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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 04:21 Uhr

Unternehmen : Wachstum mit komplexen Systemen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Seit einem Jahr gehört der Malenter Technologiezulieferer Kuhnke zu Kendrion – die Umsätze steigen, 22 Mitarbeiter wurden fest eingestellt

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2014 | 16:35 Uhr

Bad Malente-Gremsmühlen | Viel Unsicherheit, aber auch ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft: Diese Gefühlslage rief der Paukenschlag hervor, für den die Kuhnke AG vor einem Jahr – am 7. Mai 2013 sorgte – die Eingliederung in den niederländischen Kendrion-Konzern. Die Zeiten eines eigenständigen Familienbetriebs, davon fast 70 Jahre am Standort Malente, waren damit vorbei.

Aus Sicht von Robert Lewin und Torsten Komischke war es für den 1928 in Kiel gegründeten Technologie-Zulieferer eine Entscheidung, die viele Perspektiven eröffnet hat. Die beiden Ingenieure, die auch schon vor der Fusion für Kuhnke tätig waren, stehen an der Spitze der beiden Gesellschaften, die aus der Kuhnke AG hervorgegangen sind und zu den sieben Geschäftsbereichen (Business Units) bei Kendrion gehören: Der 50-jährige Lewin führt die Kendrion Kuhnke Automation GmbH, die in den Bereichen Maschinenbau, Medizingerätetechnik und Luftfahrt tätig ist, der 53-jährige Komischke die Kendrion Kuhnke Automotive GmbH, die Komponenten und Systeme für die Automobilbranche liefert.

Das erste Jahr im Kendrion-Verbund ist für Malente und seine Standorte im rumänischen Sibiu (Produktion) sowie Schweden und Spanien (Vertrieb; der Standort in Italien wurde bereits 2012 verkauft) gut gelaufen. „Wir sind im vergangenen Jahr im hohen einstelligen Bereich gewachsen“, berichtet Komischke. Und auch in das laufende Jahr sei Kendrion-Kuhnke sehr gut gestartet. „Von daher blicken wir optimistisch auf das gesamte Jahr.“ Der Optimismus spiegelt sich im Kurs der Kendrion-Aktie, die an der Börse in Amsterdam notiert ist. Seit Kuhnke zum Unternehmen gehört, ist der Kurs stetig gestiegen. Von unter 20 auf mittlerweile fast 26 Euro.

Die positive Geschäftsentwicklung hat sich zuletzt auch für die Beschäftigten ausgezahlt. Im Bereich Automotive erhielten 22 Mitarbeiter, die bislang befristete Verträge hatten, einen dauerhaften Arbeitsplatz. Für 30 Kuhnke-Beschäftigte, die im mittlerweile aufgelösten „Kuhnke Support“ arbeiteten und unter anderem für Bereiche wie Gebäudereinigung und Empfang zuständig waren, kam Ende 2013 allerdings das Aus (wir berichteten). Sie erhielten ihre Kündigung, ihre Dienstleistungen wurden teils eingespart, teils ausgelagert. Zurzeit arbeiten 476 Mitarbeiter in Malente, etwa 600 Beschäftigte sind an den Standorten im Ausland, zum allergrößten Teil in Rumänien, tätig.

Zu den ständigen Herausforderungen gehört es, geeignetes Personal zu finden. Gesucht würden vor allem Ingenieure in den Bereichen Konstruktion und Qualitätssicherung, berichtet Lewin. „Die Leute hier hoch zu bekommen, ist schwierig“, räumt Komischke ein. Deshalb spielt das Thema Ausbildung bei Kendrion-Kuhnke eine wichtige Rolle. Derzeit gehören 28 Auszubildende und zehn „Studiles“, die Ausbildung und Studium kombinieren, zur Belegschaft. Und schließlich sei Kendrion-Kuhnke kein schlechter Arbeitgeber: „Wir sind attraktiv, haben ein gutes Betriebsklima“, betont Lewin.

Mit der jüngsten Umsatzentwicklung sind die beiden Geschäftsführer zwar sehr zufrieden, doch manche Potenziale, die der Kendrion-Verbund bietet, sind noch gar nicht gehoben. Die Integration ins Kendrion-Reich brauchte ihre Zeit, Kontakte mussten erst einmal geknüpft werden. Das ist aus Komischkes Sicht gelungen: „Die Scheu, einfach mal den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, ist weg. Die Kommunikationswege sind besetzt.“ Grund für verzögerte wirtschaftliche Effekte sind aber auch die branchenüblich langen Entwicklungszeiten: „Wenn wir im Automationsbereich über neue Projekte reden, reden wir über Zeiträume von zwei bis drei Jahren“, sagt Lewin. Der Umsatz entstehe erst nach drei bis vier Jahren.

Ein Beispiel für Synergieeffekte sind aufwendige Produktprüfungen im Labor. Wo früher noch auf externen Sachverstand zurückgegriffen werden musste, gibt es jetzt entsprechende Kompetenzen im eigenen Konzern. „Wir nutzen Equipment von anderen Standorten“, erklärt Lewin. So werden beispielsweise Betätigungsmagnete für Schlüsselabzugssperren im Automobilbau im Labor auf Herz und Nieren geprüft, damit sie später nicht ausfallen. Auch bei den weiterentwickelten Sound-Aktoren, die etwa in Fahrzeugen des VW-Konzerns für ein passendes Motorengeräusch sorgen, wird im Labor überprüft, ob sie Hitze und Vibrationen auf Dauer gewachsen sind. Umgekehrt hat Malente Kompetenzen, die in den süddeutschen Betriebsstandorten gefragt sind.

Bei der Produktentwicklung setzten die Malenter verstärkt auf komplexe Systeme anstelle einfacher Komponenten. „Damit sind wir vom Wettbewerb nicht so leicht angreifbar“, sagt Komischke. Ein Beispiel ist ein Sicherheitsmodul für die unfallfreie Bedienung von Maschinen, das zum Jahresende serienreif sein soll und mit dem Kendrion-Kuhnke einmal mehrere Millionen Euro Umsatz erzielen will. Ein anderes Beispiel ist die Niveau-Regulierung für einen Lkw-Trailer. Hier werden Kompetenzen wie Sensorik, Elektronik, Software und Ventiltechnik zu einem Produkt verschmolzen. Der potenzielle Kunde habe sich lange umgesehen, doch letztlich sei er nirgendwo anders fündig geworden, freut sich Komischke über den gewonnenen Auftrag. Dabei komme Kendrion-Kuhnke auch seine Flexibilität zu Gute, ergänzt Lewin: „Wenn man schnell ein funktionsfähiges Muster auf den Tisch legen kann, hat man schon Vorteile gegenüber dem Wettbewerb.“

Doch die besten Produkte nützen nichts, wenn sie potenziellen Kunden nicht schmackhaft gemacht werden können. Und auch da bietet Kendrion aus Sicht der beiden Manager große Potenziale. Um in China Fuß zu fassen, wollte Kuhnke dort bereits einen Vertriebsstandort aufbauen. Den Aufwand können sich die Malenter jetzt sparen. Über Kendrion haben sie den Zugang zum chinesischen Markt. China werde in Zeiten der Globalisierung immer wichtiger, weiß Komischke. „Dort boomen die Märkte.“ Den Einkauf dort zu bedienen, funktioniere nur, wenn Mitarbeiter vor Ort seien, die dort kommunizieren könnten. Mit Kendrion hat der Standort Malente Zugriff auf große Teile des Weltmarkts. Die Unternehmensgruppe ist mit 20 Standorten in Amerika, Asien und Europa vertreten.

 

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