zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

19. Oktober 2017 | 11:51 Uhr

Verständnis für einen Faustschlag

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Weil er einen Einbrecher mit Gewalt zur Herausgabe der Beute bewegte, musste sich ein 21-jähriger Eutiner vor Gericht verantworten

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2016 | 14:07 Uhr

Es gab wohl niemanden im Gerichtsaal, der nicht ein gewisses Verständnis für die Tat des jungen Eutiners aufbrachte, der gestern im Eutiner Amtsgericht auf der Anklagebank saß. An einem Freitagmorgen im Juli 2015 wird in seine Wohnung eingebrochen. Der Einbrecher lässt eine beträchtliche Summe Bargeld mitgehen. Am Abend desselben Tages – so schilderte es der 21-jährige Eutiner – ist er mit zwei Freunden unterwegs und entdeckt den Einbrecher zufällig auf der Straße. Der junge Mann sprintet spontan quer über die Elisabethstraße und verpasst dem Dieb an der Ecke zur Albert-Mahlstedt-Straße nach kurzem Wortgefecht einen Faustschlag ins Gesicht. Dieser ist daraufhin so beeindruckt, dass er einen großen Teil der Beute wieder rausrückt.

Wer nun meint, damit sei der Gerechtigkeit genüge getan, irrt. Denn der junge Eutiner, ein angehender Zimmermann, musste sich wegen Nötigung verantworten – und zwar vor dem Schöffengericht, womit ihm eine Haftstrafe von mehr als einem Jahr drohte. Hinzu kam allerdings auch noch ein Drogendelikt. Denn zur Beute, die der Angeklagte zurückerhielt, gehörten auch mehrere Cannabis-Knospen.

Um es vorweg zu nehmen: Ganz dick kam es nicht für den Angeklagen, der sich laut Vorsitzendem Richter Otto Witt bislang nichts Relevantes zu Schulden kommen ließ. Doch ungeschoren kam er auch nicht davon. Von Nötigung ging das Gericht zwar nicht mehr aus, wohl aber von Körperverletzung und einem Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Gegen die Zahlung einer Geldbuße von 400 Euro an den Kinderschutzbund wird das Verfahren eingestellt, was der Eutiner erleichtert akzeptierte.

Die stolze Summe von 2500 Euro soll der Einbrecher gestohlen haben. Den Verdacht, das Geld habe etwas mit Drogengeschäften zu tun, bestritt der junge Mann, vehement. „Ich bin seit meiner Kindheit ein ziemlich sparsamer Junge“, erklärte er auf Nachfrage der Staatsanwältin Meike Böckenhauer. Er habe schon früh mit Nebenjobs Geld verdient. Ihm sei es lieber, wenn er das Geld zu Hause habe.

Die von der Staatsanwaltschaft angegebenen 50 Gramm Cannabis seien außerdem deutlich zu hoch angesetzt, es seien höchstens 20 Gramm für den Eigenbedarf gewesen. „Das waren zehn Gläser, in denen war jeweils eine Knolle drin, ’ne leckere, meiner Meinung nach.“

Bei der Polizei habe man ihm wenig Hoffnung gemacht, dass er sein Geld wiedersehe, berichtete der Angeklagte. Zwei Zeugen hatten den polizeibekannten Mann bei der Tat beobachtet, dem Angeklagten selbst war er kurz vor dem Einbruch noch über den Weg gelaufen. „Wenn es sich tatsächlich um den beschriebenen Täter handelt, ist das Geld weg“, habe man ihm gesagt. Doch nach dem Faustschlag habe der Einbrecher einen großen Teil des Geldes – 700 Euro – aus der Hosentasche geholt. Weiteres Bargeld und das Cannabis habe er bei einem Kumpel in der Fritz-Reuter-Straße gehabt.

Der Faustschlag sei auch durch seine Wut auf den Einbrecher ausgelöst worden, schilderte der Angeklagte. „Ich hab zum ersten Mal zugeschlagen in meinem Leben. Aber das ging mit mir durch.“ Schließlich habe ihm der Mann aber sogar leid getan. „Er hat sich direkt vor uns in die Hose gepinkelt.“ Außerdem habe er erklärt, Schulden bei ziemlich unangenehmen Leuten zu haben und nicht zu wissen, was er machen solle. Am Ende habe er dem Mann gar Kleingeld gegeben, damit er sich etwas zu essen kaufen könne.

Der Vorsitzende Richter Otto Witt deutete nach der Beweisaufnahme an, dass er sich vorstellen könne, das Verfahren einzustellen. „Sie merken ja, dass wir das menschlich verstehen können“, sagte Witt dem Angeklagten, fügte aber im gleichen Atemzug hinzu: „Selbstjustiz wollen wir auch nicht haben.“ Witt schlug schließlich eine Geldbuße in Höhe von 450 Euro vor. Das Verständnis für den jungen Angeklagten war offenbar auch bei den Schöffen vorhanden. Sie sorgten wohl bei der Beratung im Richterzimmer dafür, dass die Höhe der Geldbuße auf 400 Euro gedrückt wurde – ein Abschlag, mit dem sich Staatsanwältin Böckenhauer sofort einverstanden zeigte und der Verteidiger sowieso.

Auf eine Aussage des Einbrechers musste das Gericht übrigens verzichten. Er war trotz Ladung nicht erschienen. „Bezeichnend“ fand das Meike Böckenhauer. Auf ein Ordnungsgeld gegen den fehlenden Zeugen verzichtete Otto Witt aber. Ihm schwante, dass er dem Geld nachher „nur hinterherlaufen“ müsse.

RA dabei

mehrere Schläge bestritten

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert