War der Überfall der Slawen hinterlistig?

Der wendische Fürst Niklot hat eine Logenplatz im Schweriner Schloss.
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Der wendische Fürst Niklot hat eine Logenplatz im Schweriner Schloss.

Mehr: Die Zeit der Kreuzzüge - In Erwartung des Weltendes - Grenzkämpfe statt Naher Osten - Adolf II. brach den Vertrag mit Niklot - Der Kreuzzug gegen die Wenden

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02. Oktober 2009, 10:15 Uhr

Von den Anfängen der Geschichte Ostholsteins berichtet Helmold, Missionspriester und Chronist in Bosau, dass im Jahre 1147 der slawische Obotritenfürst Niklot mit zwei Reiter scharen sengend, mordend und plündernd ins Holstenland eingefallen sei. Ein Reiterschwarm drang bis Segeberg vor, der andere zerstörte die erst jüngst gegründeten wehrlosen deutschen Siedlungen im östlichen Holstein. Nur in Süsel konnten sich die Bewohner in der alten ehemaligen Slawenburg unter Führung ihres Priesters Gerlav tapfer verteidigen. Eutin, damals Utin, war durch seine günstige Lage geschützt. Ein dritter Vorstoß erfolgte von See her über Travemünde. Die Slawen überfielen bei Nacht Lübeck, zerstörten die Schiffe und erschlugen viele Männer (Helmold I 63, 64).

In manchen Darstellungen - besonders in der nationasozialistischen Zeit, als man die slawischen Völker als rassisch minderwertig bezeichnete - wurde dieser Überfall als hinterlistig und perfide, als ein feiger Raubzug beschrieben. Aber stimmt das so? Wie waren die näheren Zeitumstände?

Wir müssen zeitlich rückblenden. Der erste Kreuzzug hatte im Jahre 1099 nach der Erstürmung Jerusalems und einem furchtbaren Blutbad unter der Bevölkerung zur Befreiung des Heiligen Grabes von den Sarazenen geführt. Schon wenige Jahrzehnte später geriet das dort gegründete christliche Königreich Jerusalem in Bedrängnis.

Papst Eugen III. rief zu einem neuen Kreuzzug auf. Doch die weltlichen Fürsten, König Ludwig VII. von Frankreich und der deutsche König Konrad III., waren wenig begeistert über die geforderte Teilnahme und zögerten mit der Zusage. Den Meinungsumschwung brachte der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux, ein brillanter, fanatischer Redner und Prediger, von tiefer persönlicher Religiosität geprägt. Er verstand es, die Volksmassen in größte Begeisterung für einen Kreuzzug zu versetzen, dem sich schließlich auch die Herrscher nicht entziehen konnten. Besonders wirkungsvoll für die Massen war die Zusicherung des Ablasses: Durch die Teilnahme am Kreuzzug könne man aller seiner Sünden - und wer hatte keine? - ledig werden und so das ewige Heil erwarten.

Damit traf Bernhard von Clairvaux genau den Geist der Zeit. Auf Grund von Prophetien (s. Kasten) erwartete die gläubige Christenheit seit dem Jahre 1000 das baldige Ende der irdischen Zeit und mit der Wiederkehr Christi (Parusie) das Jüngste Gericht und den Beginn des Gottesreiches. Es herrschte Endzeitstimmung.

Nur noch die "Heidenfrage" müsse endgültig gelöst werden, damit das ersehnte Zeitenende anbrechen könne, das heißt, die Vernichtung oder Bekehrung der letzten Heiden. "Tod oder Taufe" lautete die radikale Forderung Bernhards von Clairvaux.

Als König Alfons von Kastilien den Papst überzeugt hatte, man müsse dann den Kreuzzug auch auf die Muslime in Spanien ausweiten, wiesen die norddeutschen Fürsten darauf hin, dass auch an ihren östlichen Grenzen noch heidnische Slawen lebten. Sie erreichten, dass ein Kreuzzug gegen die Wenden, wie man die Slawen im Mittelalter nannte, in gleicher Weise, also mit der Zusage des Sündenablasses, anerkannt werde.

Dieser sogenannte Wendenkreuzzug war also keine Einzelaktion, sondern muss im größeren Zusammenhang mit der allgemeinen Kreuzzugbewegung gesehen werden. Sie erhielt ihre Radikalität durch Bernhards Forderung: "Vernichtung oder Bekehrung". Nicht also die Bekehrung der Heiden war das von ihm geforderte erste Ziel, sondern ihre Vernichtung. Denn die Heiden seien die Heerscharen des Satans, der das Himmelreich bekämpfe.

