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Ostholsteiner Anzeiger

23. August 2017 | 04:59 Uhr

Vier Wände und ein Dach aus Wellblech

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

In meiner Projektstadt Nueva Guinea angekommen lebte ich die ersten drei Wochen in einer Gastfamilie und zog danach mit zwei weiteren Freiwilligen in eine Wohngemeinschaft. Wie unterscheidet sich das Leben der Menschen hier von unserem in Deutschland?

Besucht man eine Familie in Nicaragua, sind schon große Unterschiede im Lebensstandard zu erkennen. Die meisten Häuser in Nicaragua sind einstöckig und sehr einfach gehalten: Vier Wände und ein Dach aus Wellblech, aufgebaut meistens innerhalb eines einzigen Tages. Innen werden die einzelnen Zimmer auch durch Wände getrennt, diese sind allerdings selten bis zur Decke gezogen, sodass es wirklich sehr hellhörig ist. In vielen Familien schlafen auch mehrere Personen in einem Bett, aus Platz- oder Geldnot. Privatsphäre ist hier fast gar nicht vorhanden, auch gegenüber den Nachbarn, deren Fernseher oder Gerede man fast immer hören kann.

Gegessen werden meist Reis und Bohnen, sollte es genug Geld geben, dazu Käse oder eine Kochbanane. Zu besonderen Anlässen wird ein Huhn aus dem eigenen Garten geschlachtet.

Das Lieblingsgetränk der Nicas ist Kaffee. Obwohl dieser hier angebaut und für Europa und Nordamerika geerntet wird, findet man in den Haushalten fast nur einfaches Instant-Kaffeepulver, welches man mit heißen Wasser einfach aufkocht. Getrunken wird er mit viel Zucker. Und damit meine ich wirklich viel Zucker. Weniger als zwei Esslöffel pro Tasse sieht man selten.

Gewaschen wird hier meistens per Hand, eine Waschmaschine ist ein totales Luxusprodukt. Zum Waschen steht in jedem Haus eine „Lavadora“, die aus einem kleinem Becken und einem Waschbrett besteht. Hier wäscht man entweder Geschirr oder durch rhythmische Bewegungen auch Kleidung.

Da nicht immer Wasser aus dem Hahn zur Verfügung steht, gibt es in jedem Haushalt große Wassertonnen, die für wasserknappe Zeiten aufgefüllt werden. Zum Duschen muss man sich meistens mit einer Schale das kühle Nass über den Kopf schütten und es ist erstaunlich, wie wenig Wasser gebraucht wird, um sich zu waschen. Hier wäre ein Ansatzpunkt, wie man auch in Deutschland Wasser sparen könnte.

Weiter sind wir in unserem Haus stolze Besitzer einer Latrine, die wir uns mit einer Gruppe Kakerlaken teilen.

Dieser Umstand wird aber durch den kleinen Garten aufgewertet, in dem Limonen-, Mango-, Avocadobäume und eine Kokospalme stehen. Solche kleine Gärten sind typisch, auch ist oft nicht direkt zwischen Haus und dazugehörigem Garten eine Grenze zu ziehen, da Lavadora oder Kochfeuer, das es in den armen Familien statt Gasherd gibt, und die Latrinen meistens draußen stehen.

Der Alltag der Familien hier beginnt gegen 5 Uhr. Morgens wird gewaschen, den Tag über gearbeitet, abends gekocht und mit der Familie fern gesehen. Am Wochenende wird dann ein bis vier Mal in die Kirche gegangen, von denen es hier scheinbar in jeder Straße eine gibt. Den Gesang aus den Gottesdiensten kann man überall auf der Straße hören.

Ab und zu müssen die Kinder die Schule abbrechen, um der Familie zu helfen und nach einer Ausbildung Geld zu verdienen. Mit Hoffnung auf bessere Jobchancen wandern viele in das Nachbarland Costa Rica aus. Die großen Träume sind entweder in der Hauptstadt Nicaraguas Medizin zu studieren oder nach Nordamerika oder Europa auszuwandern.

Die Familie ist in Nicaragua das Wichtigste. Innige Freundschaften wie in Deutschland gibt es eher selten, dafür hat man die Familie. Viele Kinder ziehen nicht aus, leben mit ihren Partnern auch im Haus ihrer Eltern und wenn sie ausziehen, gibt es mehr als einmal in der Woche gegenseitige Besuche. Ohne die Familie wäre man im Alter oder in schlimmen Zeiten aufgeschmissen, es gibt keine Sozialversicherungen. Und so prägt die Familie das Leben in Nicaragua ganz gewaltig.

Zur Vorbereitung auf Weihnachten wurde hier jeder Park in jeder Stadt weihnachtlich geschmückt, mit Krippen, Palmen mit Lichterketten. Und es gibt Weihnachtsmänner, mit denen man sich zusammen fotografieren lassen kann. Die Globalisierung kennt keine Grenzen.

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von
erstellt am 29.Dez.2015 | 00:34 Uhr

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