Frauenbadestunde in Bad Schwartau : Viele Religionen planschen in einem Becken

Miriam Senf (Mitte) und ihre Schwimmschülerinnen Icir und Durak. Die anderen Frauen wollten nicht erkannt werden.
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Miriam Senf (Mitte) und ihre Schwimmschülerinnen Icir und Durak. Die anderen Frauen wollten nicht erkannt werden.

Eine Frau hat die Aufsicht bei der Frauenbadestunde in Bad Schwartau. Deshalb kommen immer häufiger Muslimas zum Schwimmen lernen. Andere Schwimmer mussten sich daran erst gewöhnen.

shz.de von
06. Mai 2015, 18:29 Uhr

Bad Schwartau | Immer mehr Muslima kommen zur Frauenbadestunde nach Bad Schwartau. Denn hier sind die Kriterien des Korans erfüllt: Eine Frau hat die Aufsicht, kein Mann wie bei anderen Bädern im Kreis. Deutsche Seniorinnen, die bisher Hauptpublikum bei der Frauenbadestunde in Bad Schwartau waren, mussten sich erst an die neuen Gäste gewöhnen. Doch nicht nur Muslima müssen schwimmen lernen.

Vorsichtig lugt eine Frau aus der Umkleide auf die Wasseroberfläche. Nur kleine Wellen wabern hin und her. Keine Männer zu sehen. Ihr Kopf verschwindet wieder. Für einen Bruchteil von Sekunden fällt die Tür zur Umkleide ins Schloss. Beim nächsten Öffnen kommen mehr als zehn Frauen auf einmal in die Schwimmhalle. Es ist Mittwoch, 9 Uhr – Frauenbadestunde in Bad Schwartau.

„Das ist ein Bild, was sich immer häufiger bietet. Die älteren Frauen, die ohne Kursus kommen, werden weniger“, sagt Schwimmmeisterin Claudia Gangelmeyer. Früher sei die Badestunde für Frauen ausschließlich von Seniorinnen genutzt worden. Doch seitdem bekannt wurde, dass bei der Frauenbadestunde in Bad Schwartau auch eine Frau die Aufsicht hat, kommen immer mehr Frauen muslimischen Glaubens.

Einige Muslima tragen T-Shirts und Leggins unter ihrer Badekleidung. Andere nur Schwimmanzüge oder Bikinis und die Seniorinnen steigen mit ihrer bunten „Badenudel“ ins Becken. Sie kommen, um sich bei Aquagymnastik fit zu halten. Die Grüppchen sind klar erkennbar. Senioren auf der langen Bahn rechts. Frauen mit Migrationshintergrund haben im vorderen flachen Wasser die „Schwimmgewöhnung“ bei Miriam Senf von der Vorwerker Diakonie. Dazwischen zieht eine Sportschwimmerin ihre Bahnen, zwei betagtere Damen haben sich in einer hinteren Ecke abgesetzt.

„Am Anfang hatte ich Angst. Richtig Angst“, erzählt Radhia (53) aus Tunesien. Auch Fedih (60) hatte Panik vor dem Wasser. „Wir haben ja nie etwas für uns getan und jetzt mit Rückenschmerzen und unserer Gesundheit zu kämpfen“, sagen sie. Es sei toll, dass es dieses Angebot gebe. Ihre Männer unterstützen sie dabei, so erzählen sie – und holen sie vor der Schwimmhalle wieder ab.