Die norddeutschen Fürsten brauchten mit ihrem Heeresaufgebot also nicht ins Heilige Land zu ziehen. Aber sie hatten sich verpflichtet, gegen die slawischen Obotriten im heutigen Mecklenburg und weiter südlich gegen die Liutizen zu kämpfen. Für das Jahr 1147 war der Vorstoß ins Wendenland geplant. Seit Jahrhunderten schon hatte es zwischen Holsten und den Slawen ständige Grenzkämpfe gegeben, bis 1138/39 Heinrich von Badwide mit einem starken Aufgebot von Holsten und Stormarnern in einem Winterfeldzug tief ins slawische Wagrien vorgestoßen war, die Burgen zerstört und so die Widerstandskraft der Slawen gebrochen hatte.

Sein Nachfolger, Graf Adolf II. von Schauenburg, hatte dann nach 1143 begonnen, das teilweise verheerte Land mit Deutschen aus übervölkerten Gebieten zu besiedeln; so auch in Utin.

Zwar war man in der ersten Phase der Besiedlung gewiss nicht schonend mit den ansässigen Slawen umgegangen: Manche wurden vertrieben oder umgesiedelt. Aber es blieben auch zahlreiche Slawendörfer in Ostholstein bestehen, wie die späteren Zehntregister der Bischöfe von Lübeck beweisen. Denn Adolf II. hatte erkannt, dass ein tolerantes Nebeneinander nützlicher sei als ein feindliches Gegeneinander. Schließlich zahlten diese Slawen ja auch Abgaben an ihn, den neuen Landesherrn. Warum sollte man sie verjagen?

Wie Helmold berichtet (I 57), hat daher Adolf II. Boten zu dem Obotritenfürst Niklot geschickt, um mit ihm Freundschaft und Frieden zu schließen. Niklot hat eingewilligt, und so wurde zwischen beiden ein freundschaftliches Abkommen geschlossen.

Die Teilnahme an einem Kreuzzug gegen die Obotriten, der er sich nicht entziehen konnte, brachte den Grafen Adolf II. daher in eine furchtbare "Zwangslage" (Helmold): Er musste den Freundschaftsvertrag mit Niklot brechen.

Lassen wir weiterhin Helmold sprechen: "Als Niklot nun hörte, dass bald ein Heer gesammelt werde, ihn zu vernichten, schickte er Gesandte zum Grafen Adolf, erinnerte ihn an das Bündnis, welches sie geschlossen hatten, und bat zugleich, ihm Gelegenheit zu Aussprache und Beratung zu geben. Da der Graf das abschlug, teilte ihm Niklot mit: ,Ich hatte doch beschlossen, dein Auge und Ohr zu sein im Slawenlande, das du zu besiedeln begonnen hast. Warum verleugnest du so deinen Freund in der Zeit der Not? Erweist nicht die Prüfung den wahren Freund? Bisher habe ich die Hand der Slawen zurückgehalten, nun aber will ich meine Hand abziehen, weil du deinen Freund verstoßen und unser Bündnis vergessen hast, ja mich nicht einmal sehen willst. " (Helmold I 62)

Daraufhin erfolgte am 26. Juni 1147 der bereits eingangs geschilderte slawische Überfall auf Lübeck und die deutschen Neusiedlungen in Ostholstein. Es kann also nicht von einem feigen, hinterlistigen Raubzug der Slawen die Rede sein. Adolf II. war vertragsbrüchig geworden und Niklot hatte versucht, durch einen (vorher angekündigten) Präventangriff das Unheil von seinem Land abzuwenden.

Allerdings vergeblich. Während der Hauptvorstoß der norddeutschen Fürsten von Magdeburg aus gegen die Liutizen geführt wurde, griffen die Sachsen unter Herzog Heinrich dem Löwen und im Gefolge Adolf II. die Obotriten in Mecklenburg an. Aber der

Angriff wurde sehr lässig geführt.

Zusammen mit dänischen Kreuzfahrern wurde zwar die Slawenfestung Dubin belagert; aber nach einigen Scharmützeln schloss man wieder Frieden. Von einer Vernichtung der Heiden, wie Bernhard sie gefordert hatte, konnte nicht die Rede sein. Man war mit der Zusage der Slawen, das Christentum anzunehmen, zufrieden. Und das war auch im Sinne des Papstes Eugen III., der die furchtbare und radikale Forderung Bernhards von Clairvaux auf Vernichtung der Heiden abgelehnt hatte.

Helmold nennt auch die Gründe des Friedensschlusses: Warum sollen wir die vernichten, die uns Tribut zahlen? "Unser Graf (Adolf II.) aber stellte die zerrissene Freundschaft wieder her und schloss Frieden mit Niklot und den anderen östlichen Slawen" (Ka. I 68).

Damit war die weitgehend friedliche Fortsetzung der deutschen Besiedlung Ostholsteins gesichert. Obotritenfürst Niklot gilt als Stammvater der mecklenburgischen Herzöge und Großherzöge. Sein Reiterstandbild schmückt heute noch das Schweriner Schloss.

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