Kreis Plön : Vom Vormund zur „Mama“

Seit seiner Ankunft im Kreis Plön vor drei Jahren hat sich Julia Dähn um Mohammad gekümmert.
Seit seiner Ankunft im Kreis Plön vor drei Jahren hat sich Julia Dähn um Mohammad gekümmert.

Das Amt für für Jugend und Sport hat junge unbegleitete Flüchtlinge über Jahre hinweg betreut. Von 66 sind noch 24 in seiner Obhut.

shz.de von
31. August 2018, 13:12 Uhr

Mohammad kommt aus Afghanistan. Er ist 2015 mit seinen Eltern aus Afghanistan geflohen. Irgendwo im Iran verlor er den Kontakt zu seinen Eltern, den er bis heute auch nicht hat. Über Griechenland und Österreich kam er im Oktober 2015 als sogenannter „Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling (UMF) über Bayern nach Plön – als einer von 45 000 seinerzeit.

Vor wenigen Tagen ist Mohammad 18 Jahre alt geworden. Mittlerweile spricht er fast fließend Deutsch und wird am Montag eine Lehre bei der Rath in Preetz als Fliesenleger beginnen. Darauf ist er besonders stolz.

Seine Geschichte ist die vieler minderjähriger Flüchtlinge, die allerdings nicht immer so gut ausgehen. Im Kreis Plön übernahm das Jugendamt die Vormundschaft über ihn. „Von damals 80 betreuen wir heute noch rund 20“, sagt der Leiter des Amtes für Jugend und Sport, Anselm Brößkamp.

Juliane Dähn vom Amt für Familie und Jugend wurde für Mohammad Ansprechpartnerin für Fragen des täglichen Lebens, für Sorgen und Freuden. Zunächst lebte er in einer Jugendhilfeeinrichtung in Preetz. „Wohnraum war knapp“, erinnert sich Anselm Brößkamp, „einmal mussten wir 25 Jugendliche an einem Tag unterbringen.“ Nach einiger Zeit zog er in eine WG in Plön um. „Am Anfang konnte ich nichts“, sagt Mohammad selbst, „kein Wort Deutsch und nur ganz wenig Englisch.“ Die ersten Gespräche liefen nur über einen Dolmetscher. „Da waren ein Mann und eine Frau, mein Dolmetscher sagte mir, die sind jetzt dein Papa und deine Mama“, schildert er mit einem Lächeln und erklärt, in seiner Sprache gebe es keinen Begriff für „Betreuer“.

Deutsch zu lernen war sein erstes Ziel. Es klappte mit einem Deutschkurs, dann in der Schule, wo er vor zwei Jahren auch seine deutsche Freundin kennen lernte. In ihrer Familie wurde er herzlich aufgenommen, sie verhalf im auch zu seiner Lehrstelle.

Mittlerweile hat er einen offiziellen Schulabschluss der Theodor-Heuss-Gemeinschaftschule in der Tasche. Nun wohnt er zusammen mit einem Kumpel zur Untermiete im Haus eines Mannes in Schellhorn, der sich in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Über die Familie seiner Freundin kam er dann auch in Kontakt mit einer Fliesenlegerfirma und machte dort ein Praktikum. „Ich war im Knast“, schildert er dieses Erlebnis. „Wir bekamen alle Ausweise und fuhren in ein Gebäude in Kiel, wo wir ein Badezimmer fliesen sollten. Als ich die Gitterstäbe bemerkte und die vielen Polizisten, sagte man mir, ich sei im Gefängnis.“

Seinen Arbeitgeber hat er mit seiner Arbeit so überzeugt, dass er nun dort eine Lehre als Fliesenleger beginnen wird.

Rechtlich gesehen hat er über das Asylbewerberverfahren eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr erhalten, die wegen der Lehre verlängert wird. Durch seine Berufsperspektive steigen seine Chancen, dass er auch weiter in Deutschland bleiben darf, zumal es ein Abschiebeverbot für ihn gibt. In seiner Freizeit spielt Mohammad Fußball beim PTSV in der A-Jugend als Stürmer, drei Mal in der Woche wird trainiert, einmal gespielt.

„Viele dieser unbegleiteten Jugendlichen haben ein großes Interesse, unsere Sprache zu lernen“, sagt Anselm Brößkamp. Immer wieder werde er mit der Bitte angesprochen: „Ich möchte mehr lernen.“ Der Wille zur Integration bei den UMF sei hoch; dass das nur über die Sprache gehe, sei vielen bewusst. Aus der Erfahrung bei der Begleitung durch sein Amt weiß der Amtsleiter, dass sich die Bleibeperspektive in der Motivation der jungen Leute widerspiegele. „Wer keine Perspektive hat, gibt sich auf, lässt sich hängen und lernt auch oft kein Deutsch mehr nach dem Motto: Was soll’s? Ich werde ja ohnehin abgeschoben.“

Die Sicherheit der Perspektive sei deshalb mehr als wichtig für die jungen Flüchtlinge. „Viele wollen arbeiten, sich ein Leben in Deutschland aufbauen“, sagt auch Juliane Dähn, die Mohammad in vielen Lebenslagen begleitete, auch bei Behördengängen. „Unsere Aufgabe besteht darin, nach Möglichkeiten zu schauen, zu begleiten, letztlich entscheiden müssen aber die Betroffenen selbst“, umschreibt sie ihre Arbeit. „Die Begleitung durch das Amt des Kreises Plön ist nicht nur ein formaler Akt, für die Kinder und Jugendlichen spielt der oft enge persönliche Kontakt eine große Rolle“, ergänzt Brößkamp.

Bei Mohammad hat dieses Zusammenspiel, eines der ersten für den Kreis und auch für Juliane Dähn in einer eigens für diesen Zweck geschaffenen Stelle, bisher geklappt. Von den heute 66 jungen Menschen in der Betreuung des Kreises Plön stehen noch 24 unter der Obhut des Amtes.

„Kinder und Jugendliche, die in unserem Land alleine eingereist sind, brauchen einen besonderen Schutz und eine intensive Begleitung in einer für sie zunächst völlig fremden Welt“, beschreibt es Landrätin Stephanie Ladwig. Die „Vormünder des Kreises“ wie Juliane Dähn hätten in den vergangenen Jahren viele junge Menschen wie Mohammad beraten, begleitet und unterstützt. Und was sagt Mohammad: „Ich will arbeiten und mir eine Zukunft aufbauen.“

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