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Ostholsteiner Anzeiger

20. August 2017 | 08:25 Uhr

Lütjenburg : Urlaub im Mittelalter

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Familie Michaelsen aus Itzehoe verbringt ihre Ferien in der Turmhügelburg in Lütjenburg – und lebt dabei wie vor 1000 Jahren.

„Gehören Sie zu den Ewig-Gestrigen?“, fragt ein Besucher und mustert Jörn Michaelsen von oben bis unten. Denn wie ein Urlauber sieht der Itzehoer zurzeit nicht aus: einfache Lederschuhe, Wadenwickel, eine Leinenpluderhose und eine Tunika. Alles in allem eine Landsmannstracht wie vor gut 1000 Jahren.

„Das hat nichts mit Romantik zu tun“, entgegnet Michaelsen, der zusammen mit seiner Frau, seinen drei Kindern und Kindern von Bekannten hier Urlaub im Mittelalter macht. Zweieinhalb Wochen lebt der promovierte Jurist im Gesindehaus an der Turmhügelburg und erklärt Besuchern der Museumsanlage das Mittelalter. Zumindest den Teil, der Michaelsen fasziniert – die Ottonenzeit, also die Zeitspanne von etwa 919 bis 1024, auch als Frühmittelalter bezeichnet. Als Mitglied des Vereins „Lebendige Geschichte“ möchte sich Michaelsen „einem authentischen Leben annähern.“ Also versuchen so zu leben, wie die Ottonen vor gut 1000 Jahren. Das fängt bei der Kleidung an und hört beim Kochen auf.

Bei letzterem wird genau darauf geachtet, dass nur Mittelalterliches auf den Tisch kommt – somit keine Kartoffeln, Tomaten oder Mohrrüben. Denn die gab es damals noch nicht. Die Bekleidung ist nach historischen Funden oder Vorlagen handgenäht. Die Werkzeuge zur täglichen Arbeit Originalen nachempfunden. „Die persönliche Erfahrung ist der beste Lehrmeister“, sagt Michaelsen.

Allerdings ist der Tagesablauf nicht ganz so authentisch, gibt Michaelsen zu. Ansonsten müssten sie jeden Tag um vier Uhr aufstehen, das Vieh füttern, mit dem sie im Gesindehaus unter einem Dach wohnen würden, mit dem Kochen beginnen, tagsüber hart arbeiten und mit dem Sonnenuntergang schlafen gehen. Aber schließlich sei ja Urlaub, gibt Michaelsen zu bedenken. Den Tagesrhythmus geben in Lütjenburg die Besucher der Anlage vor. Gegen 9 Uhr kommen die ersten, gegen Abend gehen die letzten. Zwischendrin wird das Mittelalter gelebt – und erklärt.

„Viele Menschen haben vom Mittelalter die romantische Sichtweise des 19. Jahrhunderts vor Augen“, sagt Michaelsen. Dass der Ritter in voller Rüstung herumschlenderte, sich mit dem Nachbar-Ritter duellierte und abends dem Burgfräulein etwas auf der Laute vorklimperte, sei Teil der „Ritterromantik“, die auch auf vielen Mittelalter-Märkten vorherrsche, sagt Michaelsen. „Viele Menschen wollen sich verstärkt auf Ritterlichkeit und Ehrbarkeit zurückbesinnen“, bestätigt Bernd Oldewurtel, 2. Vorsitzender des Vereins „Gesellschaft der Freunde der mittelalterlichen Burg in Lütjenburg“, die Beobachtung von Michaelsen. Viele Menschen wollten so dem Werteverlust der heutigen Gesellschaft entgegentreten, vermutet Oldewurtel. Sowohl der Turmhügelburg-Verein als auch die Mitglieder des bundesweiten Vereins „Lebendige Geschichte“ wollen sich aber fundiert mit dem Mittelalter beschäftigen. Alles sei archäologisch oder durch Dokumente belegt. Wie auch bei der zweiten deutschen Meisterschaft im Steinschleudern am 16. August rund um die Lütjenburger Museumsanlage, bei denen auch Michaelsen antreten möchte. Noch bis zum bis 22. August bewohnen die Ottonen die Turmhügelburg und freuen sich auf interessierte Besucher. Die können dann erfahren , dass das damalige Leben viele Entbehrungen bereithielt – von Krankheiten und kriegerischen Auseinandersetzungen einmal abgesehen.

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erstellt am 16.Aug.2014 | 11:00 Uhr

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