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Ostholsteiner Anzeiger

17. August 2017 | 13:46 Uhr

Vom Lehrer zum Wegbegleiter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Ehepaar bringt drei jungen Männern aus Eritrea Deutsch bei, sorgt sich um Praktika und ist Ansprechpartner für sie

„Es ist, als hätten wir nochmal Kinder“, sagt Margret Quäker-Ebel (71) während sie auf „ihre“ drei Jungs schaut. Sie heißen Ali Hassan (24), Alamin Adem (23), Welde Gabriel Welde Michael (25) und kommen aus Eritrea. Sie sind geflohen, um nicht länger im Militär in einem Diktaturstaat dienen zu müssen, sagen sie. Am 15. Mai 2014 sind sie in Eutin angekommen, leben seitdem in Ahrensbök.

Durch Zufall traf die ehemalige Lehrerin Margret Quäker-Ebel auf Ali Hassan. Sie war dem Aufruf der Migrationsbehörde gefolgt, kurz bevor der Sprachkursus an der Volkshochschule im Herbst auslief, an einem Treffen teilzunehmen. „Wir wollten uns einbringen“, erzählt ihr Mann Fokke Kramer (76).

Auch Ali Hassan war bei diesen Treffen, in dem es um die Situation der Flüchtlinge ging. „Ich drehte mich einfach um und sprach ihn an“, sagt Margret Quäker-Ebel. Das war der Beginn ihres gemeinsamen Weges. Sie nahm ihn mit zu sich nach Hause, machte Abendbrot, sie unterhielten sich. Als sie ihn nach Ahrensbök brachte, zeigte Ali Hassan ihr sein „Zuhause“ und die beiden Mitbewohner. Fokke Kramer: „Da kann man wirklich nur ein großes Lob an die Gemeinde aussprechen, wie vorsorglich sie untergebracht waren. Sie hatten die Tafel, konnten auch zur Kleiderkammer aber soweit außerhalb waren sie eben auch isoliert.“ Bei Welde Gabriel habe das sogar dazu geführt, dass er fast gar nicht mehr reden wolle, erst langsam taue er wieder auf.

Die einfachsten Dinge des täglichen Lebens wussten sie nicht – „zum Beispiel, dass man hier das Leitungswasser trinken kann“, sagt Fokke Kramer. Zusammen mit seiner Frau suchte er den Kontakt zum stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde. „Jetzt gibt es dort einen Runden Tisch. Auch die Pastorin will die Thematik im Konfirmandenunterricht mit aufnehmen und uns vielleicht sogar einladen mit den Jungs“, erzählt Fokke Kramer.

Erst in der vergangenen Woche war er mit einem seiner Schützlinge im Ostseegymnasium. Ali Hassan erzählte den Oberschülern von seiner Flucht, der Gefahr und seinen Gründen – auf Deutsch. Das kann er dank des einstigen Lehrerehepaars.

Es sind einfache, aber richtig strukturierte Sätze. „Ich möchte mehr Deutsch lernen“, wünscht sich der 24-Jährige. „Das kann er jetzt auch. Mit seinem Pass hat er ein Recht auf
einen 600-Stunden-Deutschkursus“, sagt Kramer.

Der „Pass“ ist eine Aufenthaltsgenehmigung, die Ali Hassan Donnerstagnachmittag bekommen hat. „Ich habe in dem Moment Freudentränen bei ihm gesehen und das hat mich sehr berührt“, erzählt Margret Quäker-Ebel. Mit dieser Aufenthaltsgenehmigung gilt Ali Hassan als anerkannter Flüchtling und hat drei Jahre Bleiberecht, danach werde erneut geprüft, heißt es vom Kreis. Jetzt kann Ali Hassan sich um Arbeit bewerben und Praktika machen, ohne immer wieder die Ausländerbehörde um ihre Genehmigung zu fragen. Und er war schon fleißig: Ein Praktikum in einem Autohaus in Ahrensbök hat er bereits absolviert, ein weiteres in einem Eutiner Autohaus steht bevor, denn er würde so gern Mechaniker werden.

Fokke Kramer: „Er hat mir erzählt, dass er früher Zuhause nach der Schule immer an Lkw geschraubt und gearbeitet habe.“ Aus der Gemeindeunterkunft muss Ali Hassan nun wohl heraus, da er kein Asylsuchender, sondern anerkannter Flüchtling ist. Mit diesem Status hat er auch ein Recht auf die Leistungen und Unterstützungen vom Jobcenter. Auch seine „neuen“ Eltern werden ihn weiter unterstützen – ebenso wie seine beiden Mitbewohner, von denen einer gern etwas im Gartenbereich machen würde.

Drei bis vier Mal in der Woche besucht das Ehepaar die Jungs zum Deutsch lernen. Fokke Kramer: „Jeder, der einmal Kinder aufgezogen hat, weiß, wie oft man Dinge immer wieder sagen und erklären muss, bis sie die Sprache richtig lernen.“

Es könne jeder, nichts dabei sei schwierig, es müsse einfach nur getan werden, sagen die beiden Engagierten. Margret Quäker-Ebel: „Jeder spricht immer von der Willkommenskultur bei uns im Land. Dabei brauchen die Menschen, die hier ankommen auch Wegbegleiter.“

Das Ziel des Lehrerehepaars ist klar: Die „Jungs“ sollen Deutsch lernen und eine Beschäftigung finden, die ihnen Spaß macht. Vorurteile und Ängste wollen sie abbauen, in dem sie sie immer wieder ermutigen, sich zu trauen, zu sprechen und Kontakte zu knüpfen. Nächste Woche gehen sie mit ihren Jungs zum Arzt, lassen sie unter anderem auf TBC und HIV testen. Damit sie einen Nachweis haben – bei Arztterminen und Vorurteilen.

 


Wer beispielsweise ein Praktikum zu vergeben hat oder eine Wohnung, kann sich unter emd@shz.de melden. Die Mails werden an die Familie weitergeleitet.

 

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erstellt am 13.Feb.2015 | 09:11 Uhr

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