Verboten, aber lustig: der „Aufnahmetest“

Der „aktus“ am ersten Schultag. Rosa konnte einen Stuhl ergattern, ist allerdings schwer zu erkennen.
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Der „aktus“ am ersten Schultag. Rosa konnte einen Stuhl ergattern, ist allerdings schwer zu erkennen.

shz.de von
09. November 2013, 00:33 Uhr

Nach zwei Monaten bin ich endlich richtig angekommen. Im ersten Monat war alles sehr neu, anstrengend und aufregend. Mein Gehirn war mit all den neuen Informationen und Eindrücken so überfordert, dass ich ununterbrochen müde war, obwohl ich täglich zehn Stunden geschlafen habe.

Doch jetzt wird es besser. Ich bin in der Schule nicht mehr ganz so orientierungslos wie am Anfang, kann den Stundenplan lesen und weiß, wann es Essen gibt. In meiner Klasse fühle ich mich wohl und ich habe Freunde gefunden. Außerdem bin ich in den Schulchor und den Ruderverein eingetreten und besuche jeden Montag das „Loodusmaja“, eine Art „Naturhaus“, wo wir etwas über Umweltschutz lernen.

Täglich habe ich bis 15.45 Uhr Schule, das ist hier normal. Deshalb essen alle Schüler in der Schulkantine zu Mittag. Die Qualität des Essens schwankt zwischen „gerade so essbar“ und „in Ordnung“, aber es ist günstig und sättigt.

Am Anfang hatte ich keine Ahnung von irgendwas in der Schule. Alle sind neu in meiner Klasse, da man hier erst mit 16 ins „Gümnaasium“ kommt, deshalb konnten mir meine Mitschüler auch nicht so viel helfen. Andauernd änderte sich der Stundenplan und alle wussten es – außer mir natürlich. Oder wir durften früher nach Hause, das heißt plötzlich fingen alle an zu packen und ich saß völlig perplex auf meinem Platz.

Da ich ja überhaupt kein Estnisch konnte und im Unterricht rein gar nichts verstand, war es sehr schwer, nicht einzuschlafen. Doch mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, ich lerne selbstständig Estnisch, lese englische Bücher oder schreibe die Powerpoint-Präsentation ab, um sie dann später übersetzen zu können.

In Bio und Geschichte arbeite ich mit englischsprachigen Büchern aus der Bücherei und in Mathematik komme ich dank der Übersetzungen meiner Klassenkameraden gut mit.

Insgesamt bin ich erstaunt, wie viel Estnisch ich schon kann. Meine „Ema“, meine Gastmutter, hat angefangen, mit mir Estnisch zu sprechen und erstaunlicherweise verstehe ich das meiste, oft kann man sich den Sinn aus dem Zusammenhang erschließen. Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst, Estnisch zu sprechen, weil meine Grammatik so schlecht ist, aber davon bin ich abgekommen.

Ich rede einfach so viel wie möglich, zwar mit schrecklicher Grammatik, aber solange man mich versteht, ist das ja nicht wichtig. Und über Missverständnisse kann man lachen. So habe ich zum Beispiel nach einem Huhn (kana) zum Frühstück gefragt und meinte eigentlich Getreidebrei (kama). Mein kleiner Bruder war völlig verwirrt und nachdem ich es fünf Mal wiederholt hatte, mussten wir meine Gastmama zu Hilfe holen...

Allerdings ist mein Wortschatz noch sehr begrenzt. Wenn es um das Mittagessen geht, bin ich fast Muttersprachlerin, aber in Bio oder Geschichte komme ich noch immer überhaupt nicht mit.

Aber zurück zur Schule: Das Jaan-Poska-Gümnaasium ist wirklich ganz anders als die drei deutschen Gymnasien, die ich bisher besucht habe. Zum einen ist alles sehr modern, es gibt in jedem Klassenzimmer einen Lehrercomputer und einen Beamer (der sogar funktioniert.), Laptops werden von manchen Schülern zum Mitschreiben genutzt und Handys und Tablets sind auch im Unterricht erlaubt.

Klassenbücher gibt es dafür nicht, alles wird in das „Stuudium-Süsteem“ eigetragen, dort stehen auch die Hausaufgaben, alle Noten und Vertretungspläne. Insgesamt ist alles ein bisschen lockerer, wenn du nicht aufpasst und lieber am Handy spielst oder wenn du eine Stunde zu spät kommt, dann ist das eben dein Problem.

Zum anderen gibt es hier viel mehr Traditionen als in Deutschland. Der erste Schultag wird zum Beispiel groß gefeiert, Mädchen kommen im Kleid und Jungs im Anzug, es gibt eine Zeremonie und man bringt dem Klassenlehrer Blumen mit. Es gibt einen „õpetajapäev“ (Lehrertag) an dem die 12. Klassen alle anderen unterrichten, und noch einiges mehr.

Die lustigste Tradition, die ich bisher kennen lernen durfte, ist das „rebaste rets“ was wörtlich übersetzt so viel wie „Brechen der Füchse“ bedeutet und eine Art Aufnahmezeremonie für die Zehntklässler ist, die neu an der Schule sind und Füchse genannt werden. An unserer Schule ist es eigentlich verboten, aber es wurde „illegal“ organisiert. Ich hoffe sehr, dass keiner meiner Lehrer zufällig den Ostholsteiner liest...

An drei Abenden haben wir uns abends im Park getroffen, immer an anderen Stellen. Wir Zehntklässler mussten uns verkleiden, mit Ohren und Fuchsschwanz und jede Klasse in einer anderen Farbe. Dann wurden die „Füchse“ von den „Wölfen“, den 12. Klassen, gequält. Wir mussten Basketball mit toten Karpfen gegeneinander spielen, sehr eklige und undefinierbare Flüssigkeiten im Mund transportieren, durch Matsch um die Wette robben, und wir wurden mit ziemlich vielen Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer gefüttert.

Aber trotz allem hat es irgendwie Spaß gebracht, weil es ziemlich gut für die Klassengemeinschaft war. Man wundert sich, wie lustig die am Anfang so verschlossenen Esten doch sein können. Zum estnischen Wetter lässt sich sagen, dass es dieses Jahr offenbar keinen Herbst gab. Innerhalb weniger Wochen fiel die Temperatur von 20 auf 5 Grad. Den ersten Frost hatten wir Ende September. Ich trage schon meine Winterjacke und frage mich, wie ich den richtigen Winter überleben soll? Aber ich bin freue mich auf die Erfahrung, bei minus 25 Grad und 90 Zentimetern Schnee zur Schule zu gehen.

Obwohl ich Deutschland manchmal vermisse, weil dort alles so unkompliziert und vertraut für mich war, bin ich sehr froh, diesen Schritt gemacht zu haben. Ich merke richtig, wie ich selbstständiger und unabhängiger werde und Schüchternheit muss man sowieso gänzlich ablegen, um zwischen all den stillen Esten Freunde zu finden.

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