„Volkszählung“ an der Belt-Trasse

Manfred Haacks untersucht in der Nähe der Fehmarnsundbrücke die Vegetation. Neben Strandhafer hat der Biologe den seltenen Kleinen Feldsalat entdeckt.
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Manfred Haacks untersucht in der Nähe der Fehmarnsundbrücke die Vegetation. Neben Strandhafer hat der Biologe den seltenen Kleinen Feldsalat entdeckt.

30 Wissenschaftler untersuchen im Auftrag der Bahn Flora und Fauna für die Schienenanbindung der festen Fehmarnbelt-Querung

shz.de von
19. Mai 2015, 14:00 Uhr

Brutvögel sind sehr undankbar. Zumindest wenn sie gezählt werden sollen. Bereits 4.30 Uhr stapft Manfred Haacks durch die Uferzone an der Fehmarnsundbrücke, beginnt mit den Beobachtungen. Viel Zeit bleibt dem Wissenschaftler nicht: Bereits zwischen 8 und 9 Uhr sind viele Brutvögel nicht mehr so aktiv. Sie dann ausfindig zu machen, ist sehr schwierig, so Haacks.

Mehr als 30 Biologen ermitteln seit Jahresbeginn entlang der Bahnstrecke zwischen Lübeck und Fehmarn, welche Tier- und Pflanzenarten in einem bis zu zwei Kilometer breiten Korridor rechts und links der Strecke vorkommen. „Je nach Witterung und Tageszeit zählen und kartieren wir jetzt brütende Vogelarten, Amphibien, Libellen und Schmetterlinge“, sagt Haacks vom Hamburger Umweltbüro Leguan. Und scherzt: „Das ist wie eine Volkszählung in der Natur.“

Vielfach macht das Wetter den Wissenschaftlern aber einen Strich durch die Rechnung. An der Fehmarnsundbrücke herrschte gestern beispielsweise eine steife Brise. Libellen zu zählen, ist bei diesen größeren Windstärken aussichtslos. Die fliegen dann nicht herum – heute nicht, dann eben morgen? Mit viel Glück ja, sagt Haacks. Doch die Zeit drängt: Ein Jahr lang wird beobachtet und gezählt, kartografiert und untersucht. Nicht zu jeder Jahres- oder Tageszeit könne alles gleichzeitig beobachtet werden, sagt der Projektleiter. Damit die Umwelt-Experten schnell reagieren können, haben sie in Neustadt – zentral gelegen – eine Ferienwohnung gemietet. Von hier aus starten sie zu ihren Touren, die auch auf Privatgrundstücke führt. „Manchmal werden wir nicht gerade mit offenen Armen empfangen“, sagt Haacks. Zu groß sei mancherorts der Unmut über das Belt-Projekt.

Die Beobachtungen fördern aber auch Ungeahntes zu Tage: „Schwäne finden die Brücke doof“, sagt Haacks und blickt hinauf in den Himmel über der Fehmarnsundbrücke. Während Eiderenten und Co. scheinbar entspannt unter dem Bauwerk hindurch fliegen, machen Schwäne vielfach einen Bogen um die Brücke. Aus Sicht der Biologen sei ein Tunnel also nicht nur wegen der Schwäne zu begrüßen. „Von der Umweltverträglichkeit her ist der Tunnel die beste Lösung“, sagt Haacks – um gleich zu ergänzen, dass das wahrscheinlich aufgrund der zu hohen Kosten nicht machbar sei.

Haacks und sein Team wird von der Bahn bezahlt – nicht aber beeinflusst. Darauf legt der Biologe wert. „Wir sind objektive Gutachter“, sagt Haacks. Die Untersuchungsräume seien zudem im so genannten Scopingsverfahren zuvor festgelegt worden. Haacks kennt die Gegend rund um Fehmarn bereits aus weiteren Untersuchungen; seit 2008 forscht der Biologe hier, seit 2011 intensiv in Sachen Bahn-Trassen. Die Umweltuntersuchungen sind „ein nicht unerheblicher Posten“, sagt Bahn-Sprecherin Maja Weihgold. Die Kosten für die „Volkszählung“ entlang der Belt-Trasse gehen in die Millionen, schätzt Weihgold.

Im Dezember ist die Arbeit der Biologen jedoch noch nicht beendet. „Dann folgt die Auswertung“, sagt Haacks. Mehr als 28 Quadratkilometer Natur entlang bestehender, geplanter oder rückzubauender Trassen haben sie dann unter die Lupe genommen – inklusive 1500 Gewässern. 2016 soll das Umwelt-Gutachten fertig sein. Ob und in welchem Maße ihre Stellungnahme gehört wird, wisse Haacks nicht. Zeitgleich kümmern sich nämlich andere Experten wiederum für Gutachten um Faktoren wie Lärm, Kulturgüter und den Menschen. Alle Ergebnisse zusammen ergeben letztlich ein Gesamtbild, aus dem heraus sich Entscheidungen für das Planfeststellungsverfahren ergeben.

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