Vor 50 Jahren: Ein ungeklärtes Schicksal

Versuchte ein DDR-Flüchtling, mit diesem Floß über die Ostsee in den Westen zu gelangen?
Versuchte ein DDR-Flüchtling, mit diesem Floß über die Ostsee in den Westen zu gelangen?

Der Malenter Manfred Philipp fragt sich, welche Geschichte hinter einem Foto steckt, dass er vor 50 Jahren geschossen hat

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23. November 2013, 00:33 Uhr

In der Herbstzeit, wenn die Abende länger werden und die Menschen sich wieder mehr Zeit für Gespräche und den Austausch von Erinnerungen nehmen, kommt auch manches aus längst vergangenen Tagen zum Vorschein. Dabei erinnert man sich an viele schöne, aber oftmals auch sehr traurige Begebenheiten. So erging es auch mir, als eines Tages das Gespräch auf Flüchtlinge im Allgemeinen und die, die an der ehemaligen Zonengrenze starben, im Besonderen kam. Dabei erinnerte ich mich an eine sehr traurige Begebenheit, die, obwohl sie schon 50 Jahre zurück liegt, mir noch immer im Gedächtnis haften geblieben ist.

Es war 1962 oder 1963. Ich fuhr als junger Torpedo-Maat auf dem Schnellboot „Weihe“, das zum 5. Schnellbootgeschwader in Neustadt/Holstein gehörte. Wir fuhren damals auch Patrouille in der Lübecker Bucht und im Fehmarn-Belt. Auf einer dieser Fahrten sahen wir in der Ferne einen dunklen Gegenstand im Wasser schwimmen. Als wir näher herankamen, stockte uns förmlich der Atem. Im Wasser schwamm ein prall aufgepumpter Schlauch eines Treckerreifens, in dessen Mitte ein kleines Holzbrett als eine Art Sitzbank befestigt war. Irgend eine arme Seele musste in ihrer Bedrängnis und Verzweiflung versucht haben, der DDR zu entkommen und mit diesem, für die Ostsee viel zu kleinen, Floß das westliche Ufer zu erreichen und damit in die Freiheit zu gelangen. Wir nahmen das Floß an Bord und suchten den Rest des Tages vergeblich die See ab.

Daran erinnerte ich mich vor einigen Tagen und auch daran, dass ich damals das Floß fotografiert hatte. Beim Durchsuchen eines alten Fotokartons, der mit anderen Erinnerungen aus der Seefahrtszeit auf dem Dachboden schlummerte, fand ich dann auch das 50 Jahre alte Foto dieses Floßes.

Leider habe ich nie erfahren, ob der Flüchtling damals das westliche Ufer erreichte. Ich glaube nicht, denn dann wäre er am Floß geblieben. Wenn die Ostgrenzer ihn aufgefischt hätten, würden sie das Floß ebenfalls an Bord genommen haben. Somit werden wohl auch die Angehörigen nie erfahren, dass die Flucht nicht gelang und welches Drama sich damals auf der Ostsee abspielte.

Und jetzt, nach 50 Jahren, wer erinnert sich noch daran, was damals geschah und wen dieses traurige Schicksal ereilte. Ich bedauere sehr, dass dieses Foto sowie das damit verbundene Drama auf der Ostsee so viele Jahre verborgen blieb. Vielleicht hätte eine Familie sonst viel früher von dem Schicksal ihres Angehörigen erfahren und somit Gewissheit erlangen können. Ob das nach so vielen Jahren noch möglich ist?

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