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Ostholsteiner Anzeiger

21. August 2017 | 18:26 Uhr

Vor 65 Jahren –

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Auch im vierten Nachkriegsjahr hatten sich in Eutin die Lebensumstände noch nicht so verbessert, dass aus heutiger Sicht von erträglichen Verhältnissen gesprochen werden kann. Trotz der Währungsreform vom 20. Juni 1948 war noch immer keine durchgreifende Verbesserung der wirtschaftlichen und persönlichen Situation eingetreten, dazu war die Arbeitslosigkeit zu hoch und die Wohnungsnot zu groß. Sogar die für uns heute so selbstverständlichen Informationen durch die Heimatzeitung über das gesellschaftliche, kulturelle und politische Geschehen in Eutin waren noch sehr eingeschränkt erhältlich, denn erst zum 15. November 1949 erschien der Eutiner Kreis-Anzeiger, der jetzige Ostholsteiner Anzeiger, alle drei Tage und dann ab 1. Dezember 1949 jeden Tag. Doch trotz dieser dürftigen Quellenlage kann im nachfolgenden einiges vom Eutiner Leben des Jahres 1949 berichtet werden.

Aus den Tätigkeitsberichten der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände des Kreises Eutin ergibt sich, dass auch nach der Währungsreform Not und Entbehrungen an der Tagesordnung waren. Die Arbeitsgemeinschaft war ein Zusammenschluss des Evangelischen Hilfswerks, des Caritas-Verbandes, der Arbeiterwohlfahrt, des Deutschen Roten Kreuzes und der Notgemeinschaft Schleswig-Holstein. Von den 114 700 Einwohnern des damaligen Kreises Eutin (Stand 1. Juli 1949) bezogen 12 300 Personen Fürsorgeunterstützung und 21 000 Menschen Arbeitslosenunterstützung. Weitere 2000 Schwerkriegsversehrte und 1650 Kriegshinterbliebene mussten mit einer nicht ausreichenden Versorgungsrente auskommen. Somit lebte fast jeder dritte Kreiseinwohner am Rande des Existenzminimums.

Deshalb wurden aus Spenden weiterhin Bedürftige mit Bekleidung und Haushaltsgegenständen versorgt, Lebensmittel ausgegeben, heimgekehrte Kriegsgefangene eingekleidet, Schuhe und Holzsandalen an Notleidende abgegeben und Medikamente an Einzelpersonen verteilt. Der größte Teil dieser Spenden kam von ausländischen Verbänden wie zum Beispiel von dem Britischen Roten Kreuz, der Kanadischen Vereinigung für Deutschlandhilfe, dem Plattdeutschen Verein New York, dem Deutsch-Afrikanischen Hilfsausschuss, dem Hilfskomitee für deutsche Kinder in Göteborg oder dem Abraham-Lincoln-Freundschaftszug.

Eine Besonderheit war die Spende von 23 Rindern von amerikanischen kirchlichen Organisationen an Flüchtlingssiedler im Kreise Eutin. In Zusammenarbeit mit dem Kreislandwirtschaftsamt wurden die Kühe den überglücklichen Siedlern geschenkt.

Doch nicht nur ausländische Hilfsorganisationen trugen zur Linderung der allergrößten Not bei, auch der bayerische Landkreis Kulmbach befasste sich mit der Frage, wie dem von Flüchtlingen übervölkerten Landkreis Eutin geholfen werden könne. Der Kulmbacher Kreistag beschloss, über alle politischen Auffassungen hinweg, aus Verbundenheit mit dem Norden Deutschlands 28 Eutiner Flüchtlingskindern während der Sommerferien Ferienfreiplätze zur Verfügung zu stellen. Das Kreisgesundheitsamt suchte erholungsbedürftige Kinder aus Eutiner Massenquartieren aus, die am 14. Juli 1949 nach Kulmbach fuhren und erst am 13. September gut erholt zurückkamen. Der kleinste Junge hatte in dieser Zeit 16 Pfund zugenommen!

Der Mangel an Arbeitsplätzen und Wohnraum war besonders in Schleswig-Holstein erdrückend. Die Bevölkerungszahlen stiegen wegen der Flüchtlinge aus Pommern und Ostpreußen von 1945 bis 1949 um 1,1 Millionen an, in Eutin von 9000 im Jahre 1939 auf über 20 000 im Jahre 1948. Entsprechend zusätzliche Arbeitsplätze und Wohnungen waren nicht entstanden, so dass noch 1949 die nachkriegsbedingte Not allenthalben spürbar war.

