Ein Kleiber an der Futtersäule im Sommer

Plädoyer : Vögel das ganze Jahr füttern

Ein Kleiber an der Futtersäule im Sommer

Es wird Zeit, mit einem Mythos aufzuräumen: Die Lebenbedingungen für die Vogelwelt haben sich dramatisch verschlechtert.

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07. Juli 2019, 21:10 Uhr

Eutin | „Ganzjährige Fütterung der Vogelwelt“ hieß kürzlich ein Thema, das über den Tag gestreckt im Radiosender NDR 1/Welle Nord behandelt wurde. Der Tenor der Interviewpartner war bejahend. Es äußerte sich auch der Vertreter einer Naturschutzorganisation zustimmend, die bisher offiziell eine Ganzjahresfütterung anlehnte. Diese Vereinigung riet bis 1978 und erneut 1986 sogar von einer Fütterung der Vögel zu Winterszeiten ab, sofern kein Schnee liege.

Mit Genugtuung und Dankbarkeit nehmen wir den Erkenntniswechsel der größten Naturschutzorganisation Schleswig-Holsteins zur Kenntnis. In Vorbereitung zu der Veröffentlichung eines Zeitungsbeitrages lag nachstehender Beitrag des bisherigen Vorsitzenden der Vogelschutzgruppe Eutin-Bad Malente, Holger Jürgensen, in seinen Akten.

Holger Jürgensen: Die Abstimmung über den landesweiten Mensch des Jahres läuft.
Achim Krauskopf
Holger Jürgensen: Der Fachmann plädiert für eine ganzjährige Fütterung von frei lebenden Vögeln.
 

Normalerweise bringt die Presse zu Beginn der Winterzeit Beiträge zur Fütterung der Vögel. Der Arbeitsgruppe „Vogelschutz Eutin“ liegt sehr viel daran, zum Thema einer ganzjährigen Vogelfütterung, also auch im Sommer, Argumente vorzutragen und das bisher dogmatische Bild einer auf die kalte Jahreszeit beschränkten Hilfe der Avifauna zu korrigieren.

Leider wurde in der Vergangenheit durch einige Naturschutzverbände der Mythos von grundsätzlich nutzlosem und ökologisch unsinnigen Vogelfüttern gepredigt. Die wissenschaftlichen Fakten sprechen sagen etwas anderes.

Die Vogelschützer-Nation Nummer eins, England, hat schon vor 40 Jahren damit begonnen, ganzjährig zu füttern, also nicht nur im Winter. Nach diesen Erfahrungen brüten zusätzlich gefütterte Individuen früher, legen mehr Eier, und ihre fitteren Jungen haben eine bessere Überlebenschance. Der Erfolg einer ganzjährigen Fütterung ist deutlich im Garten mit mehreren Nistkästen festzustellen: Ohne Fütterung sind immer nur wenige Nisthilfen besetzt, mit Fütterung fast alle.

Deutschlands bekanntester Ornithologe, Prof. Peter Berthold, Direktor i. R. des Max-Planck-Instituts für Ornithologie und der Vogelwarte Radolfzell, bringt zu diesem Thema ein schlüssiges Beispiel: Wenn man nur bei Frost füttert, ist das so, als wenn ein Wirt erst fünf Minuten vor zwölf sein Mittagstischschild am Gasthaus anbringt.

Meisenknödel  sind nicht nur für Kohlmeisen ein wichtiges Futter, sondern liefern vielen Arten wertvolle Energie, die sie auch im Sommer zum Überleben brauchen.
dpa
Meisenknödel sind nicht nur für Kohlmeisen ein wichtiges Futter, sondern liefern vielen Arten wertvolle Energie, die sie auch im Sommer zum Überleben brauchen.
 

Dazu muss man wissen, dass Vögel bei morgendlichen Temperaturen von minus zehn Grad gerade eine Stunde Zeit haben, um etwas Fressbares zu finden und ihren Energiehaushalt anzuheizen. Wer ganzjährig füttert, der wird staunen, wie viele Vögel zum Futterhaus kommen.

Berthold geht – rein nach einer statistischen Hochrechnung – von 30 bis 70 Arten täglich aus, natürlich nicht an einem Futtertisch, sondern bundesweit gesehen. In Bayern kam sogar ein Auerhahn ans Futterhaus.

Ein vermeintlich ökologisches Argument gegen das Füttern lautet, dass man doch nur „Allerweltsarten“ fördere, was übrigens ein herablassender Ausdruck für Sperling, Amsel und Co ist. Gerade das kann passieren, wenn man den Richtlinien zur Winterfütterung mancher Naturschutzverbände folgt und nur bei Schneelage Versorgung sicherstellt.

Seltenheiten muss man lange anfüttern

Natürlich kommen stärker vertretene Arten häufiger zur Fütterung; sie sind ja auch reichlicher in der Natur vorhanden, logischer weise kommen sie auch zahlreicher zur Futterstation. Seltenheiten muss man lange anfüttern; sie schauen den anderen Vögeln auf Abstand zu und überwinden nur langsam ihre Scheu, sagt Prof. Berthold.

