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Ostholsteiner Anzeiger

18. August 2017 | 03:28 Uhr

Eutin : Von Barrierefreiheit profitieren alle

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Dringender Handlungsbedarf: Viele Gemeinden im Kreis beteiligen sich am Aktionsplan für Barrierefreiheit. Eutin hat das Thema bisher nur für die Landesgartenschau im Blick.

Schleswig-Holstein zählt zu den beliebtesten Reisezielen innerhalb Deutschlands, doch in Sachen Barrierefreiheit bleibt das Bundesland im Norden ein weißer Fleck auf der Landkarte. „Eine aktuelle Studie, die genau das untersuchte, zeigte enormen Handlungsbedarf“, sagt Fenja Gengelazky. Sie war die Managerin des Projektes „Barrierefreier Tourismus in Schleswig-Holstein“, das deshalb vor zwei Jahren gestartet wurde. In diesem Monat endet das Projekt – Zeit für eine Bilanz: Was wurde erreicht?

„Es ist ein wirklich wichtiges Thema, denn im bundesweiten Vergleich hinkt Schleswig-Holstein hinterher. Brandenburg, Bayern und Thüringen beschäftigen sich seit den 90er Jahren damit“, sagt Gengelazky. Innerhalb Schleswig-Holsteins, so die 25-jährige Projektmanagerin, sei das Netzwerk in Ostholstein mittlerweile das stärkste und am besten organisierte. Gengelazky: „Wir sind hier wirklich auf fruchtbaren Boden gestoßen, denn die Lebenshilfe und die Arbeitskreise in den Aktivregionen wissen um die Bedeutung von Barrierefreiheit, die längst nicht nur Rollstuhlfahrer im Fokus hat, sondern alle Menschen.“

Zahlreiche Gemeinden haben sich dem Projekt „Ostholstein erlebbar für alle“ unter der Federführung von Lena Middendorf (Lebenshilfe) angeschlossen. Sogar der Kreis Ostholstein beschloss einstimmig einen Aktionsplan in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe zu erstellen, um Barrieren abzubauen – als erster Kreis in Schleswig-Holstein.

Nur in der Kreisstadt selbst scheint das Problem noch nicht als drängend erachtet zu werden. Lena Middendorf: „In Eutin sind wir bisher kein Kooperationspartner, weil sich die Stadt bislang noch zu keinem Beschluss durchringen konnte.“ Stadtsprecherin Kerstin Stein-Schmidt teilt hierzu mit: „Wir sind uns bewusst, dass die Themen Barrierefreiheit und Inklusion immer wichtiger werden. Ganz konkret bewegen uns diese Themen zur Zeit in Verbindung mit der Landesgartenschau und der Stadtsanierung. Alles was jetzt baulich umgesetzt wird, passiert natürlich unter diesem Aspekt. Barrierefreiheit steht bei der LGS im Fokus – Begehbarkeit und Erreichbarkeit. Wir sehen das als Qualitäts- und Komfortmerkmal.“

Dass heute geplante Baumaßnahmen nur unter der Voraussetzung der Barrierefreiheit genehmigt werden, da es gesetzliche Vorschriften und UN-Konventionen gibt, die es umzusetzen gilt, betont auch Stefan Doose, der hiesige Projektkoordinator

 

 

beim Kreis. Doose: „Gerade mit Blick auf die Zielgruppen und Bewohner, die es in dieser Region gibt, sind Barrierefreiheit und Inklusion strategisch wichtige Themen für Eutin.“ Auch das Ergebnis der Studie „Vitale Innenstädte“ zeigte: Auf diesem Gebiet hat die Rosenstadt Nachholbedarf. Nur ein einziger gastronomischer Betrieb am Markt hat einen barrierefreien Eingang sowie eine entsprechende Toilette. Bei einer Veranstaltung speziell zum Thema Tourismus und Barrierefreiheit war denn auch nur ein Gastronom anwesend.

Auch bei der Zertifizierung der Betriebe nach wichtigen Kriterien der Barrierefreiheit, die vom Projekt „Barrierefreier Tourismus in Schleswig-Holstein“ entwickelt wurde, um via Internet allen Suchenden über die Gegebenheiten vor Ort zu informieren, nahmen nur 40 Betriebe im ganzen Land teil. Darunter waren auch die Touristinfos in Eutin, Plön, Bosau, Dersau und Malente. Aus Eutin jedoch kein einziger gastronomischer Betrieb oder Anbieter von Unterkünften. Betroffene schütteln darüber den Kopf: „Wie kann man bei diesem Thema nicht reagieren, wo doch alle einmal älter und sich über barrierefreie Zugänge freuen werden?!“

Die krassesten Vorurteile, die Fenja Gengelazky während ihrer Projektzeit zu Ohren kamen, waren: „Barrierefreiheit ist teuer, hässlich und schadet nur, weil es meine anderen Gäste stört.“ Dass jeder davon profitiere, wollen Menschen mit dieser Einstellung noch nicht sehen, so Gengelazky.

„Das langfristige Ziel sollte sein, eine touristische, barrierefreie Servicekette für jede Region abbilden zu können – von der An- bis zur Abreise.“ Deshalb sei es so wichtig, dass möglichst alle mitmachen, sagt Fenja Gengelazky. Und es müsse über das Projekt hinaus einen landesweiten Koordinator geben, der Ansprechpartner für die einzelnen Kreise, Verbände und Vereine ist.

Stefan Doose: „Barrierefreiheit kostet Geld, daran besteht kein Zweifel. Aber wichtig ist, erst einmal die Ziele zu formulieren, zu wissen, was man als Gemeinde oder Stadt erreichen möchte, um kleine Schritte zu gehen.“ So helfe ein QR-Code an der Speisekarte nicht nur Sehbehinderten, wenn die Karte via Smartphone vorgelesen wird, sondern sei auch für anderssprachige Touristen von Vorteil. Oder verschieden hohe Tresen in Hotels seien nicht nur für Rollstuhlfahrer praktisch, sondern auch kinderfreundlich.

Lena Middendorf zieht ein Fazit: „Barrierefreiheit ist eine Servicequalität und keine Rampe am Hintereingang. Sie sollte zur Selbstverständlichkeit und nicht zum Sonderthema werden.“

 


Mehr Infos unter www.ostholstein-fuer-alle.de und www.sh-barrierefrei.de

 

 

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erstellt am 04.Apr.2015 | 13:00 Uhr

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