Vom Sängerstolz und dem Gelingen

Familiäre Athmosphäre herrscht in der Maske: Tochter Lilly Steiner reicht Marlene Girolla-Krause die Haarnadeln für das Herrichten ihrer Mutter Peggy. Im Hintergrund arbeitet deren Tante Susanne Steiner.
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Familiäre Athmosphäre herrscht in der Maske: Tochter Lilly Steiner reicht Marlene Girolla-Krause die Haarnadeln für das Herrichten ihrer Mutter Peggy. Im Hintergrund arbeitet deren Tante Susanne Steiner.

In der Opernscheune auf dem Bauhofareal ist es derzeit wie in einer ganz eigenen Welt / Ein Besuch hinter den Kulissen der Festspiele

shz.de von
23. Juli 2015, 11:48 Uhr

Alle summen melodisch vor sich hin. Wie in einem Bienenschwarm wuseln Chormitglieder und Solisten, Kostümbildner und Ankleider, Maskenbildner und Choreografen in der ersten Etage der Opernscheune umeinander. Es wirkt durcheinander für Außenstehende, knapp zwei Stunden vor der Premiere des „Vogelhändlers“. Doch in Wirklichkeit funktioniert alles nach einem minutiösen Plan.

Christian Bauer, der den Adam spielt, kommt mit einem Lächeln im Gesicht
den Flur entlang. „Servus“ ist seine österreichische Antwort auf ein norddeutsches „Moin“. Fünf Minuten hat er für ein kurzes Gespräch. Über sein Alter will der Sänger zahlreicher Rollen auf großen Bühnen nicht sprechen. „Das fragt man einen Sänger nicht“, sagt er lachend. Mit dem professionellen Singen habe er bei den Wiener Chorknaben angefangen. Damals war er zehn Jahre und das sei schon etwas länger her. Er muss wieder schmunzeln. Noch bis heute interessieren ihn die Emotionen „hinter“ der besonderen Musik. „Ich mag Musik, die einen packt, einen mitreißt.“ Das sei einst auch Auslöser gewesen, dass er sich zwischen seinem Gesangs- und Jurastudium, letztlich für die Musik entschieden habe. Nach Eutin kam er, weil er Intendantin Dominique Caron beim Vorsingen der Arie aus dem „Vogelhändler“ bei einem Gastspiel in Flensburg überzeugen konnte. Das war im Mai 2014. Aktuell spielt Bauer einen Boten im Stück „Aida“ und den „Vogelhändler“ Adam. Auch im nächsten Jahr soll er wieder auf der Bühne stehen. „Dominique Caron hat mich schon gefragt, ob ich wieder möchte.“

Susanne Grosssteiner (Christel) fliegt an uns vorbei. „Wann bist du in der Maske?“, will sie wissen. „19.30 Uhr. Und du?“ Grosssteiner: „19.15 Uhr, dann sehen wir uns.“ Vorher gibt es noch eine kurze Absprache mit dem jüngsten Ensemblemitglied Theodore Browne, der auf der Bühne den Stanislaus spielt, als solcher die Christel verführen will und damit Grund allen Ärgers zwischen ihr und Adam ist. Jetzt, so kurz vor dem Auftritt, geht es um die Perfektionierung. „Die Christel liebt ihren Adam so unglaublich und dann ist es wie im wirklichen Leben. Plötzlich taucht eine Person auf, bei der Mann merkt, dass die Chemie auch irgendwie stimmt und weiß erstmal nichts damit anzufangen“, erzählt Susanne Grosssteiner. Diese Zerreißprobe und Anziehung zwischen beiden nicht nur durch Gesang sondern auch Gestik und Mimik deutlich zu machen, ist ihr Ziel. Ihre Rolle findet sie „extrem sympathisch“, es machesehr viel Spaß, sie zu spielen. Ab in die Garderobe. Noch schnell ein Knäckebrot essen, bevor es in die Maske geht.

Dort sitzt schon Peggy Steiner (Kurfürstin). Ihre Tochter Lilly reicht Maskenbildnerin Marlene Girolla-Krause die Haarnadeln. „Ein echter Familienbetrieb“, sagt Peggy Steiner und lacht. Denn ihre Familie ist in dritter Generation mit Musik und Bühne verbunden – auch hinter der Kulisse. Ihre Tante, Susanne Steiner, arbeitet seit Jahrzehnten in der Maske der Eutiner Festspiele, sich so regelmäßig wiederzusehen, bringe viel Spaß. Auch der zwölfjährigen Lilly gefällt es, ihrer Mutter bei der Verwandlung zur Kurfürstin zuzuschauen. „Ich brauche die große Maske auch, um mich hineinzufühlen und immer mehr zur Kurfürstin zu entwickeln, denn die entspricht so gar nicht meinem eigenen Naturell“, sagt Steiner. „Es ist 19.15 Uhr“, ertönt die Ansage. Christian Bauer kommt in die Maske. Ein bisschen Puder, die Augen etwas mit Kajal und Lidschatten betont. Fertig. Susanne Grosssteiner nimmt auf seinem Stuhl platz. Auch sie hat nur eine kleine Maske. „Es ist 19.30 Uhr“, ertönt die Ansage. Die Spannung steigt spürbar. „Es ist toll, hier trotz des großen Publikums so dicht mit den Menschen in Kontakt treten zu können. Das hat man auf anderen großen Bühnen nicht“, sagt sie. Sie huscht in die Garderobe.

Ankleider und Requisiteur Edgar Girolla, der Mann der Maskenbildnerin, hat dafür gesorgt, dass alle Ensemblemitglieder die Kleidung finden, wo sie sie brauchen. „Wir mussten noch ein paar kleine Änderungen und Reparaturen machen. Aber jetzt ist alles in Ordnung“, sagt er. Es ist seine fünfte Spielzeit. Er liebt die Arbeit mit den Künstlern. Auch Kostümbildnerin Judith Adam geht es so. Sie fädelt gerade die letzten Perlen für eine Halskette auf. Bei den Proben sitzt sie unweit der Intendantin – „für den Feinschliff“. „Wir können uns so direkt absprechen, ob alles zu den jeweiligen Charakteren passt und wirkt, wie wir uns das vorgestellt haben“, sagt sie.

„Es ist 19.45 Uhr“, tönt die Ansage. Viele Ensemblemitglieder sind schon in den Zelten hinter der Kulisse, jetzt eilen die Letzten dahin. Davor füllen sich die Ränge. Es liegt dieses Knistern in der Luft. „Klar sind wir aufgeregt“, sagt Susanne Grosssteiner. „Aber dieses Adrenalin puscht einen so enorm und setzt eine wahnsinnige Energie frei, die wir auch auf der Bühne brauchen.“

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