Vikings tanken Kraft fürs Footballspiel

American Football verlangt auch Kraft von den Spielern. Im Hintergrund überzeugt sich Trainer Torben Wisser davon, dass die Athleten, hier Eduards Sules, die Liegestütze sauber ausführen.
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American Football verlangt auch Kraft von den Spielern. Im Hintergrund überzeugt sich Trainer Torben Wisser davon, dass die Athleten, hier Eduards Sules, die Liegestütze sauber ausführen.

Beim TSV Neustadt baut Trainer Torben Wisser ein Team auf, das vielleicht schon 2016 am Punktspielbetrieb im American Football teilnehmen soll

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28. Juni 2015, 16:30 Uhr

Eine klare und vor allem laute Stimme zieht die Aufmerksamkeit der Spaziergänger auf sich, die in Neustadt am Küstengymnasium bummeln wollen. „Are you ready?“, fragt Co-Trainer Sören Heckel. Und die Antwort schallt ihm mit voller Dezibelzahl entgegen: „Yeah!“ Die „New Vikings“ absolvieren eine Übungseinheit, sie feilen an ihrer Fitness. „Für einen Punktspielstart ist es noch zu früh“, schätzt Trainer Torben Wisser die Lage ein. Sein Spielerkader wächst und wächst, von anfangs vier auf aktuell über 30. „Mein Traum ist es, mit einem Aufgebot von 60 Spielern in die Saison zu starten“, sagt der Coach.

Während sich am Spielfeldrand Beobachter, Freunde und auch der Vorsitzende des TSV Neustadt entspannt das Geschehen auf dem Fußballplatz anschauen, geht es dort betont diszipliniert zu. „Zum Aufwärmen fünf Runden um den Sportplatz!“, gibt Wisser vor und die Spieler, die alle das schwarze Shirt der New Vikings tragen, drehen im strammen Tempo ihre Kreise.

Die erste Übungseinheit übernimmt Sören Heckel. Mit seiner Eingangsfrage bekommt er Aufmerksamkeit, nicht nur die Stimmbänder der Sportler kommen in Bewegung, die körperliche Anspannung ist greifbar. Football ist zwar weitgehend ein Männersport, aber bei den Neustädtern haben sich auch zwei junge Frauen unter die Athleten gemischt. Die 17-jährige Sabine Kulinski hat sieben Jahre mit ihren Eltern in den USA gelebt – und in Texas ihre Liebe zum amerikanischen Nationalsport entdeckt. „Football ist etwas ganz anderes als Fuß- oder Basketball“, sagt Sabine Kulinski. Ein Lieblingsteam hat sie nicht. „Ich orientiere mich an Spielzügen, an der Art, wie ein Team sein Spiel anlegt“, sagt sie.

Auf dem Rasen treiben die Männer jedes Alters ihren Puls nach oben. Schnelle Trippelschritte auf der Stelle, dann auf die Armbewegung des Coaches hin die Drehung, nach rechts, in die Mitte, nach links, in die Mitte, wieder nach links... Es folgen Liegestütz, gleichmäßig und vor allem im gemeinsamen Takt. Torben Wisser hat jeden genau im Blick, er legt großen Wert darauf, dass die Übungen sauber ausgeführt werden. Allein sein Gang durch die Reihen ist offenbar Ansporn. Wenn der Trainer hinguckt, lässt sich keiner hängen. „Die Spieler müssen auch noch einiges für den Muskelaufbau tun“, sagt Anja Wisser, die die gute Seele des Teams ist, sich um Vieles kümmert. Mit Sprints beenden die Männer das Aufbautraining.

Football ist ein strategisches Spiel, elf Angreifer stehen in der Offense-Line elf Abwehrspielern, der gegnerischen Defense gegenüber. Beide Teams bauen sich Helm gegen Helm auf, der Center wirft den Ball, der einem Ei gleicht, nach dem Kommando „Hut!“ durch die eigenen Beine nach hinten. Dort wartet der Quarterback, der Spielmacher, die Takt- und Ideengeber der Mannschaft. Wenn er den Ball in Händen hat, geht der Angriff in atemberaubender Geschwindigkeit los. Angreifer und Verteidiger versuchen sich gegenseitig zu irritieren, dem Angreifer, der den entscheidenden Pass fangen soll, den Weg frei zu machen. Der Quarterback entscheidet ganz anders: Er dreht sich kurz nach links, dann nach rechts, ein heftiger Antritt, ein Slalom von der linken auf die rechte Angriffsseite, der Weg ist frei, die Lücke für die Defense zu groß, der Spielmacher läuft über die letzte Linie, Touchdown. Jubel auf der einen, Frust auf der anderen Seite.

„Eigentlich wollten wir ein Freundschaftsspiel gegen ein Team aus Heide vereinbaren, das sich ebenfalls noch im Aufbau befindet“, sagt Torben Wisser. Doch im Football sind auch Freundschaftsspiele eine teure Angelegenheit. Rund 500 Euro betragen die Kosten, schätzt Wisser. Und einfach ein Testspiel ohne Unparteiische? Das lässt der Verband nicht zu. Selbst im Training ist nur ein „Scrimmage“ statthaft, ein Spielauszug, bei dem weder Raumgewinn noch Spielstand angezeigt oder notiert werden dürfen.

Wenn sie in den Punktspielbetrieb einsteigen wollen, müssen sich die Vikings in der so genannten Nordliga eingruppieren. „Das ist Kreisklasse, Kreisliga, Bezirksliga, Landesliga und Verbandsliga in Einem“, sagt Torben Wisser. Nur die Entfernungen sind viel größer als in Hand- oder Fußball. „Die Liga reicht bis weit nach Niedersachsen hinein. Wenn wir dort mitspielen wollen, müssen wir bis Hannover fahren“, sagt Torben Wisser.

Seit dem 1. Januar gehören die New Vikings zum TSV Neustadt. „Wir sind sehr gut aufgenommen worden, der Verein interessiert sich für uns“, stellt Anja Wisser fest und freut sich, dass der TSV-Vorsitzende Uwe Veldkamp das Geschehen auf dem Rasen interessiert verfolgt. Das Team bietet den Aktiven drei Termine an, am Sonnabend trainieren die Footballer drei Stunden auf dem Sportplatz des Küstengymnasiums, am Dienstag für zwei Stunden und am Donnerstag gibt es zwei Stunden theoretischen Unterricht: Das Regelwerk des Football ist komplex, vieles ist auf den ersten Blick schwer zu verstehen.

Die New Vikings kommen aus dem gesamten Kreis Ostholstein und angrenzenden Regionen. „Wir haben nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda geworben“, sagt Anja Wisser. Und bei jedem Training gibt es neue Spieler. Das Interesse ist groß. „Zu uns kann jeder kommen, egal ob groß oder klein, Hauptsache, er oder sie steht auf American Football“, wirbt Anja Wisser.

Ihr Ehemann hat mit seinem Team einen Angriffszug ausgeklügelt. „Wer seid Ihr?“ „New Vikings!“, schallt es zurück. Und was ist euer Auftrag?“ Es ertönt ein kräftiger Laut, „Ahu, ahu, ahu...!“ der dem Gegner in die Glieder fährt. Kein Zweifel: Stimmlich sind die New Vikings schon absolut nordligareif.

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