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Ostholsteiner Anzeiger

20. September 2017 | 16:53 Uhr

Viele Esten fürchten russische Ansprüche

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 15.Apr.2014 | 15:35 Uhr

Vor einigen Wochen war ich im Rahmen eines von der Austauschorganisation „Youth for unterstanding“ (YFU) organisierten Ausflugs für drei Tage in Narva, einer Grenzstadt zu Russland. Da wir nur die Fahrtkosten zahlen mussten, waren fast alle der 28 Austauschschüler da. Hier sind Busse und Züge extrem günstig, für die 180 Kilometer nach Narva habe ich 7 Euro bezahlt.

Wir haben in einer Schule, dem „Eesti-Gümnaasium-Narva“, übernachtet, der einzigen größeren Schule im gesamten Landkreis Lääne-Virumaa, in der der Unterricht in Estnisch stattfindet, da in diesem Kreis ein Großteil der russischen Minderheit Estlands lebt. Fast alle Schüler, mit denen wir uns dort unterhielten, konnten sowohl Russisch als auch Estnisch fließend sprechen. Meistens kam ein Elternteil aus Russland, das andere aus Estland.

Wir Austauschschüler haben an der Schule in Gruppen Präsentationen über unsere Heimatländer gestaltet und kleine Sprachkurse gegeben. Auch für mich war es spannend, noch etwas über die Heimatländer meiner Freunde zu erfahren.

Nach dem Unterricht hatten wir einige Spiele für die jüngeren Schüler organisiert und abends saßen wir noch lange mit den älteren Schülern in der sehr gemütlichen, kleinen Aula und haben uns unterhalten. Einige der Austauschschüler sind mit einem speziellen Musikprogramm hier in Estland und haben uns auf dem Flügel ein improvisiertes Konzert gegeben. Luftlinie 400 Meter entfernt zur russischen Grenze hatten wir einen sehr interessanten Abend.

Am nächsten Tag haben wir von einer Schulklasse eine kleine Stadtführung bekommen und gemeinsam die Festung an der Grenze zu Russland besichtigt. Die Grenzkontrollen mit all den Schranken, Zäunen und Kontrolleuren waren auch zu sehen. Es war für uns Mitteleuropäer sehr spannend, dass die Plattenbauten auf der anderen Seite des Grenzflusses schon zu Russland gehörten und wir somit an der Grenze der EU standen.

Apropos Plattenbauten: Narva als Stadt entspricht sehr dem osteuropäischen Klischee. Es gibt noch mehr graue Plattenbauten, baufällige Gebäude und kaputte Straßen als im Rest Estlands, dafür aber einige sehr schöne orthodoxe Kirchen. Ich würde Narva jedoch nicht hässlich nennen, es hat einen ganz eigenen Charme.

Besonders an Narva ist, dass dort etwa 94 Prozent Russen leben oder Esten, die Russisch sprechen. Deshalb mussten wir auf Englisch nach dem Weg zum Supermarkt fragen – unser Estnisch wurde nicht verstanden.

Etwa 25 Prozent der estnischen Bevölkerung gehört der russischen Minderheit an, in den Gebieten nahe der Grenze liegt der Anteil meist über 50 Prozent. Eigentlich höre ich in der Stadt jeden Tag Russisch.

Die sogenannten „Russen“ – eigentlich sind sie ja Esten, aber hier nennt man sie immer nur Russen, da sie kein Estnisch können – waren mir eigentlich sehr sympathisch, man könnte sagen, sie waren offener und hatten etwas mehr Temperament als die Esten, die ich kenne. Eine russisches Großmütterchen kam beispielsweise einfach so zu unserer Gruppe, als sie hörte, dass unsere drei Mexikaner Spanisch und wir deutschen Schüler Deutsch untereinander sprachen. Sie sagte, dass sie unsere Sprachen sehr lustig und hübsch finde, so übersetzten es uns die Schüler aus Narva.

Auch die Schüler des Eesti-Gümaasiums waren alle sehr interessiert und hatten keine Angst, Fragen zu stellen oder unsere zu beantworten. Bei „estnischen Esten“ muss man am Anfang manchmal selber ein bisschen aktiver sein, bis sie ihre Schüchternheit ablegen.

Die Esten selbst sehen es gar nicht gerne, dass viele der Russen in Narva und allgemein in Estland oft kein Estnisch lernen, da sie hier auch wunderbar auf Russisch zurechtkommen. Russen, die Estland als unabhängiges Land und Estnisch als lernenswerte Sprache anerkennen, werden sehr respektiert und keiner stört sich an ihrem starken Akzent.

