Eutin : „Viele haben nicht gelernt, miteinander zu sprechen“

Wenn Frank Henrich seinen Klienten ihre Situation bildlich verdeutlicht, seien für viele die Probleme klarer erkennbar.
Wenn Frank Henrich seinen Klienten ihre Situation bildlich verdeutlicht, seien für viele die Probleme klarer erkennbar.

Der OHA sprach mit dem Familien- und Sexualtherapeut Frank Henrich über typische Beziehungsprobleme.

shz.de von
03. Januar 2015, 04:00 Uhr

Legofiguren warten auf der Fensterbank neben zwei in sich verschlungenen Liebenden aus Holz. Der Praxisraum von Familien- und Sexualtherapeut Frank Henrich ist nüchtern eingerichtet und dennoch gemütlich.

Die Menschen, die zu Frank Henrich (41) kommen, sind so verschieden wie ihre Probleme: „Mein Mann hat keine Lust mehr auf mich“, „sie setzt mich unter Druck“ oder „Ich bin immer das Opfer“. Letztlich dreht sich aber alles um Anerkennung, Bindung und Offenheit zu sich selbst und dem Partner gegenüber, weiß der Familien- , Paar- und Sexualtherapeut.

Warum mache ich etwas, arbeite mich zu Tode oder mühe mich für die Familie ab – das seien oft die Fragen, mit denen sich die Klienten bei ihm konfrontiert sehen. „Sie wollen Anerkennung, Lob. Glauben oft nur etwas wert zu sein oder es wert zu sein, geliebt zu werden, wenn sie etwas leisten. Diese Art von Selbstbewusstsein gilt es aufzubrechen und aufzuarbeiten“, sagt der ausgebildete Systemtherapeut.

Immer stoße er bei der Bearbeitung der verschiedensten Probleme auf die Wurzeln in der Kindheit. „Dort wurden gewisse Muster – oft Überlebensstrategien genannt – erlernt, die die Menschen in ihren Beziehungen zu Mann, Frau oder Kind spiegeln. Die Partner sind meistens die besten Projektionsflächen.“ Um aus dem Kreislauf ausbrechen zu können, müssen sie ihr Handeln und dessen Zusammenhänge einmal vor Augen geführt bekommen, so der Experte. Erst dann könne realisiert werden, wie das eigene Verhalten auf andere wirke.

Wer kommt zu ihm in die Praxis? „Die unterschiedlichsten Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten.“ Viele seiner Klienten seien um die 40 Jahre und älter und stellten fest: „So soll es nicht weitergehen.“ Sie wollten sich beruflich oder privat verändern oder erlebten eine Überforderung als Eltern. „Wichtig ist es immer, in die Selbstreflexion zu gehen. Nicht zu sagen: ‚Mein Mann will das so.‘ Sondern sich selbst zu fragen, was man eigentlich möchte und so offen zu sich selbst und auch dem Partner zu sein“, rät Frank Henrich. Über Probleme in der Partnerschaft oder im Bett zu reden, sei damals wie heute (Henrich arbeitet seit rund 20 Jahren in dem Bereich) ein Tabu. „Es sind immer noch als erstes die Frauen, die anrufen, davon erzählen, dass man sich auseinandergelebt habe.“

Die Männer seien in der ersten Sitzung bei ihm oft nur Beiwerk, bis sie Henrich aus der Reserve lockt. „Ich agiere als Dolmetscher zwischen den Paaren. Viele haben nicht wirklich gelernt, offen miteinander zu kommunizieren.“

Wie das geht, erklärt der Experte: „Sich Zeit nehmen füreinander und wirklich zuhören, welche Empfindungen mein Gegenüber äußert ohne gleich zu interpretieren und in eine Rechtfertigungshaltung zu verfallen.“ Wenn Paare miteinander über Probleme sprechen, dürfte nicht das typische „du machst immer“ oder „nie hörst du mir zu“ fallen. Es gehe bei der Kommunikation darum, selbst seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ohne Vorwürfe zu formulieren – „sondern ganz bei sich zu bleiben“.

Oftmals kranke es schon daran, wenn es um das Thema Gefühle gehe. Dies sei für viele Menschen bereits eine Hürde: „Sie sind im Kopf, wollen alles verstehen und erklären – fühlen sich selbst aber nicht.“ Henrich übt das mit den Paaren: „Das Wichtige ist dabei, auch das Schweigen auszuhalten, ohne gleich wieder hineinzuinterpretieren. Viele können das nicht mehr – beisammen sein und schweigen.“

Auch der Druck, den man sich aus einer angenommenen Erwartungshaltung heraus mache, sei oft das Problem zwischen den Partnern. „Hier im Büro fallen vielen Eltern oder Partnern die Kinnladen runter, weil sie nie gedacht hätten, dass sich ihr gegenüber so fühlt“, sagt Henrich.

Macht der Druck im Alltag zusätzlich Druck im Privatleben? „Hier kommen wir wieder zur grundsätzlichen Frage: Warum machen wir uns Druck? Weil wir Anerkennung brauchen? Weil wir sonst glauben, nichts wert zu sein? Wer seine persönlichen Themen bearbeitet hat, die innersten Fragen beantwortet, der ist auch ausgeglichener ins Berufs- und Beziehungsleben.“

Was ist eigentlich Liebe? „Ein Gefühl, dass man in der Herzgegend spüren kann, sich nah sein – auf vielen Ebenen. Wenn man das verinnerlicht und zurückgefunden hat, geht es beim Sex auch nicht bloß um die Jagd nach dem schnellen Orgasmus.“ Gerade bei diesem Thema sollten Frauen und Männer miteinander reden – erst recht, wenn es mal nicht so gut klappt.

Der heutigen Jugend werde, so Henrich, in den frei zugänglichen Pornos im Netz ein falsches Bild von der Sexualität signalisiert. „Da setzt sich kein Erwachsener dazu und erklärt, dass Liebe und Sex etwas ganz anderes ist, als das, was sie da sehen können. Der Erwartungsdruck an sich selbst beim Ausprobieren ist damit auch ein ganz anderer.“

Ebenso ein Problem – gerade der jüngeren Generation – sei ein oftmals gestörtes Bindungsverhalten zwischen Eltern und Kind – „welche Mutter hat in dem Moment eine Bindung zum Kind, in dem Sie mit dem Handy am Ohr den Kinderwagen schiebt oder beim Stillen über den Vater ablästert. Das passt nicht zusammen“. Und Kinder mit gestörten Bindungsverhältnissen lebten das – wegen der erlernten Muster – weiter, wenn der Kreislauf nicht unterbrochen werde.

Deutlich werde das auch bei seinen Klienten der 1950er Jahrgänge. Die sogenannten Nachkriegskinder. „Das sind die Kinder verlorener Väter. Wenn der Vater im Krieg blieb, heirateten die Frauen oft einen Mann aus der Familie, vielleicht den Bruder des ersten Mannes. Das war aber nicht der, mit dem sie das Leben verbringen wollte. Unterbewusst schwingt das immer mit bei dem Umgang mit den Kindern oder sie hatten keine richtige Vaterfigur“, weiß Henrich. Nicht selten säßen diese Menschen bei ihm, weil sie heute ein Problem hätten, das aus dieser Vorgeschichte resultiere – vom Streit über die Vaterrolle bis hin zum „gestörten“ Beziehungs- und Sexualleben.

„Eine Partnerschaft bedeutet eine lebenslange Chance auf Weiterentwicklung und – ohne esoterisch klingen zu wollen – Heilung der eigenen Seele“, sagt Frank Henrich.

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