Vögel leben mit einer Körpertemperatur von 43 bis 44 Grad. Keime am Futterhaus haben daher fast keine Möglichkeit, sich zu etablieren. Es gibt eine wissenschaftliche Arbeit über die Infektionsgefahr an Futterstellen. Dabei kam heraus, dass selbst an Vogelhäuschen, die zwölf Monate nicht gesäubert wurden, die Vögel gesund blieben.

Eigentlich ist das nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welche Bedingungen die Vögel vor unserer Zeit in den Dörfern vorfanden – nämlich Schlammstraßen voller Fäkalien, wie es heute noch notgehorchend auf manchen viehhaltenden Betrieben vorkommt. Interessant ist eine nachstehende Rechnung des Ornithologen Dr. Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell: In der Mitte des letzten Jahrhunderts produzierten die Unkräuter (pardon: Wildkräuter) vor der Erfindung der Herbizide in der deutschen Agrarlandschaft über eine Million Tonnen Samen. Die Ältesten unter uns Lesern werden sich noch an hohe Besätze der Kulturarten mit Ackersenf, Hederich, Distel, Vogelmiere, Melde und Ungräsern erinnern.

Das Grünland wurde damals erst Anfang Juli gemäht, weil aus dem Gras Heu und noch nicht Silage gewonnen wurde. So war es möglich, dass frühreife Grasarten bereits Samen trugen.

Ganzjährige Fütterung ist nur ein schwacher Ausgleich

Die ganzjährige Vogelfütterung ist aber nur ein schwacher Ausgleich dessen, was wir den Vögeln durch die Perfektion unserer Landbewirtschaftung weggenommen haben; wir sollten daher auch eine moralische Verpflichtung zum Füttern empfinden. Deshalb sind Meisenknödel auch im Sommer wichtig. Ideal ist die Kombination aus Körnerstreufutter und Fett. Vögel verbrennen Fett in ihren Flugmuskeln, während wir Menschen Kohlenhydrate für unsere Bewegungsabläufe bauchen. Vögel fliegen während der Jungenaufzucht deutlich mehr, wenn sie die für ihre Nachzucht notwendigen Insekten fangen.

Natürlich ist es vorteilhaft, den Garten vogelfreundlich mit entsprechenden fruchttragenden Bäumen und Büschen zu bepflanzen, aber Beeren und Obst reichen nicht aus. Die Gefiederten würden verhungern, denn sie benötigen Samen.

Berthold rechnet erneut vor: Selbst ein 500 Quadratmeter großer Wildkräutergarten erzeugt nur fünf Kilogramm Sämereien im Jahr. Das reiche gerade mal für drei Grünlingspaare. Für die Ernährung aller Gartenvögel bringe das Vogelhaus mehr.

Zur Jungenaufzucht brauchen Vögel Insekten

Zur Jungenaufzucht brauchen unsere Vögel Insekten, und diese ganz entscheidende Anforderung zum Erhalt der Populationen hat man mit einem Angebot eiweißreichen Spezialfutters untersucht. Aber es funktionierte nicht. Der allgemeine Rückgang an Insekten ist ein riesiges, eventuell überhaupt das entscheidende Problem für manche Vogelarten.

Wer noch vor 50 Jahren mit dem Auto unterwegs war, musste häufig die Scheiben säubern, weil sich eine Schmierschicht aus toten Insekten gebildet hatte. Es gibt heute nur noch ein Viertel der damaligen Menge an Insekten, die zum Beispiel in die wissenschaftlich genutzten Lichtfallen geraten.

Vogeleltern müssen also heute fleißiger sein, und es hilft ihnen durch die Ganzjahresfütterung wenigstens genug „Treibstoff“ tanken zu können. Übrigens: Mit 50 Gramm Fett kann ein Sumpfrohrsänger von Deutschland nach Südafrika fliegen!

Unhaltbare Argumente gehören in die Mottenkiste. Holger Jürgensen
 

Es ist nun an der Zeit, dass die unwissenschaftliche und unökologische Beratung hinsichtlich der Fütterung unserer Gefiederten durch die Naturschutzverbände in der von uns Menschen geschaffenen Kulturlandschaft eingestellt wird. Nicht nur Besucher der Futterhäuser leben vom Menschen, viele Vogelarten besuchen Mülldeponien, leben vom Beifang der Fischerboote, von Verlusten bei der Verladung von Getreide, von Getier hinter dem Pflug, auf dem Acker nach der Ausbringung von Gülle, von Dreschrückständen oder nutzen unsere Nistkastenaktionen.

Es hat noch niemand sein Gesicht verloren, wenn er seinen bisherigen Standpunkt auf Grund neuerer Untersuchungen aufgeben muss. Aber unhaltbare Argumente gehören in die Mottenkiste und sollen den immer wieder verunsicherten Vogelfreund nicht mehr belasten.

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