In meiner Parallelklasse haben wir zwei Mädchen, die mit geringen Estnisch- Kenntnissen auf die Schule gekommen sind. Sie werden sehr unterstützt und gelobt, da sie mittlerweile schon die Sprache sehr gut beherrschen.

Die meisten Esten lernen auch Russisch in der Schule, was nicht bedeutet, dass sie mehr als drei Sätze sprechen können. Ich weiß auch nicht, was da schief läuft. Meine Russischlehrerin ist Russin, die mit einem sehr interessanten Akzent auf Estnisch unterrichtet.

Ein Großteil der hier lebenden russischen Minderheit spricht aber nun mal kein Estnisch, obwohl es die einzige anerkannte Landessprache ist. Seit ich mehr als drei Sätze auf Estnisch beherrsche, höre ich oft den Satz: „Rosa, du sprichst nach so kurzer Zeit schon so gut Estnisch! Die Russen, die hier seit 70 Jahren leben, sprechen kein Wort Estnisch.“

Diese Aussage ist eigentlich sehr traurig, weil sie die Beziehung der Esten zu der russischen Minderheit sehr gut widerspiegelt. Doch ich, die ich versuche diese Sprache zu lernen, fasse es trotz des bitteren Beigeschmacks durchaus als Kompliment auf.

Den Russen wurde das Recht zugesprochen, eigene Schulen zu gründen, was leider zu einer ziemlichen Abkapselung führt. Es gibt Dörfer, in denen ausschließlich Russen leben und im Dorfladen alle Schilder in kyrillischer Schrift sind.

Hier in Tartu haben wir ein Russenviertel, vor dem ich immer gewarnt werde. Auch als ich erzählte, ich wolle nach Narva, hieß es scherzhaft, ich solle besser ein Messer mitnehmen und man rechne eigentlich nicht damit, dass ich lebendig wiederkommen werde.

Aufgrund ihrer Geschichte haben die Esten kein besonders gutes Bild von Russland und den Russen, es geht sogar so weit, dass verhältnismäßig viele Esten Hitler positiv sehen: Er habe die Russen daran gehindert, ganz Europa zu erobern.

Als Deutsche fällt es sehr schwer, mit solchen Aussagen umzugehen, mit denen ich natürlich nicht übereinstimme. Aber es ist auch interessant, zu diskutieren, und ich bemerke, wie sehr mein eigenes Weltbild von der deutschen Kultur und dem, was ich in der Schule gelernt habe, geprägt ist.

Zumindest positiv ist, dass gerade die älteren Esten ein gutes Bild von den Deutschen haben. „Die Deutschen haben bezahlt oder getauscht, wenn sie unsere Kartoffeln wollten, die Russen haben sie sich einfach genommen.“ Diesen Satz habe ich schon des Öfteren gehört. Ob er so stimmt, weiß ich natürlich nicht.

Durch das derzeitige Geschehen in der Ukraine ist das „Russenthema“ gerade sehr aktuell und wird viel in den Medien und der Politik diskutiert. Beispielsweise wird überlegt, ob man die russischen Schulen nicht mit estnischen verschmelzen sollte.

Gerade die älteren Generationen, die die russische Besatzung noch erlebten, haben Angst, dass Russland auch Estland „zurückhaben“ will. Natürlich wissen alle, dass dies sehr unwahrscheinlich ist. Schließlich ist Estland sowohl Mitglied der EU als auch der Nato. Außerdem gab es eine Umfrage, nach dem die in West- und Mittelestland lebenden Russen durchaus damit zufrieden sind, nicht in Russland zu leben. Dennoch ist es ein sehr heikles Thema hier, und die Ängste sind in Anbetracht der Geschichte Estland durchaus zu verstehen.

Für uns Deutsche mag es etwas Selbstverständliches sein, das wir in unserem eigenen Land leben. Für die Esten jedoch ist es etwas sehr besonderes, denn in ihrer Geschichte wurden sie fast ununterbrochen von abwechselnden Ländern unterdrückt. Ihre Freiheit und Unabhängigkeit ist den Esten sehr wichtig und sie sind unwahrscheinlich stolz auf ihr eigenes Land und ihre Kultur.

Das „Russenthema“ ist hier wirklich sehr kompliziert und vielschichtig. Ich kann nur wiedergeben, was mir erzählt wurde und was ich selber erlebt habe, und somit ist dieser Bericht natürlich sehr subjektiv erzählt.

Ich werde mich jetzt auch gleich an meine Russischhausaufgaben setzen. Denn ja: Auch ich lerne Russisch hier. Viel mehr als das Alphabet und Begrüßungen bringe ich leider noch nicht zu Stande…

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