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Ostholsteiner Anzeiger

23. November 2017 | 19:44 Uhr

Von Quito bis zum Tal der Hundertjährigen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Eigentlich arbeitet die Eutinerin Katharina Busch für ein Jahr in der kolumbianischen Stadt Cartagena in einem Kindergarten. Doch ein Besuch in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, hat sie sehr zu einem Besuch gereizt.

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2017 | 14:30 Uhr


Viel wusste ich über dieses, verglichen mit Kolumbien kleine Land Lateinamerikas vor meiner Reise nicht. Meine Freundin Jane aus Neumünster, die ich auf dem weltwärts-Vorbereitungsseminar kennengelernt hatte und nun hier gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen Kimberly besuchte, macht in Quito ebenfalls einen Freiwilligendienst. Die Andenstadt mit etwas über zwei Millionen Einwohnern liegt 2850 Meter über dem Meeresspiegel. Der erste Aufstieg zur Freiwilligen-WG, die im historischen Zentrum der Stadt liegt, war ganz schön beschwerlich. So viel Höhe waren wir aus Cartagena nicht gewöhnt. Es gibt zahlreiche Aussichtspunkte, von denen aus man einen gigantischen Blick auf die Stadt hat. Quito erstreckt sich 57 km durch das Tal der Anden.

Jane arbeitet in einem Projekt mit Kindern auf dem Markt San Roque. Hier verkaufen größtenteils indigene Familien, die das Obst und Gemüse auf dem Land anbauen. Samstags gibt es einen Flohmarkt, auf den sich normalerweise keine Touristen verirren. Der Drogenhandel und Verkauf von geklauten Elektroartikeln sind nur einige Gründe weshalb dies nicht die sicherste Gegend Quitos ist. Jane betreut die Kinder der Marktarbeiter, die ansonsten mit ihren Eltern verkaufen müssten. Der Großteil von ihnen wohnt in sogenannten indigenen Kommunen, in denen zirka 20 Familien gemeinsam leben. Häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch und Kinderarbeit sind hier keine Seltenheit. Sie erzählt uns Geschichten der Kinder, die nur schwer zu ertragen sind. Zum Beispiel, dass das dreijährige Zwillingspärchen beinahe seine Mutter verloren hätte, weil sie von ihrem Mann umgebracht werden sollte. Oft müssen schon die ganz Kleinen ihren Eltern auf dem Markt zum Beispiel beim Pulen der Hülsenfrüchte helfen. Der stark ausgeprägte Machismo, die Gewalt gegenüber Frauen, kommen nicht von ungefähr. Durch die Diskriminierung und Marginalisierung* der Indigenen, wie sie vergleichsweise in Cartagena mit den Afrokolumbianern geschieht, führen zwangsläufig zu Frustration und Unzufriedenheit, was das Gewaltpotential erhöht.

Nicht nur auf dem Markt, auch im Bus und in den Straßen fallen die indigenen Frauen durch ihre traditionelle Kleidung auf, wohingegen ihre Männer oft moderne Lederjacken und Jeans tragen. Markant sind bei den indigenen Frauen, die oftmals ihre Babys in Tragetüchern auf dem Rücken tragen, die dunklen Filzhüte, bestickten Blusen und Samtröcke, die sie fast immer mit einer Strumpfhose und Absatzschuhen kombinieren. Der Anteil der indigenen Bevölkerung ist in Ecuador höher als in Kolumbien. Sie sind präsenter und haben ihren Lebensstil etwas mehr der modernen Gesellschaft angepasst, als ich es in Kolumbien erlebe. Viele von ihnen leben in den Städten, in vielfach prekären Situationen, um Geld beispielsweise auf den lokalen Märkten verdienen zu können. Das Klima in Quito ist sehr viel kälter als wir es von der Karibikküste Kolumbiens gewöhnt waren. Nachts schlief ich unter vier Decken, während ich in Cartagena den Deckenventilator verfluche, weil er nicht die gewünschte Abkühlung bringt.

Das historische Zentrum Quitos mit den alten, hohen Wohngebäuden und die gepflasterten Straßen erinnerten mich abends im Regen ein wenig an Budapest. Wir liefen vorbei an Straßenverkäufern, die versuchen, ihre „Donaaaassss“ (Donuts) oder Obst- und Gemüsepakete für einen Dollar unter die Leute zu bringen. Hier spielen sie kein Champeta, dafür Gaitaklänge (Flöte) in den Bussen, wo bis nachts um ein Uhr Arnold Schwarzenegger-Actionfilme laufen und vom Schlafen abhalten  ...

Da Ecuador flächenmäßig klein ist und ein gutes (Nacht-)Bussystem hat, konnten wir in den zehn Tagen, die wir Jane besuchten, doch einige kleine Städte und Dörfer besichtigen und die atemberaubende Natur genießen. So waren wir in Cuenca, einem schönen Andenstädtchen im Süden Ecuadors, von wo aus wir weiterfuhren nach Vilkabamba, über das vor einiger Zeit eine ARD-Reportage „Das Tal der Hundertjährigen“ gedreht wurde. So mancher US-Amerikaner hat hier seine Zelte neu aufgeschlagen. Einige Hippies und Backpacker verkaufen ihren Schmuck vor dem Kirchplatz, es gibt süße Restaurants und Cafés und der Weg zum Fluss und in die Berge ist nicht weit. So verließen wir Ecuador mit Vorfreude auf die Hitze und vielen neuen interessanten Eindrücken im Gepäck.


*  Die Marginalisierung einer Bevölkerungsgruppe bedeutet, diese an den Rand der Gesellschaft zu drängen, ihre Belange und Bedürfnisse als weniger wichtig zu betrachten.



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