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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 10:51 Uhr

Vorurteile dominieren Info-Abend

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Hitzige Debatte: Stadt informierte Anwohner über die geplante Unterbringung von bis zu 60 Flüchtlingen im Redderkrug

shz.de von
erstellt am 22.Jan.2016 | 04:28 Uhr

Es war kein einfacher Abend für Bürgermeister Klaus-Dieter Schulz, Flüchtlingskoordinatorin Sophia Schutte und Ordnungsamtsleiterin Julia Lunau. Eigentlich wollten sie den rund 40 Anwohnern am Mittwochabend im Saal des Redderkrugs erklären, wie sie sich die Unterbringung von Flüchtlingen im Hotel vorstellen. Doch Versuche, die Infos am Stück vorzutragen, wurden von Vorurteilen und Vorwürfen der Anwohner unterbrochen.

Sie fühlten sich von der Stadt zu spät informiert, in die Planungen nicht einbezogen und überhaupt seien 60 Flüchtlinge zu viel. „Wenn sie von dezentraler Unterbringung sprechen, ist es doch ein Witz, dass sie in eine Gegend mit maximal 20 Anwohnern 60 Flüchtlinge in einen Komplex setzen“, sagte einer der Anwohner. „Dass ich am Anfang nicht begeistert war, dass wir gerade mit der bevorstehenden Landesgartenschau noch mehr Übernachtungsplätze verlieren, können Sie mir glauben. Aber wir stehen enorm unter Druck und müssen jede Chance prüfen. Wenn die Menschen vor der Tür stehen, brauchen wir passenden Wohnraum“, sagte Klaus-Dieter Schulz. Ihm sei sehr an einem vernünftigen Miteinander gelegen aber: „Es stand für uns nicht zur Frage, ob wir den Redderkrug anmieten oder nicht. Wir haben eine Aufgabe, die wir lösen müssen und wollen sie hier darüber informieren“, stellte Schulz klar. Die Flüchtlingsunterbringung in den Appartements des Hotels wurde der Stadt vom Eigentümer Andreas Maaßen selbst bereits im September angeboten. Gemietet hat die Stadt die Räume mit Platz bis zu 60 Personen bis 2020. Anfang Februar könne mit der Belegung begonnen werden. Schulz: „201 Menschen haben wir schon untergebracht in rund 100 städtischen Liegenschaften, etwa 40 Gebäude und Wohneinheiten haben wir angemietet.“ Nach aktueller Quote für 2016 muss Eutin 366 Flüchtlinge unterbringen – die 180 fehlenden von 2015 eingerechnet (wir berichteten).

„Sie erzählen uns die ganze Zeit von Ihren Nöten. Was ist denn mit denen der Anwohner“, fragte Fritjof Sach. „Ich habe eine hübsche 18-jährige Tochter. Was soll ich ihr erzählen, wie sie sich beim Sport kleiden und verhalten soll, damit ihr nichts passiert?“ Gerade nach Geschehnissen wie in der Kölner Silvesternacht „sehen wir doch, zu was die fähig sind“. Andere haben Angst vor der Wertminderung ihres Eigentums, vor Einbrüchen oder auf den Kosten sitzen zu bleiben, wenn das alte Kanalsystem versage und Reparaturen fällig werden. „Ich kann Ihnen nicht alle Ängste nehmen, aber ich kann Ihnen sagen, dass in Eutin bisher alles super gelaufen ist und es hier bisher keine Übergriffe gegeben hat“, sagte Sophia Schutte. Schnell korrigierten sie die Wortführer: „Von denen wissen Sie nur nichts!“ Schutte erwidert: „Es sind keine bekannt.“ Anwohner, die das „Bedrohungsszenario“ vom „barrikadierten Wanderweg, den wir nicht mehr nutzen können“ und „aus dem Fenster fliegenden Müll“ zeichneten, erreichte das nicht.

Nach fast zweistündiger Diskussion und Schlagabtausch aller existierenden Vorurteile über Flüchtlinge, „outeten“ sich die beiden Syrer Ayman und Osama. Für einen kurzen Moment herrschte betretenes Schweigen. Ayman ist studierter Dozent für Französisch und Geschichte, Anfang 30 und seit rund 18 Monaten in Eutin. Osama ist Kardiologe, absolvierte ein Praktikum in der Sana-Klinik und wartet nun – um Praktizieren zu können – auf die Anerkennung seiner Approbation. Beide haben sämtliche Sprach- und Orientierungskurse mit Bravour gemeistert und engagieren sich jetzt als Dolmetscher zwischen Neuankömmlingen und Ehrenamtlern. Sie traten – trotz aller vorangegangenen Äußerungen – überaus freundlich auf. „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie hierher gekommen sind. Ich selbst bin sprachlos. Ich war 2001 erstmals in Deutschland als Student und ich hätte im Leben nicht gedacht, dass ich als Flüchtling wiederkomme und nicht als Besucher oder oder Arzt“, sagte Osama. Es habe für beide keine Wahl gegeben. Sie wollten nicht zum Militär, nicht töten. Zu den geäußerten Ängsten der Anwohner sagte Osama: „Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen, aber in jeder Gemeinschaft gibt es Menschen, die besser sind als ich und manche, die schlechter sind.“ Ein deutscher Anwohner formulierte es mit Humor: „Wenn deutsche Porschefans hier einen auf dicke Hose machen oder Vatertag ist, krieg’ ich auch immer Angst.“

Die Stadt könne nicht versprechen, dass nur Familien im Redderkrug einziehen, „aber wir werden versuchen, hier hauptsächlich Familien unterzubringen“, sagte Schutte. Eine Garantie könne es nicht geben. „Wir wissen nicht, wer uns zugewiesen wird“, betonte Lunau. „Aber wir werden Ihre Anregungen mitnehmen und schauen, was sich davon umsetzen lässt“, sagte Schulz. So kam beispielsweise der Wunsch nach einem Betreuer, der „auch zur Sicherheit der Flüchtlinge“ rund um die Uhr im Redderkrug ist. Auch regelmäßige Austauschtreffen zwischen Flüchtlingen und Anwohnern könnten die Ängste nehmen, sagte eine Alleinstehende. Am Ende des Abends trugen sich eine handvoll Freiwillige ein, die sich ehrenamtlich vor Ort engagieren wollen.

Maaßen resümierte den Abend als Spiegelbild der Bevölkerung: „Letztlich akzeptiert es die Bevölkerung zähneknirschend. Ich hoffe, dass wir alle gemeinsam daran arbeiten, dass sich die Befürchtungen in Luft auflösen“, so der Redderkrug-Eigentümer.

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