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Khaled Waziri aus Malente : Wahl in Afghanistan – Ein authentischer Bericht

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Khaled Waziri lebt in Malente, seine Wurzeln liegen in Afghanistan. Zurzeit ist er in Kabul. Er berichtet über seine Eindrücke rund um die heutige Präsidentenwahl – und die Stimmung in Kabul.

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2014 | 14:58 Uhr

Kabul | Die letzten Wochen in Kabul waren geprägt vom Wahlkampf und zwar in jeder Hinsicht. Überall, in jeder Straße, an Hauswänden oder auch an den Fenstern der Autos, sind die Wahlplakate der Präsidentschaftskandidaten und der Kandidaten, die für einen Sitz im afghanischen Parlament kandidieren, zu sehen. Wenn man den Auftritten der Präsidentschaftskandidaten Glauben schenken darf, so fühlt sich jeder von ihnen bereits als der sichere Sieger der Wahl.

Die drei Favoriten auf das Präsidentenamt sind die Herrn Ahmadzai, Rassoul und Abdullah. Wobei Ashraf Ghani Ahmadzai, ehemaliger Berater der Weltbank und vormals Professor an verschiedenen amerikanischen Universitäten,als der herausragender Favorit gilt. Ahmadzai ist in Kabul aufgewachsen und hat viele Jahre in den USA gelebt und gearbeitet. Er beherrscht sowohl Englisch als auch die afghanischen Landessprachen Dari und Pashto perfekt. Allen voran ist er jedoch dafür bekannt, bei seinen Reden immer sehr emotional und stimmlich extrem laut zu werden. Bei manchen Reden hat er so laut gesprochen oder geradezu gebrüllt,dass seine Stimme ab einem gewissen Zeitpunkt versagt hat.

Ich konnte mich selbst davon überzeugen, als Ashraf Ghani Ahmadzai vor wenigen Tagen einen Wahlkampfauftritt im Ghazi Stadion in Kabul hatte. Selbst ein Gehörloser hätte wahrscheinlich an dem Tag die Stimme des Herrn Ahmadzai gehört. Neben der außergewöhnlichen Lautstärke seiner Stimme ist Ashraf Ghani Ahmadzai vor allem dafür bekannt, dass er bei eben solchen Auftritten auch immer sehr wild mit allem, was ihm zur Verfügung steht, gestikuliert. Als ich ihn im Ghazi Stadion genau beobachtete,hatte ich zeitweise das Gefühl, nicht mehr an einem Wahlkampfauftritt, sondern an einem Opernkonzert mit Ahmadzai als Dirigenten teilzunehmen.

Dabei ist Ashraf Ghani Ahmadzai keineswegs ein Lautsprecher oder jemand, der es nötig hätte durch besondere Körpersprache auf sich aufmerksam zu machen. Er zählt zweifelsohne zu den intelligentesten Köpfen in Afghanistan und in der Welt. Im Jahr 2013 wurde er von einem renommierten Magazin hinter Richard Dawkins zum zweitklügsten Denker auf der Welt gekürt. Er hat bereits vor einigen Jahren eine berühmte Rede an der Oxford-Universität gehalten. Dabei erklärte er, wie man es schafft, einen Staat, der sich in einem schwierigen oder desolaten Zustand befindet, wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Er hat sich aber trotz allem in Misskredit gebracht, weil er mit dem berüchtigten afghanischen „Warlord“ Abdul Rashid Dostum zusammenarbeitet. Dieser tritt nämlich als sein möglicher Stellvertreter an.

Zalmay Rassoul wird ganz stark vom noch aktuellen Präsidenten Karzai und seinen Brüdern unterstützt und ist in der Regierung von Karzai Außenminister gewesen. Ansonsten ist über ihn nicht besonders viel bekannt. Lediglich die Tatsache,dass er ledig ist und keine Kinder hat ist irgendwie an die Öffentlichkeit gelangt. In der afghanischen Gesellschaft, wo die Familie eine zentrale Rolle einnimmt, wirkt jemand, der in dem hohen Alter von Herrn Rassoul frau-und kinderlos ist wie ein Fremder. Dieser eigentlich private Fakt, der überhaupt nichts aussagt über seine Politik, wird ihm allen Prognosen zufolge zumindest bei einem Teil der Wählerschaft Stimmen kosten.

Abdullah ist eine bekannte Figur aus der Vergangenheit Afghanistans. Er ist einer der Führungskräfte in der sogenannten Nord-Allianz, die seit jeher eng mit Amerika kooperiert hat, gewesen. Außerdem ist er ein ehemaliger Mujahed (Gotteskrieger),der sowohl an dem Krieg gegen die Sowjetunion als auch an dem darauf folgenden Bürgerkrieg in Kabul beteiligt war. Die Tatsache,dass Abdullah durch seine Zugehörigkeit zur Nord-Allianz einer ganz bestimmten Fraktion zugeordnet werden kann, macht ihn für viele Afghanen, die gegen eben jene Nord-Allianz beispielsweise im Bürgerkrieg gekämpft haben, praktisch unwählbar.