Besonders groß war die Jugendarbeitslosigkeit, sehr viele Schulabgänger konnten keine Lehre beginnen. Deshalb wurden Jugendaufbauwerke eingerichtet, in denen die Jugendlichen betreut und durch planmäßigen Unterricht auf einen Beruf vorbereitet wurden. Das Heim des Jugendaufbauwerks vom evangelischen Hilfswerk Eutin befand sich in der Oldenburger Landstraße hinter der Rettberg-Kaserne.

In Schleswig-Holstein war der Anteil von Flüchtlingen im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung am höchsten, demzufolge waren auch 70 Prozent der Arbeitslosen Flüchtlinge.

Zur besseren Verteilung dieser enormen Lasten zwischen den deutschen Bundesländern liefen 1949 staatlich geplante Programme an. Besonders die Umverteilung der vielen Flüchtlinge auf weniger betroffene Bundesländer stand im Vordergrund. Im Laufe des Jahres war eine Umsiedlungskommission aus der französischen Zone in Schleswig-Holstein unterwegs, die sich mit der Umsiedlung aller infrage kommenden Personen beschäftigte. Es wurden besondere Fachkräfte mit Spezialberufen gesucht wie zum Beispiel Maler, Feinmechaniker und Fachkräfte aus der Holzverarbeitungsindustrie. Mit dem ersten Transport aus Eutin konnten am 13. September 1949 insgesamt 31 Familien mit zusammen 115 Personen nach Württemberg-Hohenzollern in die Landkreise Tuttlingen, Reutlingen und Tübingen umgesiedelt werden. Bis zum 1. Oktober folgten in vier zusätzlichen Transporten weitere 1500 Personen. Dadurch trat in Eutin eine gewisse Entlastung auf dem Arbeitsmarkt, nicht jedoch auf dem Wohnungsmarkt ein.

Nach wie vor mangelte es in Eutin an ausreichendem Wohnraum für die vielen Menschen. Nicht nur alle Wohnhäuser waren mehr als überbelegt, noch 1949 gab es einige Baracken- und Flüchtlingslager in Eutin, in denen teilweise über 100 Personen unter heute nicht mehr vorstellbaren Bedingungen hausen mussten.

Wegen des fehlenden Geldes konnte in Eutin erst ganz allmählich mit dem Bau von Wohnungen begonnen werden. Die 1948 gegründete Bau- und Siedlungsgenossenschaft stellte im September 1949 zwei Doppelhäuser mit Einliegerwohnungen in Fissau-Sandfeld fertig. Die Zahl der Bewerber um die neuen Wohnungen war so groß, dass sie verlost werden mussten. In die Vierfamilienhäuser wurden je sieben Familien eingewiesen, ein Beleg für die weiterhin bedrückende Wohnungsnot.

Der Eutiner Alltag des Jahres 1949 bestand jedoch nicht nur aus der Bewältigung der schwierigen Lebensverhältnisse. Wie sich das gesellschaftliche Leben allmählich zum Positiven hin wandelte, wird aus der nachfolgenden Aufzählung und Schilderung einiger Veranstaltungen ersichtlich.

Am Ostermontag wurde das erste Großfeuerwerk nach dem Kriege im Schlossgarten abgebrannt, verbunden mit einem Platzkonzert der Polizeikapelle Lübeck, einem Chor-Konzert des Männer-Gesangvereins und einem Schauturnen der Turnerschaft Riemann auf der großen Wiese vor der Südfassade des Schlosses. Dazu war der gesamte Schlossgarten bengalisch beleuchtet. Für dieses Ereignis waren der Schlossgarten und die Uferteile der Stadtbucht und des Seegartens gesperrt worden, nur an wenigen Einlassstellen war der Zugang gegen Entgelt möglich.

Der Sportplatz am Seescharwald (heute Klein-Golfanlage) musste wegen des feuchten Untergrundes dringend erneuert werden. Weil auch damals für diese Arbeiten kein Geld in der Stadtkasse war, wurde mit besonderen Aktionen Geld dafür eingesammelt. So fand zum Beispiel am 22. Mai zugunsten des weiteren Ausbaus des Sportplatzes ein Fußballspiel der Eutiner Gastwirte gegen eine Auswahl der Eutiner Stadtvertreter mit Tombola statt, das vom Kreisorchester musikalisch umrahmt wurde. Über 3300 Zuschauer ließen sich dieses Spektakel nicht entgehen, so dass nach Abzug aller Unkosten 2000 DM für den guten Zweck überwiesen werden konnten.

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erstellt am 11.Aug.2014 | 13:46 Uhr

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