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Ostholsteiner Anzeiger

17. Oktober 2017 | 13:48 Uhr

Wahlkampf – mal ganz sachlich

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Sechs Bundestagskandidaten stellten sich den Fragen aus drei Themenblöcken, die der Friedenskreis Eutin vorbereitet hatte

shz.de von
erstellt am 14.Sep.2013 | 00:36 Uhr

Unruhig rutscht Dr. Bernd Buchholz auf seinem Stuhl hin und her. Er wirkt aufgewühlt, beugt sich nach vorn, holt kurz Luft – und bleibt dann doch still. Oder anders gesagt: Auch wenn es ihm sichtlich schwer fällt, Buchholz hält sich an die Regeln.

Die sehen vor, dass der FDP-Bundestagskandidat für den Kreis Ostholstein genauso wie seine Kollegen Ingo Gädechens (CDU), Bettina Hagedorn (SPD), Marlies Fritzen (Grüne), Peter Matthiesen (Piratenpartei; Wahlkreis Plön/Neumünster) und Lorenz Gösta Beutin (Die Linke; Wahlkreis Plön/ Neumünster) bei der Podiumsdiskussion nicht auf Fragen oder Anregungen seitens des Publikums antworten – eine bizarre Situation. Dabei ist das Redebedürfnis in der mit gut 100 Besuchern restlos gefüllten Eutiner Kreisbibliothek, darunter rund ein Dutzend unter 30 Jahren, groß. Sie würden sich über eine unmittelbare Reaktion der Politiker freuen. Und die wollen einige Male antworten, dürfen aber nicht.

Überhaupt haben der Friedenskreis Eutin und die Kreisbibliothek als Veranstalter dem Abend einen besonderen Rahmen verliehen. Aus den drei Themenblöcken Wachstum, Wirtschaft und Frieden stellt Moderator und OHA-Redaktionsleiter Hartmut Buhmann den Kandidaten jeweils exakt dieselben Fragen, die von den Veranstaltern vorgegeben sind. Zur Beantwortung bleiben den Politikern maximal je drei Minuten Zeit.

„Es wird bei dieser Veranstaltung zu keinem Schlagabtausch der Argumente kommen“, sagt Buhmann bei der Erklärung der Regeln abschließend. Stimmt, wie sich herausstellt. Stattdessen arbeiten die Politiker sachlich die Unterschiede zwischen ihren Parteiprogrammen heraus. Ein Beispiel: „Jeder Mensch wächst für sich mit den Herausforderungen, die menschliche Kreativität wird unterschätzt“, findet Buchholz. „Die Annahme, dass das Wachstum endlich sei, ist falsch.“ In diesem Punkt ist Gädechens anderer Meinung. „Es muss uns alle beunruhigen, dass Wachstum nicht endlich ist, daher müssen wir den Nachhaltigkeitsaspekt stärker betonen“, stellt der Bundestagsabgeordnete klar. „Ich bin manchmal ratlos, mit welcher Leichtigkeit viele Leute Jeans für sieben, acht oder neun Euro kaufen ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie die produziert wurden.“

Bei diesem Aspekt pflichtet Gädechens ausgerechnet der Linken-Vertreter bei. „Aber die Menschen müssen auch genügend Geld haben, um sich eine ökologische Jeans leisten zu können.“ Allesamt erwartbare Aussagen, überraschende oder provokante Stellungnahmen bleiben aus. Zumindest weitestgehend, denn gelegentlich verursacht Buchholz mit seinen Positionen ein Raunen im Publikum – etwa, als er auf das Thema Lobbyismus zu sprechen kommt. „Das ist nicht grundsätzlich schlecht.“ Allerdings müsse jeder für sich selber ausmachen, wie er mit den organisierten Interessenvertretern umgehe.

Eine halbe Stunde später ist die Veranstaltung beendet, etwas mehr als zwei Stunden sind seit dem Beginn verstrichen. In der Zwischenzeit haben bereits einige Besucher die Kreisbibliothek verlassen. Nicht dazu gehören Alexander Schmuck (26 Jahre), Niklas Kühn (17), Femke Langbehn (23) und Finn Brüning (29). Sie bereuen ihr Kommen keineswegs. „Wir waren schon bei mehreren Wahlkampf-Debatten, aber so geordnet und sachlich wie hier ging es nirgends zu“, berichtet Brüning. Langbehn ergänzt: „Unabhängig von dieser Veranstaltung hier werde ich wählen gehen, aber wenn ich unentschlossen gewesen wäre, hätte mich der Auftritt der Politiker hier überzeugt, am 22. September abzustimmen.“ Sollte die Veranstaltung weitere Besucher überzeugt haben, über den neuen Bundestag abzustimmen, dann hätte die Veranstaltung ihren Sinn ohne Zweifel eindrucksvoll erfüllt – auch wenn sich Buchholz und die übrigen Kandidaten erst danach wieder mit den Besuchern unterhalten durften.

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