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„Vabandust, kas te räägite Inglise keelt?“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Seit einigen Wochen bin ich jetzt in Estland. Ja, es hat mich nach Osten verschlagen. In ein Land, von dem ich bis vor etwa einem Jahr nicht mehr wusste als dass es einmal zur Sowjetunion gehörte und irgendwo unter Finnland liegt. Ach ja, natürlich ist es dort immer kalt und das Land ist insgesamt eher zurückgeblieben – es liegt ja schließlich im Osten. Doch ich wollte etwas völlig Neues probieren.

Und so habe ich mich bei der Austauschorganisation „Youth For Understanding“ (YFU) beworben. Zwei Wochen nach dem Auswahlgespräch kam ein Brief der YFU, in dem stand, dass ich einen Platz für das Austauschprogramm in Estland habe und außerdem am Natur- und Umweltprogramm teilnehmen könne. Durch dieses Sonderprogramm bin ich überhaupt erst auf Estland gestoßen. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern an diesem Programm nehme ich nun monatlich an Exkursionen durch die estnische Natur teil.

Estland. Ich fing natürlich sofort an, mich über dieses Land zu informieren. Ich habe alles gelesen, was ich über das kleine Land finden konnte. Und je mehr ich las, desto begeisterter war ich.

Estland ist ein kulturell sehr spannendes und landschaftlich wunderschönes Land. Außerdem ist es technisch weiter entwickelt als Deutschland.

Nach einer anstrengenden Vorbereitungszeit verabschiedete ich mich Mitte August von meiner Familie und meinen Freunden und flog erst einmal von Hamburg nach Frankfurt. Von dort ging es gemeinsam mit anderen deutschen Austauschschüler, die auch nach Estland wollten, nach Tallinn. Die meisten kannte ich bereits von der einwöchigen Vorbereitungstagung, deshalb war die Wiedersehensfreude natürlich groß.

Um 12.55 Uhr Mitteleuropäischer Zeit verließen wir deutschen Boden. Wir werden ihn erst am 28. Juni 2014 wieder betreten.

Der Flughafen in Tallinn ist der einzige internationale Estlands und trotzdem nicht einmal halb so groß wie der in Hamburg. Am Flughafen trafen dann nach und nach auch Austauschschüler aus den anderen Ländern ein, insgesamt sind wir 29 Schüler zwischen 15 und 18 Jahren aus aller Welt.

Nach vier Tagen „Arrival-Camp“, auf dem wir viel über die estnischen Sitten und Bräuche sowie über Methoden zum Erlernen der Sprache erfahren haben, wurden wir von unseren Gastfamilien abgeholt. Komischerweise war ich gar nicht aufgeregt, sondern nur müde und froh, endlich „nach Hause“ zu können.

Ich wurde sehr herzlich aufgenommen und fühle mich schon richtig als Mitglied der Familie! Ich habe drei kleine Brüder: Oskar ist 15, Pärtel 11 und Art Hubert (Hubsi) 5. Mit meinem „Vater“ Heiki und mit Hubsi kann ich leider nicht reden, sie sprechen nur Estnisch. Aber Aire, meine Gastmutter, spricht ganz gut Deutsch, Oskar und Pärtel können Englisch.

Ich bin oft total „sprachverwirrt“, das dauernde Wechseln zwischen Englisch und Deutsch ist anstrengend, und dann versuche ich natürlich, so viel Estnisch wie möglich zu benutzen. Aus mir unerfindlichen Gründen schleichen sich in Englisch und Estnisch immer wieder französische Vokabeln ein, was das Ganze nicht gerade erleichtert.

Natürlich hoffe ich, dass ich schnell Estnisch lerne, doch diese Sprache ist wirklich sehr schwer (14 Fälle, keine Präpositionen) und hat so gut wie keine Ähnlichkeiten mit dem Deutschen. Wenn man fleißig lernt, fängt man angeblich um Weihnachten herum an zu sprechen.

Am Anfang schien mir das unmöglich, aber ich bin erstaunt, dass ich jetzt ganz langsam anfange, einzelne Sätze zu verstehen. Nur das Sprechen ist sehr schwer, da bin ich nach wie vor ziemlich „aufgeschmissen“. In den ersten zwei Wochen konnte ich noch nicht einmal einzelne Wörter unterscheiden, alles war ein einheitliches Gemisch aus Lauten.

Das ist zwar heute auch noch oft so, aber es wird besser. Ich lerne täglich neue Vokabeln und Sätze, mittlerweile kann ich zum Beispiel dem Busfahrer klar machen, wo ich hin möchte und dass ich ihn leider nicht verstehe, da ich aus Deutschland komme. Überhaupt ist der Satz „Vabandust, kas te räägite Ing-
lise keelt?“ (Entschuldigung, sprechen Sie Englisch?) ziemlich wichtig für mich.

Estnisch ist für Deutsche eine sehr niedliche Sprache, das ist gut, denn lustige Vokabeln kann man sich leichter merken. „Küpsided“ sind Kekse und was ein „Spordiclubi“ und ein „Gümnaasium“ ist, kann man leicht raten.

Mein Dorf Tüki küla hat 50 Einwohner. Allerdings ist es nicht das, was man in Deutschland unter einem Dorf versteht: Die Dörfer in Estland können nur zehn Einwohner haben und sich trotzdem über große Flächen erstrecken. Alle zwei Kilometer stehen ein bis drei Häuser im Wald oder auf den Feldern, und sie werden dann irgendwie zu Dörfern zusammengefasst. Ich habe die Vermutung, dass man einfach den Bushaltestellen Namen gegeben hat und alle, die zu dieser einen Haltestelle kommen, wohnen in dem jeweiligen „Dorf“.

Ich habe zwei direkte Nachbarhäuser, und zur nächsten Bushaltestelle sind es drei Kilometer. Das dauert etwa 25 Minuten zu Fuß und ist nichts Ungewöhnliches. Ich fahre dann noch einmal 20 Minuten mit dem Bus nach Tartu zur Schule. Ich bin erst seit zwei Wochen in der Schule, darüber werde ich im nächsten Artikel schreiben.

Insgesamt bin ich gut angekommen und sehr glücklich, hier sein und die estnische Kultur erleben zu dürfen. Ich bin sehr gespannt auf die nächsten zehn Monate.

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erstellt am 10.Okt.2013 | 00:31 Uhr

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