Eutin : Walz ohne Handy, aber mit „Charly“

Gleich geht’s los: (vorne, von links) Schwägerin Merari, die Eltern Peter und Anne und die Geschwister Lia und Finn sowie Freunde verabschieden Jan-Hendrik Kienzle (rechts in Kluft). Begleitet wird er nun vom erfahrenen Wandergesellen Julius Troeltsch.
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Gleich geht’s los: (vorne, von links) Schwägerin Merari, die Eltern Peter und Anne und die Geschwister Lia und Finn sowie Freunde verabschieden Jan-Hendrik Kienzle (rechts in Kluft). Begleitet wird er nun vom erfahrenen Wandergesellen Julius Troeltsch.

Zimmermann Jan-Hendrik Kienzle aus Eutin ist seit gestern auf Wanderschaft. Drei Jahre will er die Freiheit genießen und Neues lernen.

shz.de von
12. August 2018, 15:47 Uhr

Es ist eine selbst gewählte Verbannung: Drei Jahre und einen Tag darf Jan-Hendrik Kienzle nicht mehr zurück in seine Heimatstadt, muss mindestens 60 Kilometer Abstand von Eutin halten. Der 24-jährige Zimmermann ist seit gestern auf der Walz, unterwegs in Handwerkskluft mit Hut und Stenz, dem Wanderstock. An Habseligkeiten hat er nur so viel dabei, wie ins „Charlottenburger“ passt, ein Bündel aus einem etwa 80 mal 80 Zentimeter großen weißen Tuch, kurz „Charly“ genannt.

Zum Abschied helfen Julius Troeltsch und Freunde dem jungen Eutiner, traditionsgemäß über das Ortsschild Richtung Braak zu klettern. Der Wandergeselle aus Marburg ist selbst schon zwei Jahre unterwegs und wird Kienzle begleiten – „so lange, bis er alles gelernt hat“, erklärt Troeltsch. Nach seiner Lehre in Sagau arbeitete Kienzle ein Jahr im Zimmereibetrieb von Thorsten Jakubenko in Hutzfeld. Jetzt braucht er neben handwerklichen zusätzliche Fähigkeiten: „Wie man richtig trampt, ohne Geld klarkommt, einen Schlafplatz findet und sich Arbeit sucht“, sagt Troeltsch.

Zu den neuen Erfahrungen wird auch gehören, wie es sich ohne selbstverständlich gewordene, moderne Kommunikationsmittel lebt: „Ich reise ohne Handy. Das gehört nicht zur Tradition“, sagt der ehemalige Wisser-Schüler. Er hat sich der Gesellenvereinigung „Rolandschacht“ angeschlossen, die über die traditionellen Regeln, wie Dauer der Walz und Größe des Bannkreises wacht. Nun will er die Freiheit als Wandergeselle genießen und etwas vom traditionellen Handwerk dazulernen.

Ein schmerzhaftes Ritual hat der junge Zimmermann bereits am Sonnabend überstanden. Bei einem großen Abschiedsfest mit Freunden, seinen Eltern Peter und Anne Kienzle, seinem älteren Bruder Finn samt Ehefrau Merari, der jüngeren Schwester Lia und Freundin Freya Toben wurde er mit einem geschmiedeten Nagel durch das linke Ohrläppchen an einen Balken genagelt. In dem Ohrloch steckt jetzt ein kleines Schmuckstück. „Diesen Ohrring hat schon mein Vater in seinen Jugendjahren getragen“, berichtet Kienzle stolz. Die archaisch anmutende Aktion hat einen ernsten Hintergrund. Der Ring im Ohr diente früher als eine Art Versicherung im Todesfall. Verstarb ein Wandergeselle, konnte damit seine Beerdigung bezahlt werden.

Ihren Sohn in die Ferne ziehen zu lassen, fällt den Eltern nicht leicht. Während sich Mutter Anne ein paar Tränen wegwischt, erleichtert Vater Peter sich den Abschied mit einer weisen Einsicht: „Wenn sie jung sind, gibt man ihnen Wurzeln, und wenn sie groß sind, gibt man ihnen Flügel“, sagt er. Schwester Lia freut sich für ihren Bruder: „Ich bin schon stolz und wünsche ihm viele Erfahrungen.“

Und so geht Jan-Hendrik Kienzle, der sich selbst als Familienmensch bezeichnet, mit einem guten Gefühl: „Ich weiß, dass alle hinter mir stehen. Von daher kann ich beruhigt losgehen.“ Hamburg ist das erste Ziel, danach soll es weitergehen nach Süddeutschland, in die Schweiz und nach Österreich – „wo der Weg mich hinführt“.

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