Am Anfang mussten klare Regeln her, erinnert sich die Schwimmmeisterin. „Einige wollten im Burkini schwimmen. Doch das ist auch eine Sicherheitsfrage. Wenn ich die Frauen, weil sie nicht schwimmen können oder sich ihr Stoff vollsaugt, retten muss, ist die Gefahr, dass ich mich darin auch verheddere, einfach zu groß.“ Und außerdem bekomme die Filteranlage mit so viel Stoff pro Person auch ihre Probleme, der Chlorgehalt müsste ebenfalls erhöht werden. Die Frauen haben sich geeinigt. Bedecken bis zum Ellenbogen und Knie in Schwimmkleidung ist okay. Mittlerweile machen das nur noch die Wenigsten. „Wenn wir hier unter uns Frauen sind, ist das okay“, sagt Radhia, aber sobald sie das Wasser verlassen und in der Umkleidekabine verschwinden, beginnen die religiösen Vorschriften wieder. Heraus kommen Frauen mit Kopftuch, aber freiem Gesicht, moderner Kleidung – aber Sommer wie Winter verdecken sie sich bis zu den Hand- und Fußgelenken. „Man gewöhnt sich daran“, erklärt eine junge Muslima.

Auch die deutschen Teilnehmer der Aquagymnastik haben sich langsam an ihre Badepartnerinnen gewöhnt. Wenngleich einige ältere Damen immer noch einen großen Bogen um die jüngeren Frauen im flachen Wasser machen. „Es geht mittlerweile, aber anfangs waren sie wirklich sehr rücksichtslos“, schildert eine 73-Jährige ihre Empfindungen. Sie sei mal nass gespritzt worden, weil die Frauen einfach so ins Wasser gesprungen sind. Von der Schwimmmeisterin gibt es Teil zwei der Geschichte: „Die junge Frau hat mehrfach darum gebeten, dass die Damen einmal Platz machen möchten, weil sie springen wolle. Sie wurde ignoriert.“

Verschiedene Glaubensrichtungen – ein Schwimmbecken. In Bad Schwartau funktioniert das trotz allem immer besser, wie die Beteiligten bestätigen. „Für die Frauen mit Migrationshintergrund ist das ein riesiger Gewinn, auch in Sachen Selbstbewusstsein. Das hier machen sie wirklich nur für sich“, sagt Miriam Senf. Die gelernte Heilerzieherpflegerin gibt seit gut eineinhalb Jahren den Schwimmkursus für Frauen mit einer weiblichen Badeaufsicht. Gerade in den Zeiten, in denen sich die Kommunen auf immer mehr Flüchtlinge einstellen müssen, seien Angebote wie dieses ein echter Zugewinn. In Eutin sei der Bedarf nach einer Frauenbadestunde nicht vorhanden.

Ein hiesiger Schwimmmeister erklärt auf Nachfrage: „Das gab es einmal vor vielen Jahren, doch dann kehrte sich das Blatt. Wir mussten zu diesen Zeiten immer mehr Männer aus dem Becken schicken, als Frauen hinein wollten. Das lohnte sich nicht mehr.“ Seit kurzem bietet die DLRG in Eutin einen Schwimmkursus für „junge Menschen“ (siehe Info-Kasten). Wie hilfreich solch ein Angebot ist, sagt eine junge Muslima nach der Badestunde: „Diesen Sommer kann ich zum ersten Mal mit meiner Familie ins Wasser.“ Dann allerdings mit Burkini.

Beim Helfertreffen in Eutin wurde der Wunsch laut, dass die Flüchtlingsfrauen und Kinder doch eine Möglichkeit haben sollten, schwimmen zu lernen. Christian Grantz kontaktierte daraufhin die DLRG Eutin, die sofort bereit war, einen Schwimmkursus „für junge Menschen“ anzubieten. Grantz: „Die bisherigen Teilnehmer haben teils Migrationshintergrund, teils nicht. Wir wollten das bewusst offen halten, um nicht auszugrenzen.“ Jeden Samstag zwischen 9.45 Uhr und 11 Uhr können Interessierte  ab sechs Jahre gegen eine kleine Gebühr (drei Euro oder Bildungskarte) schwimmen lernen. Weitere Informationen gibt Christian Grantz bei der Stadt Eutin; dort werden auch die Anmeldungen entgegengenommen unter der E-Mail-Adresse: c.grantz@eutin.de oder per Tel. 04521/793-266.
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