hören immer nur, dass die Gerichte überlastet sind, aber für uns hängt hier auch richtig etwas dran“, sagt Sarah Fahs. Neben den Prozesskosten im fünfstelligen Bereich und den Lebensunterhalt gehe das Paar gerade auch viel für die Bereitstellungszinsen arbeiten, weil Kredite nicht genommen werden können, da Arbeiten nicht weiter gehen. „Das fehlt am Ende auch bei den großen Sanierungsarbeiten“, sagt Andreas Fahs. „Mehr als beide voll arbeiten gehen, können wir nicht“, sagt Sarah Fahs. Nicht nur sie, sondern auch die Kinder leiden unter dem andauernden Baustellenzustand, so die zweifache Mutter.

Auf dieser Zeichnung  ist der Turm zu sehen, der wieder aufgearbeitet werden soll
Privat
Auf dieser Zeichnung ist der Turm zu sehen, der wieder aufgearbeitet werden soll
 

Auch das Gerede in Eutin habe den damals neuen Wahl-Eutinern zu schaffen gemacht: „Ich wurde im Supermarkt von der Kassiererin gefragt, ob wir pleite sind. Ich wusste gar nicht, wer das war“, sagt die gelernte Altenpflegerin. „Nicht wir sind pleite, die Firma lässt uns hängen.“ Um Neugierigen eine Antwort zu geben, ohne dass sie dafür extra klingeln oder ungefragt aufs Grundstück müssen (beides habe es mehrfach gegeben), aber auch, um sich für den Anblick zu entschuldigen, stellte die Familie schließlich das Schild an der Einfahrt auf. „Mehr können wir nicht machen. Wir üben uns in radikaler Akzeptanz, auch wenn die Kraft zur Neige geht, aber wir können nichts daran ändern und so wollen wir nur den Prozess vorantreiben. Wir sind erst an der Spitze des Eisbergs“, sagt Andreas Fahs.

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