Eutin : Verkehrsexperten diskutieren mit Eutinern über neues Stadtbussystem

Bessere Taktung, barrierefreie Haltestellen und günstigere Preise. Verbesserungsideen gab es viele beim Workshop zum Thema Stadtbus in Eutin.
Bessere Taktung, barrierefreie Haltestellen und günstigere Preise. Verbesserungsideen gab es viele beim Workshop zum Thema Stadtbus in Eutin.

Taktung, Preis und Angebot – dies müsste laut Workshop beim ÖPNV verbessert werden, um von mehr Menschen zu erreichen.

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07. November 2019, 15:59 Uhr

Eutin | Wie kann der Busverkehr in Eutin attraktiver werden, sodass ihn auch mehr Menschen nutzen? Das und die Erhebung des aktuellen Ist-Zustandes hatte der ÖPNV-Workshop in den Torhäusern zum Ziel, zu dem die Stadt Eutin und Planmobil aus Kassel am Mittwochabend eingeladen hatten. Planmobil ist ein Unternehmen, das sich mit Mobilitätsplanung und Verkehrskonzepten bundesweit beschäftigt und für den Kreis Ostholstein und Eutin derzeit ein neues ÖPNV-Konzept erarbeitet.

60 Interessierte diskutieren über Verbesserungsmöglichkeiten

Rund 60 Interessierte waren gekommen, darunter Vertreter aus Politik, lokaler Wirtschaft und aus der Verwaltung von Kreis und Stadt. Dass die meisten mit dem Auto gekommen waren und nur wenige der Anwesenden überhaupt Bus in Eutin fahren, hatte eine Vor-Ort-Umfrage zu Beginn ergeben. „Noch fehlt es an den entsprechenden Angeboten“, rief ein Eutiner.

Das neue ÖPNV-Konzept soll das Nahverkehrsangebot sowie die Bus- und Schienenanbindungen grundsätzlich verbessern. „Das Ziel ist, künftig mehr Menschen von anderen Mobilitätsformen als dem Auto überzeugen zu können“, sagte Maik Bock vom Planmobil-Team. Eutin sei ein wichtiger Knotenpunkt für alle, weil sich hier auch die Züge nach Lübeck und Kiel treffen, so Bock.

Wie kann der Umstieg gelingen? Günstigere Preise sind wichtig

Aber wie kann der Umstieg gelingen? In vier Gruppen – eingeteilt nach den Gebieten Fissau/Sibbersdorf/Sielbeck, Neudorf, Stadtzentrum und Charlottenviertel/Süd – arbeiteten die Anwesenden unabhängig voneinander drei veränderungswürdige Punkte heraus: Taktung, Preise und Angebot. Die Busse sollten häufiger fahren, Zeiten besser an Bedürfnisse wie den Schulschluss und Zugbindung angepasst werden. Die Fahrpreise seien derzeit in der Überarbeitung, da stehe der Kreis Ostholstein mit Nah-SH in Verbindung. „Wir haben in Ostholstein aktuell teurere Preise als in anderen Regionen des Landes, daran müssen wir arbeiten“, sagt Oscar Klose vom Fachdienst regionale Planung beim Kreis Ostholstein. Als Beispiel nennt Klose den Zuschnitt der Tarifzonen: „In Nordfriesland kommen sie mit sechs Euro 60 Kilometer weit, in Ostholstein sind es 13.“ Die Einzelfahrt in Eutin liege bei 1,90 Euro. Günstigere Angebote machen zu können, bedeute auch, dass es anders finanziert werden müsse und dies gehe dann nur im Zusammenspiel mit Politik.

Bessere Anbindung der Randgebiete

In Sachen Angebot wünschten sich die Anwesenden nicht nur bessere Verbindungen, die auch die Randgebiete abdecken wie beispielweise Sielbeck, Fissau oder das Industriegebiet, sondern auch barrierefreie und nutzerfreundliche Haltestellen. „Was bringt sonst ein barrierefreier Bus“, fragten Teilnehmer. Derzeit reiche die Haltestellen-Palette von „Stehen im Matsch“ bis „gemauerter Unterstand mit Bank“, eine Angleichung nach oben sei da wichtig, betonte die Fissauer Gruppe.

