Visionen gegen Wohnraumnot

Viele Stühle blieben leer. Die Frauenrunde hatte mit deutlich mehr Interesse für den Wahl-Talk gerechnet.
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Viele Stühle blieben leer. Die Frauenrunde hatte mit deutlich mehr Interesse für den Wahl-Talk gerechnet.

Kommunalwahl-Kandidaten am Montagabend im konstruktiven Austausch beim Wahl-Talk der Eutiner Frauenrunde

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27. März 2018, 13:55 Uhr

Schon in der nächsten Woche will Malte Tech (FWE) einen Antrag formulieren, mit dem die Gründung einer Wohnungsbaugesellschaft unter städtischer Regie auf den Weg gebracht werden soll. So soll schnell ein dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Eutiner Jugendliche wünschen sich ein Jugend-Café in Selbstverwaltung.

Zwei Erkenntnisse des „Wahl-Talks“, zu dem die Eutiner Frauenrunde die örtlichen Kandidaten von CDU, SPD, FDP, Grünen und der Freien Wähler ins „L’Etoile“ geladen hatte. Unter der souveränen unstraffen Moderation von Gabriele Appel aus der Frauenrunde und der Eutiner Gleichstellungsbeauftragten Gudrun Dietrich wurden die Themen Wohnraum für alle, Integration und Rahmenbedingungen für Jugendliche in mehr als zwei Stunden im konstruktiven Austausch zwischen Kommunalpolitikern und dem Publikum beleuchtet.

Enttäuscht zeigte sich die Gleichstellungsbeauftragte von der geringen Resonanz. Viele Stühle blieben unbesetzt. Rund 30 Personen waren gekommen. „Wir hatten uns mehr Interesse erhofft. Tja, Chance verpasst, sich zu informieren. In anderen Ländern riskieren die Menschen ihre Gesundheit oder gar ihr Leben, um zur Wahl zu gehen. Hier bleiben die Leute wohl lieber vor dem Fernseher“, bangte Gudrun Dietrich um die Wahlbeteiligung bei der Kommunalwahl im Mai.

Ihr Fazit des Abends war jedoch positiv: „Es war mehr als das Anreißen von Themen. Wir müssen mehr miteinander sprechen. Das ist deutlich geworden.“

Nach einer Vorstellungsrunde der Kandidaten Malte Tech (FWE), Hans-Georg Westphal (SPD), Jens-Uwe Dankert (FDP), Christiane Balzer (Grüne) und Matthias Rachfahl (CDU) machten die städtische Flüchtlingskoordinatorin Sophia Schutte und Daniel Hettwich vom Kirchenkreis Ostholstein auf die katastrophale Situation des Wohnungsmarktes aufmerksam. Jeden Tag habe er mit verzweifelten Menschen zu tun, erklärte Hettwich: „Ich suche Wohnraum für 2500 Menschen im Kirchenkreis. 200 Vermieter wurden kontaktiert, fünf waren bereit, über Vermietung zu sprechen. Wohnraum wird benötigt für Geflüchtete, Alleinerziehende, Geringverdiener. Und dann muss ich mir von einer Wohnungsbaugesellschaft, die eine hundertprozentige Tochter des Kreises ist, sagen lassen, ,Nein, für Dein Klientel nicht...‘ Das ist sozialer Brennstoff. Und zwar schon seit Jahren.“

Malte Tech (FWE) plädierte für die Gründung einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft: „Wir haben das ja auch mit den Stadtwerken gemacht. Wir müssen uns nur einig sein.“ Hans-Georg Westphal (SPD) will diesen Vorschlag verfolgen. „Wir haben bezahlbaren Wohnraum für kleinere Wohneinheiten in Eutin aus dem Fokus verloren, allerdings viel getan für Ein- und Zweifamilienhäuser und altersgerechtes Wohnen.“ Es müsse versucht werden, künftig mehr Bauland für Wohnblocks auszuweisen.

Jens-Uwe Dankert (FDP) schwebte als Vision ein neuer Stadtteil im Bereich der Sana-Klinik vor, sollte diese tatsächlich abrissreif sein. Er will als Stadtpolitiker das Gespräch mit Wohnungsbaugesellschaften suchen. Christiane Balzer (Grüne) riet zu einer Bestandsaufnahme: „Was brauchen wir wirklich in Eutin, was planen die Wohnungsbaugesellschaften?“ So sollte auch geklärt werden, ob leerstehende Ladenflächen nicht in Wohnraum umfunktioniert werden könnten. Balzer erklärte: „Die Entwicklung von Innenstädten wird auch durch Wohnraum im Zentrum befördert.“

Matthias Rachfahl (CDU) sprach sich ebenfalls für eine Analyse und für eine mögliche Nachverdichtung aus: „Wir müssen mit den Wohnungsbaugesellschaften ins Gespräch kommen. Unser Pfund ist, dass die vor Ort sind.“ Gudrun Dietrich zitierte Beispiele aus anderen Kommunen wie Bad Schwartau oder Lübeck, wo Baugesellschaften mit kommunaler Beteiligung gezielt bezahlbaren Wohnraum schaffen wollen.

In Sachen Integration wurden die vielfältigen Problemfelder wie fehlende Mobilität, die komplizierten Vorgaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, konkurrierende Anbieter von Integrationskursen und Wohnraumnot beackert. Sophia Schutte appellierte, alle Randgruppen aktiv zu integrieren. Es gehe nicht nur um Geflüchtete. Veränderungsbereitschaft werde von allen gefordert.

Alfred Welack riet den Kommunalpolitikern zum Perspektivwechsel, aus der Vogel- in die Froschperspektive. Nicht nur von oben draufzuschauen, sondern direkt mit Betroffenen zu sprechen.

Großes Lob quer durch die Parteien und Unterstützung erfuhr Franziska Weiß vom Kinder- und Jugendparlamant für ihre engagierten Ausführungen. Sie sprach sich unter anderem für die Schaffung eines Jugend-Cafés unter Regie der Jugendlichen aus. Moderatorin Gabriele Appel machte abschließend den Vorschlag, möglicherweise in einer Art befristetem Versuch leerstehende Ladenräume als Jugend-Café einzurichten.

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