Auch Abdullah hatte einige Wochen vor Ashraf Ghani Ahmadzai einen Wahlkampfauftritt im Kabuler Ghazi-Stadion gehabt und auch an diesem Wahlkampfauftritt habe ich teilgenommen. Abdullah ist im Vergleich zu Ahmadzai ein sehr ruhiger, gelassener Politiker, der es aber dennoch versteht durch Spitzbübigkeit sein Publikum für sich zu vereinnahmen. Er ist ein Politiker wie ihn Amerika und der Westen mag. So etwas wie wirkliche, authentische Emotionalität sucht man bei Abdullah vergeblich. Alles, jede Geste, jedes Wort wirkt bei ihm wohl kalkuliert.
Im Vergleich zum Wahlkampfauftritt von Ahmadzai war der Auftritt von Abdullah jedoch sehr schlecht organisiert. Die Zäune, die aufgebaut wurden, um den Bereich der Presse von den Menschenmassen fernzuhalten, wurden in kürzester Zeit durchbrochen.

Ferner gibt es noch einige weitere Präsidentschaftskandidaten wie den Governeur der südöstlichen Provinz Nangahar namens Sherzai. Es wird jedoch stark damit gerechnet, dass kein anderer Kandidat außer den drei benannten Favoriten eine realistische Chance auf das Präsidentenamt hat.

Dass die Wahlen nun bevorstehen, hat sich auch sehr deutlich auf die Sicherheitslage augewirkt. Die Taliban haben bereist vor längerem angekündigt, die Wahlen torpedieren zu wollen. Es gab immer wieder aufsehenerregende Anschläge auf Wahlbüros, die Wahlkomission und dergleichen. Kurzum alles, was irgendwie regierungsnah aussah oder mit der Wahl und dem Ausland in Verbindung zu bringen war, wurde angegriffen.

Dennoch hat sich die afghanische Bevölkerung davon nicht abschrecken lassen und ist zu tausenden in die Wahlbüros gestürmt, um sich für die Wahl registrieren zu lassen. Viele Menschen standen den halben Tag lang in langen Warteschlangen, nur um eine Registrierungskarte für die Wahl zu erhalten.

Diese Präsidentschaftswahl ist einzigartig in der afghanischen Historie und das ist auch allen bewusst. Das erste Mal in der mehr als 5000 Jahre langen Geschichte dieser Nation findet eine freiwillige Machtübergabe statt und es wird ein neuer Präsident gewählt. Ich verwende an dieser Stelle ganz bewusst nicht den Begriff „demokratisch“, sondern das Wort „freiwillig“.

Denn das Wort „Demokratie“ ist in Kabul zu einer Art zynischem Begriff, der für die typisch amerikanische Ignoranz steht, geworden. Man hat unter dem Begriff Demokratie ganze Dörfer in Nacht- und Nebelaktionen und mit Hilfe von Bomben und Drohnen ausgelöscht. Der Westen hat zu jedem Zeitpunkt hier den Begriff „Demokratie“ wie ein Preisschild vor sich hergetragen, zum gleichen Zeitpunkt aber mit den grausamsten „Warlords“ zusammengearbeitet und diesen zur Macht verholfen in Kabul. Das Beispiel Afghanistans hat eindeutig gezeigt, dass Demokratie oder das, was die Amerikaner als solche bezeichnen, nicht automatisch Freiheit, Gleichheit und Wohlstand bedeutet. In Afghanistan hat Demokratie nämlich vor allen Dingen Bomben, Krieg und Armut bedeutet. Kein Wunder also, dass die Menschen hier mit diesem Begriff nur noch blanken Zynismus verbinden.

Ich möchte auch an dieser Stelle nochmal betonen, dass Afghanistan, als es keine Einmischung von Großmächten mit imperialistischem Anspruch gab, durchaus sehr gute und friedliche Phasen in seiner langen Historie hatte und zeitweise sogar seinen Nachbarn in Zentralasien weit voraus war in vielen Aspekten der Politik und Wirtschaft.

Großmächte haben sich in Afghanistans Angelegenheiten seit jeher entweder direkt durch eine Invasion oder indirekt durch die Unterstützung von bestimmten Fraktionen und Gruppierungen eingemischt.

Ob die afghanische Bevölkerung durch diese Wahl das Heft des Handelns und somit auch ihr eigenes Schicksal wieder in die eigenen Hände bekommen kann, weiß ich nicht. Allein die Tatsache aber, dass so viele Menschen in den vergangenen Wochen in die Wahlbüros geströmt sind, um sich für die Wahl registrieren zu lassen, hat mir gezeigt, dass diese Menschen nie ihre Hoffnung aufgeben und früher oder später auch selbst wieder für Frieden in Afghanistan sorgen werden.

Weitere Eindrücke schildert Khaled Waziri aus seinem Blog auf shz.de.

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