Verschiedene Welten: Praktiker Karl-Heinz Stäblein (li) hält Ideen von Verkehrsexperte Heiner Monheim und Matthias Rachfahl (CDU) für nicht umsetzbar.
Verschiedene Welten: Praktiker Karl-Heinz Stäblein (li) hält Ideen von Verkehrsexperte Heiner Monheim und Matthias Rachfahl (CDU) für nicht umsetzbar.
 

Kleinere Busse, bessere Taktung und Anbindung der Wohngebiete

In der Diskussionsrunde Neudorf und Hochkamp prallten Welten aufeinander, als sich Verkehrsexperte Heiner Monheim und CDU-Fraktionsvorsitzender Matthias Rachfahl für kleinere Busse aussprachen, um die Menschen in den engen Wohnstraßen „mitzunehmen“ und andererseits Karl-Heinz Stäblein von den Rohde-Verkehrsbetrieben aus seiner Praxis große Zweifel an der Umsetzung hegte. „Was sagen sie der Mutter mit Kinderwagen oder den Menschen mit Rollatoren, die sie dann in einen kleinen Bus nicht mehr mitbekommen“, fragte der Busfahrer. Mohnheim konterte: „Ich vergrößere doch nicht den Bus und verlängere die Wege zu den Haltestellen für die Menschen. Ich schraube an der Taktung. Wenn kleinere Busse häufiger fahren, ist das nicht das Problem von heute.“ Monheims Argument, dass er hunderte Bussysteme analysiert und mehr als 30 erfolgreich geplant habe, kam beim Praktiker nicht an: „Das wird hier so nicht klappen.“ Andere zeigten sich da zuversichtlicher, waren sie doch gerade wegen dem Wunsch nach Verbesserung gekommen.

Maik Bock präsentierte die Ergebnisse der Teilnehmer-Diskussionen.
Constanze Emde
Maik Bock präsentierte die Ergebnisse der Teilnehmer-Diskussionen.
 

„Öffentlicher Nahverkehr muss verlässlich sein“

Aktuell fuße der öffentliche Nahverkehr in erster Linie auf der Schülerbeförderung. Für die ist der Kreis verantwortlich, er ist auch Finanzier des Überregionalen, so Bock. Eutin finanziert, um in der Kreisstadt einen anderen Standard bieten zu können, einen Teil des innerstädtischen Verkehrs mit und hat deshalb Mitspracherecht.

Die Fahrgastbefragung, die das dreiköpfige Team von Planmobil im September an zwei Tagen gemacht hat, zeigte in Kombination mit der Fahrplananalyse, dass werktags von 5.30 bis 20.45 Uhr eine Abdeckung erfolge, wenn auch teils nur in großen zwei Stunden-Taktung. Es an Samstagen oder Sonntagen aber eher schlecht mit der öffentlichen Mobilität aussehe, diese aber von den befragten Nutzern gewünscht wurde. Die Frequenz sehe in den Ferienzeiten (weil auf Schülerverkehr ausgerichtet) noch schlechter als an Wochenenden aus, betonte Bock. „In guten Stadtbussystemen gibt es keine Fußnoten. Die Nutzer müssen sich auf die Zeiten verlassen können, ob samstags oder mittwochs, in den Ferien oder außerhalb. Öffentlicher Nahverkehr muss verlässlich sein“, machte Monheim deutlich.

Im Frühjahr soll Konzept auch für Eutin erarbeitet werden

Die Verlässlichkeit kann ab August 2020 sogar soweit gehen, dass per Nah-SH-App wie bei Zügen auch die Pünktlichkeit, Verspätung und Fahrplan nachgeschaut werden können. „Alle Fahrzeuge sollen technisch so ausgerüstet sein, dass sie Echtzeitanzeigen ermöglichen“, sagte Maik Bock. Außerdem sollen die neuen Fahrzeuge ein Zählsystem haben, das genaue Auskünfte zu den Fahrgastzahlen ermöglichen, aktuell würden die nach verkauftem Kartentyp hochgerechnet. Auf den vier Stadtbuslinien gibt es derzeit pro Jahr laut Rohde-Angaben 43.936 Einzelfahrten, 510 Monatskarten und mehrere hundert Tages- und Mehrfahrtenkarten. Heiner Monheim ist überzeugt: Mit dem richtigen System werden es eine Millione Fahrgäste im Jahr.

Im Frühjahr will Planmobil mit einem Konzept und Kostenvarianten ins Gespräch mit den politischen Gremien gehen.

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